Hastenichgesehn: Eierbecher 11

Damit es keinen Ärger gibt, verrate ich an dieser Stelle nicht, in welchem Museum der Sockel steht, der neben (nagut: hinter) seiner gewohnten Bronze nun auch Eierbecher Nummer 11 trägt. Oder, das weiß ich jetzt natürlich nicht so genau, zumindest für eine Weile getragen hat.

Bei der Bronze handelt es sich um eine Elwedritsche meines Lieblingsbrunnengestalters. Seine Wasser-Spiel-Skulpturen sind ein Ereignis in jeder Stadt und an Aufforderungscharakter unübertroffen.
Die Ausstellung ist klein, aber einen Abstecher wert — und der nächste Spielbrunnen nur 200 Meter entfernt.

Postkarte quer durch Frankreich

Der Schlüsselanhänger mit seiner großen Schwester, der Quitte.

Reisen, so sagt man, bildet. Nach meiner Tour durch Frankreich weiß ich, daß der Rhône ein Mann ist wie der Rhein, daß man in der Franche-Comté die Innenstädte beschallt und daß das Elsaß gleich fünf der schönsten Dörfer, der plus beaux villages de France, besitzt. Ich weiß, daß es Ortsschilder mit einem, zwei oder drei Blümchen gibt, je nach Qualität des lokalen Blumenschmucks. Außerdem habe ich interessant gegessen, gelernt, daß man beim Weinmachen auch nur mit Wasser kocht, und bin wunderbaren, lustigen und erstaunlichen Menschen begegnet. Ob das unter »Bildung« fällt, weiß ich nicht; ziemlich sicher jedoch fällt es unter »Glück«.

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Glanzvolles Gerümpel: Staatsgeschenke

Jeder kennt das: Man ist eingeladen und möchte den Gastgebern eine Freude machen. Für diese Zwecke hält eine ganze Industrie Mitbringsel bereit — Blumen, edle Tropfen, jahreszeitliche Schnörkel und Stehrumchen allgemeiner Art. Meine persönliche Faustregel lautet: Was sich rückstandslos beseitigen läßt, ist ein gutes Geschenk; deswegen packe ich gern Les-, Eß- oder Trinkbares ein (träume allerdings heimlich davon, der Gastgeberin statt des obligatorischen Blumenstraußes einen schönen Feldstein zu überreichen).

Was aber, wenn der Besuch ein Staatsbesuch ist? Welche Kleinigkeit hat der Minister, die Präsidentin, der Diplomat im Gepäck? Diese Frage wird jetzt in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte umfassend beantwortet. Kurz: Eßbar ist es eigentlich nie.

Was bundesrepublikanischen Präsidenten und Kanzlern (sowie ihren Ehepartnern) in 60 Jahren von ausländischen Würdenträgern zugedacht war, das steht, liegt und hängt in den Vitrinen der Ausstellung „Staatsgeschenke“ zwischen den schwarzen Windmaschinen der Völklinger Gebläsehalle.

Ausstellung Völklinger Hütte
Vergoldetes vor Stahl: Staatsgeschenke im Saarland

(Die Exponate darf man nicht fotografieren; stattdessen kann man einen schönen Katalog erwerben.)

So als Staat will man natürlich repräsentieren. Entsprechend häuft sich der Prunk: Frankreich verschenkt Goldschmuck, die Ukraine einen gigantischen silbernen Tafelaufsatz in Form eines Fauns, Jordanien eine Abendmahlsszene, aus Perlmutt zusammengefügt (und das in 60 Jahren gleich zweimal). Die Länder zeigen sich äußerst kunstfertig: vom Baltikum stammen Bernsteinschnitzereien und Filigranarbeiten aus Silber, aus Schwarzafrika Webstoffe, Gefäße und Schmuck aus Gräsern; Design kommt aus Skandinavien, Porzellan aus China.

Andächtig pilgern die Besucher an den Vitrinen vorbei. An den Wänden sind Bilder und Schlagzeilen aus 60 Jahren deutscher Geschichte zu sehen, die die Zeichen guter diplomatischer Beziehungen passend oder kontrastierend einrahmen. Bald steigt die Stimmung. Spätestens beim Anblick der goldenen Statue eines Rennkamels (mitsamt Jockey; Geschenk aus Saudi-Arabien) wird Staunen laut. In seinem maßgeschneiderten Kasten mit vergoldeten Scharnieren ist das Tier im Galopp erstarrt; unter seinen Hufen glänzen Klebstofftropfen. Da hinten, dieser Besteckkasten — das wird wohl bunt bedrucktes Elfenbein sein –? Nein, drunter steht: „Material: Stahl, Kunststoff“. Und was in aller Welt haben sich die Repräsentanten der damaligen Sowjetunion gedacht, als sie diese handgroße Roboterstatue einpackten, zusammengelötet aus Schrauben und Elektronikbauteilen?

Oh, drei ganze Vitrinen voller Elefanten! Das ist die (künstlerisch weniger anspruchsvolle) Sammlung von Exkanzler Kohl, der offenbar ein Faible für die Dickhäuter hatte. Ein paar Schritte weiter ein Geschenk von Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten, aus den 80er Jahren: Ein halbmeterhohes Buch, auf dem Buchdeckel das in Messingblech getriebene Konterfei des Herrn Reagan höchstselbst; Titel: „Ronald Reagan — The President Of Courage“. Lediglich die Nase wirkt etwas abgenutzt.

Wer genug hat von Glanz und Gloria, kann sich irgendwo hinsetzen und den Besuchern lauschen. „Hast du gesehen? In dem CD-Kasten für Herrn Sauer waren alle CDs noch original eingeschweißt!“ — „Schau mal, da klebt ein Barcode …“ — „Die haben bestimmt extra einen Beamten, der sich Geschenke ausdenken muß.“ — Häufig fällt das Wort „eBay“. Und überhaupt: „Wem gehört das ganze Zeug eigentlich?“ — „Na, mir zum Glück nicht!“

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Die Völklinger Gebläsehalle ist einer der schönsten Ausstellungsorte im Saarland. Vor den stählernen Sauriern des alten Werkes wird jedes Gold in die richtige Perspektive gerückt — und die Ausstellung „Staatsgeschenke“ ist geeignet, auch den griesgrämigsten Besucher in gute Laune zu versetzen. Für die 12 Euro Eintritt (unermäßigt) kann, nein, sollte man sich auch das alte Stahlwerk noch anschauen; anschließend sind Kaffee und Kuchen im Café Umwalzer fällig, und so kann das ein richtig runder Tag werden — wenn man viel Zeit und gutes Schuhwerk mitbringt. Ich kann es nur empfehlen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2010.

Wahre Schönheit

Durchblick

Was treibt eigentlich die Völklinger Hütte so?

Das Alte Mädchen hat das Rauchen aufgegeben. Sie hat lange keine Männer mehr gefressen, kein Feuer mehr gespien, und sie säuft nicht mehr das Wasser aus der Saar. Ihr Kreischen und Rumpeln ist Vergangenheit, und die Hemden auf den Leinen der Stadt läßt sie sauber.

Ruhig ist sie geworden. Sie hat ihren grünen Daumen entdeckt, auch ihr Herz für Kinder. Sie gibt sich kulturbeflissen und, irgendwie, geschichtsbewußt. Dabei weiß sie über Spuren braunen Drecks hinwegzusehen.

Ihr letztes echtes Laster ist die Spitzenwäsche, in die der Rost sie kleidet und die sie schrecklich gerne herzeigt. Irgendwann, fürchte ich, wird ihr das zum Verhängnis werden. Wie dem auch sei — man dreht sich auf der Straße um nach ihr, und noch, noch ist sie jeden Umweg wert.

Besucht die Völklinger Hütte!

Rost

Zu den Römern!

Qype-Beitrag zum Museum Römerhalle, Hüffelsheimer Straße 11, 55545 Bad Kreuznach, Bewertung: ***** (von 5)

Wohl jeder, der eine Grundschule im Landkreis Bad Kreuznach besucht hat, kennt die Römerhalle von mehr oder minder gut organisierten Wandertagen.

… Und hier seht ihr den Mosaikfußboden mit den Kämpfern drauf. Gladiatoren heißen die. Nein, Marco, ich weiß nicht, wer der stärkste ist. Das Mosaik ist fast zweitausend Jahre alt — Nils! Wenn du das da runterschmeißt, dann fährst du nach Hause! Sandra, tu jetzt mal die Caprisonne weg, das hier ist ein Museum …

Einer der größten zusammenhängenden Mosaikböden der ganzen germanischen Provinz ist hier zu sehen, aus einer römischen Palastvilla, wie es nur wenige in der Gegend gab. (Die nächste stand in Mauchenheim, Rheinhessen.) Ein Teil der Grundmauern ist noch hinter der Römerhalle zu sehen, das meiste unter einem Neubaugebiet begraben. Zwei Böden haben sie hier in die Römerhalle verlegt, mitsamt der Konstruktion einer römischen Fußbodenheizung.

… Nicht drängeln da vorne! Laß die anderen auch mal gucken, Nina, du bist nicht allein hier. Da wurde das Brennmaterial reingeschoben, von einem Sklaven. Wer weiß denn, was ein Sklave ist? — Nils, jetzt bleib da runter! Doch, Meike, die haben da reingepaßt, damals waren die Menschen kleiner. Oder vielleicht einfach Kinder …

Die Mosaiken zeigen Gladiatoren und wilde Tiere beim Kampf beziehungsweise den Meeresgott Oceanus mit Fischen und Meeresfrüchten. Die übrige Ausstellung ist klein, man kann sich aber lange darin aufhalten: Haarnadeln, Münzen, Schmuck, ein römisches Brettspiel; Ziegelsteine mit Tierpfotenabdrücken, Fluch- und Weihetäfelchen; Keramik, Glas (die Römer hatten doppelverglaste Fenster gegen das ungemütliche germanische Klima) und viele, viele „Viergöttersteine“, Stelen, die auf jeder ihrer vier Seiten einer anderen Gottheit huldigten.

Gewiß eine pädagogische Herausforderung für die Grundschule, selbst wenn die Texttafeln an den Exponaten sehr gut gemacht sind. Für Interessierte ist die Römerhalle einfach sehenswert.

… Sind jetzt alle da? — Nils? Nihils! Ah. Gut, dann stellt euch in Zweierreihen auf. Steffi, Michaela, Jeannette, Zweierreihen! So. Und jetzt langsam raus auf den Hof. Der Bus kommt in acht Minuten … Gerda, kannst du mal übernehmen? Ich glaube, ich brauchn Kaffee …

 

 

 

Dem Tod ins Auge

Qype-Beitrag zu Museum anatomicum, Robert-Koch-Straße 6 (Dachgeschoß), 35032 Marburg; Wertung: ***** (von 5)

Daß selbst langjährige Marburger die medizinhistorische Sammlung nicht kennen, liegt sicher auch an ihren Öffnungszeiten. Es erfordert Planung, am ersten Samstag eines Monats den Seiteneingang des Instituts für Zytobiologie zu finden, der, einige knarzende Treppen hoch, ins Museum anatomicum führt. Natürlich sind eingelegte Embryos und freipräparierte Nervenbahnen auch nicht jedermanns Sache am frühen Morgen. Und manche haben von vornherein keinerlei Interesse daran, dem Tod ins Auge zu blicken. Nun, hier sei für die fanatischen Langschläfer und Samstagsbruncher festgehalten, was ihnen entgeht.

Medizinische Lehrmittel und Kuriositäten aller Art warten hier im Dämmer ihrer Vitrinen aus dunklem Holz. Bilder und Wachsnachbildungen von Geschwüren und Krankheitszeichen, histologische Schnitte; eine umfangreiche Sammlung freipräparierter Gehörknöchelchen. Schädel, geöffnet oder noch intakt. Skelette hängen wie in einer Garderobe in der Reihe — vergleichende Anatomie. Runzlige Embryos, manche ohne Kopf oder mit zweien, schweben in großen Glasbehältern. Hände, Augen, Nerven, Herzen… (Auch sein eigenes Herz hat der Begründer der Sammlung hier gelassen, in einem Silberbehälter.)

Marburg wäre nicht Marburg, gäbe es nicht zu dem ein oder anderen Ausstellungsstück eine schauerliche Legende: Da ist das Riesenskelett in einem eigens dafür angefertigten Schrank mit gläserner Tür. Das war der Lange Anton, der um 1650 einem Fürsten gedient haben soll; er maß zwei Meter vierundvierzig. Er litt an einem Hypophysentumor, der ihn immer weiter wachsen ließ; man sieht die Knochenwucherungen an seinen Gelenken, die sicher schmerzhaft waren. Sein Gehstock lehnt neben dem gewaltigen Knochengerüst. — Oder die schreckliche Geschichte von der buckligen Marburger Magd, die, schwanger von einem Medizinstudenten, sich nicht anders zu helfen wußte, als in die Lahn zu gehen. Wie muß der junge Mann erbleicht sein, als er sie am Morgen darauf in der Anatomie auf dem Tisch fand … Der Körper wurde so präpariert, daß man zwischen beiden Körperhälften stehen und den Querschnitt betrachten kann; auch das ungeborene Kind ist noch zu sehen.

Selbstmörder, Kranke ohne Angehörige, Verbrecher, die Ausgestoßenen der Gesellschaft haben hier eine Art von ewigem Leben gefunden. Jahrhundertelang dienten sie als Lehrmittel im Studium der Heilkunst.

Begründer der Sammlung war Christian Heinrich Bünger (1782–1842), als Präparator ein Meister seines Fachs. Ein großer Teil der säuberlich freigelegten und nach allen Regeln der Kunst konservierten Gewebeproben stammt von ihm. Die heutige Bedeutung der Sammlung ist vor allem historisch; es gibt kaum eine ältere in Deutschland. Die ältesten Exponate stammen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die jüngsten aus den 1920er Jahren.

Das Museum ist nur geführt zu besuchen. Zwei Euro kostet das pro Person, und dafür folgt man einer Studentin oder einem Studenten durch die Räume und bekommt alles erklärt. Das ist sicher gut so — so bleibt man auf dem Boden der Tatsachen und verliert sich nicht zwischen den filigranen Nervenbahnen eines Halses, in einem Blick aus halbgeschlossenen Augen hinter Glas…

Der Weg nach draußen ist vielleicht eine Erlösung, auf jeden Fall ein Rücksturz durch die Zeit. Die Heiterkeit, die man mit auf die Straße und ins nächste Café nimmt, hat wenig mit Witz zu tun — sie kommt aus dem tiefen Gefühl der eigenen Lebendigkeit.