Gesucht, gefunden

Eine ganze Wand mit tausend Nägeln, und daran tausend Schlüssel, für Autos, Wohnungen, Fahrräder, Garten- und Garagentore. Dazwischen baumeln Ledermäppchen, Golfbälle, Plüschtiere mit langen Hälsen. Ringsum Schränke, auf und in denen sich Rucksäcke stapeln, Skateboards, Handtaschen und Koffer, Schirme, Mäntel, Hundeleinen.

Alles, was nicht niet- und nagelfest ist und nicht angewachsen, was man stehen, liegen und hängen lassen kann auf Parkbänken, in Geschäften, in Gedanken, findet hier Trost und Zuflucht: Komm nur her, armes Ding, hier bist du gut aufgehoben. Hier haben die unklaren Verhältnisse ein Ende; hier ist der Limbus, aus dem du errettet werden wirst von deinem dich liebenden Besitzer. Und sollte doch alles anders kommen, naja, wirst du halt versteigert. Findest einen Neuen.

Inmitten der Vermißten und Verschmähten sitzt der Mann vom Fundbüro. Er versieht jedes Fundstück mit einem Schild, das er an Paketzwirn festknotet, ein paar Ziffern auf Papier; ihr Doppel registriert er in seiner Kartei. Dann kann das Warten beginnen. Für Wertvolles und Elektronisches kommt das Happy-End oft schnell; Schal, Mütze, Handschuhe und andere ersetzliche Dinge lagern länger und dünsten den Geruch ihrer Besitzer, die sie wohl nicht wiedersehen werden, in den Raum.

Das Erstaunliche, ja, geradezu Wunderbare ist: zu jedem einzelnen Ding hier gehört ein ehrlicher Finder; auch der ist in der Kartei vermerkt. Könnte man in diese Kartei hineinschauen, sähe man lauter freundliche, gewissenhafte Leute, die Umwege machen, um einem Unbekannten etwas Gutes zu tun.

Und wenn sie glückt, die Wiedervereinigung des Dings mit dem Besitzer, dann wird ein Schwung Segen herabgewünscht auf das Haupt des Finders, auf diese fabelhafte Einrichtung der Stadt und natürlich auf den Mann vom Fundbüro, dessen Buchführung kleine Wunder möglich macht.

Kalte Schulter

Bahnhöfe sind Einfallstore und machen selten Lust zu bleiben. Ein Bahnhof ist kein gutes Aushängeschild, darum will ich ihr den ihren nicht verübeln, dieser Stadt; lieber schnell hinaus auf den Vorplatz und weiter in die Straßen und Gassen.

Am Wegrand hat sie bis dahin bereits tausendfach versichert, wie gern sie einen habe; eine Nette sei sie ja. Und beliebt. Und erfolgreich. Und auch kulturell ganz vorne mit dabei. Und wie er ihr glücke, der Spagat zwischen volkstümlich und gediegen … Ach, sei doch ruhig, fahre ich ihr in die Parade. Gut gegackert, aber nun die Eier, bitteschön. Mein Mißtrauen jedenfalls hat sie geweckt.

Vorm Bahnhof dann: da war mal ein Rotlichtviertel. Die meisten Puffs haben sich gemausert zu besseren Hotels für Messegäste. Souvenirs gibt’s reichlich, Stadtdevotionalien im Überfluß. Auslagen und Fassaden sind so vorteilhaft beleuchtet, daß selbst vereinzelter Schmuddel wie geleckt erscheint. Und über der Inszenierung wachen scharenweise Kameras.

Nie saß ich in so properen U-Bahnen, selten bekam ich so unfreundlich Auskunft. Die Speisekarten waren erwartbar oder abgehoben, die Portionen groß und lieblos, die Kellnerinnen schnippisch (oder nicht von hier), der Kaffee überteuert. Diese Stadt und ich, wir haben nicht zueinander gefunden; am Ende war ich froh, wieder am Bahnhof zu sein. Ich habe güldene Eier auf den Dächern gesehen, denkmaltauglich angestrahlt, aber kein Nest. Zumindest nicht für mich.

Mit anderen Worten: Ich war in München, und ich habe kein einziges Bild gemacht. (Passende Fotos gibt es hier.)

Natural Born Korrekturleserin III

Seit Tagen hält das herrliche Wetter an, doch die Pflicht ruft. Einen letzten Blick werfe ich nach draußen, verabschiede mich still von Luft und Sonnenschein und setze mich an meinen Schreibtisch.

Ich beuge mich über den ersten Text, da legt sich eine bleischwere Hand wie aus Gußeisen mit Nachdruck auf meine Schulter. Ich streiche bleischwer und den Nachdruck, während ich mich umdrehe. Hinter mir steht eine groteske Gestalt in einem schäbigen, abgenutzten Mantel. »Ist Ihnen nicht warm?«, frage ich; »lassen Sie mich Ihnen wenigstens das abgenutzt abnehmen.« Halb warte ich auf eine Konkretisierung von grotesk, aber sie kommt nicht.

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Lichtblicke im Städel

Der neue Anbau des Städelmuseums in Frankfurt ist ein unterirdisches Museum, und man merkt es nicht. Durch runde Oberlichter strömt der Tag, die Bilder und Skulpturen baden in Weiß. Wie viele Räume es hat, das Labyrinth aus hellen Räumen, läßt sich so schwer zählen wie die Besucher darin; man verläuft sich einfach. Gerne. Jeder Durchblick ist eine Augenweide.

Alle finden sie schön, die neue Stätte der Kunst, und diese Schönheit macht froh und freundlich: Fremde grüßen sich, lachen, reden miteinander. Der Ort beschwingt.

Was ich bei einem Einbruch hier mitnehmen würde? Sollte ich etwas stehlen, so wird es die Freitreppe sein, die aus dem alten Bau nach unten führt; eine glatte, fließende Konstruktion aus weißem Terrazzo.

Städelmuseum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt/Main
geöffnet Di – So 10 – 18:00, Mi & Do – 21:00
Eintritt (normal) 12 Euro

Netze

In der Dämmerung zwischen Häusern und Fluß jubeln sich hundert Amseln die Kehlen wund; die Straßenbäume knospen dazu und machen, was sie können aus dem städtischen Frühling. Alles atmet, alles lebt, lacht, strebt unter einem Himmel, der endlich wieder offen steht.

Für die Märzfliegen aber, die noch nicht viel wissen vom Leben, sind sorgfältig geknüpfte, zarte Silbernetze gespannt, in Liebe und Gleichmut bewacht von den Spinnerinnen; geduldig geben sie im ersten Grün der Randstreifen ihre Lektionen.

Werkstattbesuch

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, mir Arbeitsplätze anzuschauen, und die von Goldschmieden finde ich besonders schön. Ins wohlsortierte Durcheinander von technischem und womöglich gefährlichem Gerät sind Farben getupft: Glasstangen, Bildvorlagen, hübsche Fundstücke und die zarten Erzeugnisse der Werkstatt. Diesen sieht man es kaum mehr an, aber Werkzeuge und Maschinen machen klar, daß auch eine Goldschmiedin im Grunde eine Schmiedin ist und mit Feuer, körperlicher Kraft und handwerklichem Geschick arbeitet.

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Natural Born Korrekturleserin II

Der harte Stuhl mit der metallenen Rückenlehne zwingt mich in eine unbequeme Haltung. Der Raum — Steinboden, gekalkte Wände und Gewölbedecke, eine Treppe auf der Stirnseite und gegenüber drei winzige Fensterluken — liegt im Halbdunkel; ich erkenne schattenhaft vielleicht ein halbes Dutzend Menschen. Meine Jacke (und mit ihr meine Waffe) haben sie mir natürlich abgenommen.

Von der niedrigen Decke blendet eine Halogenleuchte. Noch bevor ich einen Blick auf das Schriftstück werfe, das im Lichtkreis auf dem Tischchen vor mir liegt, ist mir klar: Sie wollen mich fertigmachen. Und das hier ist der perfekte Ort dafür.

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