Weihnachtsabwesenheitsgedicht

Es weihnachtet sehr, und auch dieses Jahr
bin ich für einige Tage nicht da.
Ich mache dasselbe, was viele Millionen
von Menschen machen, die Deutschland bewohnen:
kochen, dann essen, dann singen, dann schenken,
auspacken, schwätzen, und irgendwann denken:
So, das war schön, vielen Dank — ja, und nu
laßt mich bis nächsten Dezember in Ruh.
Sie hören von mir, wenn ich wieder hier sitze!
Mit freundlichen Grüßen, die Ihre,
Lakritze.

Wenns dem Esel zu wohl wird

Ein Anlaß findet sich immer, zum Beispiel der, daß wir altern. Gefeiert wird! Sekt in Strömen! Herren in feinem Zwirn, Damen im kleinen Schwarzen, bittesehr!
Irgendwo unter dieser Adresse werden wir doch eine Dame finden. Viel braucht es eigentlich nicht, bißchen Glitzer, bißchen blickdicht, bißchen Absatz in Lack, und da wäre sie auch schon. Mit im Spiel: die Federboa Marke »halber Schwan«, die Perlenkette über den halben Rücken und Handschuhe bis zum Ellenbogen.
Nach Einbruch der Dunkelheit begrüßen sich lauter Fremde; aus den schönen Mädchen sind schöne Frauen geworden, und die Jungs von damals füllen ihre Jacketts. Die Jahreszahlen bei der Vorstellung deuten auf Vor- und Frühgeschichte, und wo hast du bloß dieses sagenhafte Kleid her? Aber Gelächter ist schnell zur Hand, die Musik dreht auf, warum also nicht gleich: Hals über Kopf?
Gruppen hüpfender und wippender Menschen mit Hosenträgern und Hüten oder mit fremden Federn geschmückt, und die Perlen auf den Kleidern korrespondieren schön mit Silber im Haar. Vorsichtige Blicke über die Tanzfläche: Na, wie wär’s, noch einmal, wie damals? Was für eine Frage – let’s swing!
Dann rauscht das Fest auf, die Stunden verschwimmen; erhobene Arme, gelüpfte Hüte und eine Serviette mit einer unlesbaren Botschaft, die der Saaldienst abräumt. Der halbe Schwan zeigt Talent zur Boa constrictor; bis zu drei Personen passen in eine Laokoon-Gruppe, aber am Ende fliegt dann doch das Gefieder, und alles geht noch mal gut.
Im Spiegel Fremde unter Fremden, doch alle zusammen sind wir Freunde, einmal wieder, für die Nacht. Jetzt werden Blicke überm Rotweinglas aufgefangen, Lächeln geblitzt und Schultern gezuckt. Alte Geschichten füllen den Raum bis zum Rand.
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Am nächsten Tag ist der Schnee zu hell, und die schmerzenden Köpfe und Knochen lassen keinen Zweifel: vorbei die Zeiten der zertanzten Schuh. Wir hätten es ja wissen können. Aber das nächste Fest, das wißt ihr auch, das feiern wir wieder, wie damals.

Das alte Haus

Das neue Haus ist ein altes; zweihundert Jahre lang lebten, arbeiteten und starben hier Männer und Frauen, wurden hier Kinder gezeugt, geboren und aufgezogen.
Das Haus trägt ihre Spuren. Unter der Farbe verbirgt sich Farbe und wieder Farbe, jede Schicht von anderen Händen aufgetragen, angefaßt und abgenutzt.

Im Treppenhaus: abgegriffen.

Jetzt sind wieder Kinder da, die in dem Haus leben, seine Einrichtung anfassen, die Farben abnutzen und vielleicht irgendwann auch wieder auftragen werden.

Nächtliche Heimkehr

Zum Jahresende, wenn unsere Erdhalbkugel nach und nach ins Dunkle kippt, werden die Nächte Lebensraum. Eine Zeit, die ich mag; der Gesichtskreis verengt sich auf den Schein einer Lampe, das Wesentliche der kleinen Dinge tritt hervor, und die vermeintlich großen liegen im Schatten.
Im Dunkeln nun heimwärts durch die Stadt, die nachts so vertraut ist wie bei Licht, nur stiller. Auch gelber, vom Licht der Straßenlampen, und am gelbsten da, wo die Ahornblätter liegen. Nachts dürfen sie fallen, den Boden bedecken, und sie dürfen liegenbleiben, wo sie, bei Lichte gesehen, sofort zusammengepustet würden.
Was also tun? Ganz leicht: Im gelben Straßenlicht die gelben Blätter durcheinanderwirbeln, die vorgefundene Unordnung umordnen zu Spuren, die keiner sieht, und dann still nach Hause gehen.

Nachtlaub.

Kornblumengraus

In Hessen ist Ebbelwoi. Ebbelwoi gibt’s in Bembeln, en Fünfer mit em Sprudel oder eben auch ohne, und Bembel finden sich in Traditionsgasthäusern, hinter Fachwerk und unter holzvertäfelten Decken. Wir also rein in den Goldenen Bock.
Klar wollen wir uns an die Theke setzen, ist man nicht so allein; Sauwetter und späte Stunde, Gastraum weitgehend leergefegt, außer uns nur noch ein Tisch mit größerer Runde.
Drei Saure! Hier wird nichts beschönigt. Der erste Schluck …