Reif und Schlamm

Das Jahr ist noch ganz jung, aber springt schon wie ein Hase auf der Flucht und schmeißt mit Terminen um sich. Herr G. hat den einzig vernünftigen Vorschlag: Rausgehen. Bißchen frieren, bißchen in die Ferne gucken; 27 Kilometer, da weiß man abends, was man geschafft hat, und kann nachts gut schlafen.

Mit zusammengekniffenen Augen die Ferne sehen.

Einmal Eifel wird es. Da gibt es ein Kreuzberg mit (immerhin) einem Bahnhof; das wollen wir vom Rhein aus erreichen. Die Strecke kenne ich schon, aber nicht so gut wie Herr G., der den Weg ohne Karte findet. Kaffee wird es keinen geben, das wissen wir bereits; Schnee schon gar nicht. Dafür haben wir Reif in den Morgenstunden, später Schlamm – und eine ziemlich veränderte Landschaft. Ganze Waldstücke sind nur noch Stümpfe, geschlagene Fichten säumen hoch getürmt die Wegränder. Ich erinnere mich an den Mann mit dem Eimer Markierungsfarbe, der uns Ende des vergangenen Sommers aus einem Waldstück anderswo entgegenkam; er schaute drein, als hätte er ein Gespenst gesehen.

Das hier, sagt Herr G., sieht jetzt schlimm aus. Wenn man es so ließe, würden nächstes Jahr die Birken schießen; dann kämen überdauernde Laubbäume, und in fünf Jahren wäre alles zugewachsen. Das wird wohl nicht passieren; schließlich will man den Wald wirtschaftlich nutzen. Douglasien, schätzt Herr G., mit Glück nicht in Monokultur.

Man müßte, denke ich, viel mehr Bäume pflanzen. Etwas wirklich Nützliches; wie ein Eichhörnchen – Nüsse verstecken und vergessen käme mir entgegen. Man müßte mehr zu Fuß gehen. Man müßte mehr schauen. Man müßte mehr bleiben lassen. Weniger ist alles, was wir brauchen, habe ich gelesen (als Werbeslogan, um mehr zu verkaufen).

Es wird früh dunkel. Wir kommen ans Ziel mit dem letzten Licht.

Der Tag bleibt hinter den Stämmen hängen.

0 Gedanken zu „Reif und Schlamm

  1. Ja, raus gehen ist das beste, was man tun kann, zur Not auch ohne Kaffee. „Der Tag bleibt hinter den Stämmen hängen“ gefällt mir sehr.

  2. Solcherlei Kahlschläge sah ich heute auch und dachte: es wäre doch noch gut, wenn jetzt hier alles „Bannwald“ werden würde. Der Wald würde sich verjüngen und später herrlich durchmischt sein. Tja …
    Trotzdem schön an solchen Tagen draußen zu wandern!
    Herzlichst, Ulli

      1. Die beste Strategie wäre Wald zu kaufen. Hier im Schwarzwald ist er gerade billig zu haben und dann wenigstens kleine Oasen zu schaffen! Wir überlegen gerade daran herum.
        Auch dir viel Gutes und Schönes auf deinen Wegen.
        herzlichst, Ulli

      2. Das stimmt, aber da ich hier von Waldschraten umgeben bin ist das nicht so das Problem. Nein, im Ernst, mein Mann hat jahrzehntelang im Wald gearbeitet und es gibt so einige, außerdem klärt einen der Förster auch auf, da man nicht ganz frei ist. Ein Hexenwerk ist es aber nicht!

  3. Wie immer ist dein Bericht wunderbar zu lesen. 🙂 Und 27 km! Respekt, so viel schafften wir noch nie an einem Tag. Bei uns warens gestern 10 km, allerdings die Hälfte davon stramm bergauf in der Nähe von Oberstaufen. Das Abendlicht überzog dann Berge und Täler mit Gold, allein dafür hat es sich gelohnt. Natur ist toll. 🙂

    1. Dankeschön. (Bergauf würde ich so viel auch nicht schaffen; bergab noch viel weniger.)
      Ich hoffe, Du hast nun viele gute Wege statt der virtuellen. Wobei das Schreiben und das Gehen sich ja nicht ausschließen müssen … .)

      1. Nein, Wandern und Schreiben passt sogar sehr gut! Allerdings schreibe ich sehr viel im Moment, ich schreibe mir sozusagen den Kopf leer. Mir hilft es, aber mein Bedarf nach schriftlichem Ausdruck ist damit gut gedeckt. 😉
        Danke für die guten Wünsche und liebe Grüße!

  4. 27 km, alle Achtung. Da kann ich ganz und gar nicht mithalten, beim letzten Ausflug in die Eifel vor rund zehn Tagen haben wir es gerade mal vom Parkplatz den Hügel hoch zur Bruder-Klaus-Kapelle geschafft. Trotz des nebligen Wetters waren etliche Besucher dort. Ein wunderbarer Ort, auch wenn er inzwischen nicht mehr nach verkokelten Baumstämmen riecht.

  5. Meine besten Wünsche für all die eilenden oder schleppenden oder erkundungsfreudigen Wanderungen – natürlich auch fürs schon so agil begonnene Neue Jahr!
    Gruß von der faulen Stubenhockermadame, die sich schon bald wieder in Rheinhessische Schweizen aufmachen will

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