Selbstbildnis als Landei

Ich bin ein Landkind. Ob es mir geschadet hat, weiß ich nicht.

Für den Winter ist gesorgt.
Für den Winter ist gesorgt.

Ich habe mitten auf der Straße gespielt, mich mehr oder minder erlaubt in Ställen und Scheunen herumgetrieben, und beim Krippenspiel war ich der Weihnachtsengel. Das stärkste Mädchen aus dem Dorf erpreßte mich damit, daß ich was geklaut hätte, dabei stimmte das gar nicht. Ich grüßte jeden, den ich auf der Straße traf; andernfalls gab’s Schimpfe von daheim. Einmal die Woche trug ich Blättchen aus. Auf dem Friedhof las ich lauter bekannte Namen von den Grabsteinen. Ich wußte, wie eine Ziege von innen aussieht. Die Nachmittage am Bach endeten mit dem Abendläuten.
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Heute lebe ich im Innersten der Stadt, und gern, aber das Dorf lebt meinem Innersten. Und wenn ich eines sehe oder rieche, weiß ich gleich, woran ich bin.

Und dann

Und dann ist noch ein Jahr vergangen. Das Rad aus Tagen und Nächten, das immer den gleichen Kreis beschreibt, hat wieder eine Drehung vollendet, ohne daß jemand etwas getan hätte dafür. Ich schon ganz gewiß nicht.
Ich sichte Bilder. Die mit Dir, die, auf denen Du hättest sein und die, die von Dir nicht einmal wissen können. Es werden mehr, jedes Jahr. Manche gleichen sich.
Eine Flamme, eine Blume, ein Glas auf Dich. Ich hätte Dir so viel zu erzählen.
 
 
 
 
 
 

Ohne S.

Zum Abschied aus dem Kindergarten durften alle Vorschulkinder eine Nacht im Zelt schlafen. Decken und Matratzenlager und Hagebuttentee. Aus dieser Nacht stammt meine erste dokumentierte Erinnerung an S.: Ein Foto zeigt uns beide in einer Ecke des Zeltes, Kopf an Kopf, in eine Decke gehüllt, anscheinend in ein Gespräch vertieft. Ich schaue mit großen Augen ins Weite, S.  grinst mit weißen Zähnen und drei netten Grübchen. Ich nehme an, wir spielten mein Lieblingsspiel: zwei Kinder wären verloren gegangen in Sturm und Schnee und hätten sich eine Höhle gebaut.
Er kam dann in meine Klasse …

Blick aufs Glück

Ein Tag voller fröhlicher Gesichter: statt des vorhergesagten Regens schien die Sonne so warm, daß es die Flaneure aus ihren Jacken trieb. Mir macht das, wenn Menschen sich übers Wetter freuen, gute Laune.

Eingedellt.
… und schon vorbei.

So gestimmt, begegnete ich einem Freilufttelefonat. Normalerweise übe ich mich im Überhören, weil: Weißt du, wo ich bin? Auf dem Marktplatz! Und ich trinke einen Kaffee!, das ist nichts, was ich wissen muß. Aber hier erzählte das eine ältere Frau in ihr Telefon, allein an einem Cafétischchen, weißt du, was für ein Tag heute ist?, und es lag so viel Glück in ihrer Stimme, daß ich mich unweigerlich ihr zuwandte.
Dann fiel mir B. ein, die, so scheint es, alles hat, was man sich wünschen kann, und die an nichts und niemandem ein gutes Haar läßt. Von ihr heißt es: die hat Unglück im Glück.
Es ist Freitag der Dreizehnte. Ich gebe nichts auf Daten und Zahlen, außer für Geschichten.

Gezeichnet

Der umgekippte Tümpel stinkt, ein verhaltener, bitterer Hauch; zwischen den Bäumen glänzt er faulig. Ich zwinge mich, stehenzubleiben.
Nichts regt sich, nicht an seiner Oberfläche und nicht an seinem Rand; alles Leben ist geflohen. Und doch sind auf dem Wasserspiegel Zeichnungen zu sehen, Schnörkel und Krakel, Schlingen und Schwünge, kühne Striche auf der Algendecke.
Ich gehe in die Knie, folge so einer Linie mit den Augen, sie verläuft ungebrochen, und finde an ihrem Ende einen Falter. Weiß treibt er in einer schwarzen Ausweitung dieser letzten Bahn, die er zwischen Wasser und Luft gezogen hat.

Schnörkel im Algenschleim.
Schnörkel im Algenschleim.

Im Weitergehen verfolgt mich dieses tote Gewässer, darin die Spuren sterbender Falter, von keinem Tümpelwesen abgekürzt, und wie ich diese Spuren betrachte und denke: schön.

Schneisenwandern

Wenn man den Mittelrhein rauf und runter kennt, dann ist der Oberrhein dran: Wandern in Rheinhessen, warum nicht? Rheinhessen ist Wein. Anderes offenbart erst der zweite Blick: entzückende Städtchen. Kulturen. Der Rhein natürlich; neuerdings: Windkraft.
Alla!, wie der Rheinhesse sagt, von Oppenheim rheinabwärts! Die Frühe ist schon herbstkühl, aber der August ist gut in Form und hat zum Mittag das Tal so weit aufgeheizt, daß man ihm die guten Weinlagen abnimmt, ungetrunken.

Das Rheintal bei Nierstein.
Das Rheintal bei Nierstein.

Der Weg — betonierte Treckerschneise — erstreckt sich meilenweit geradeaus. Links und rechts begleitet mich das rheinhessische Gleichmaß: Reben und Reben und Reben, Monokultur in Reih und Glied; grün–leer–grün–leer–grün–leer — hypnotisch.
Und atemberaubend …

Der Asylzivi

Mit dem Abi in der Tasche hielt es H. nicht mehr daheim: zum Zivildienst zog er weg. In einer kleinen Stadt fernab aller Grenzen arbeitete er für eine Organisation, die sich um Flüchtlinge kümmerte. In diesem Zehntausend-Einwohner-Städtchen lebten ein paar dutzend Menschen aus den Krisengebieten der Erde, hierherverteilt durch Amtsentscheidungen; alle mit ungewisser Zukunft.
Ich war nun die Freundin vom Asylzivi. Wann immer mein Studium mich ließ, wohnte ich bei ihm unterm Dach eines Verwaltungsbaus. Manchmal ging ich mit ihm zur Arbeit.
H. hatte viel zu tun …

Unterwegs mit F.

Ich bin mit F. nicht oft gewandert; sie hatte viel zu tun. Wir gingen mehrmals wöchentlich spazieren, kleine Runden, und an die längeren Touren mit ihr kann ich mich gut erinnern.
Es war eine Freude, mit F. zu gehen. Sie war still, zuverlässig und freundlich. Fürs Kartenlesen und Wegzeichensuchen war ich zwar alleine zuständig, aber nicht einmal Zurückgehen — was ich hasse — machte ihr etwas aus. Sie beklagte sich nie. Nur dichten Wald mochte sie nicht; da …

Der Mensch hat keine Räder

Es hätte nicht gleich ein Totalschaden sein müssen — ein Jammer: das Auto ist hin. Zu Schaden kam nur Blech, ich hatte den nettesten Unfallgegner der Welt und auch sonst Glück im Unglück, aber das Auto — es steht mit hängendem linkem Auge auf dem Werkstatthof beim Schrott, mit zweifelhafter, sehr zweifelhafter Zukunft. (Rumänien vielleicht, sagt der Werkstattmann. Höchstens.)
Nun räume ich, als das geklärt ist, meine Habseligkeiten aus dem Wagen — der beste, den ich je gefahren bin — und verfüge mich mit meinem Rucksack Richtung Bushaltestelle. (Ach. So unnötig. Hätte ich’s lieber verschenkt.)
Auf dem Heimweg …