Ach …

Ich habe keine Lust zu bloggen, auch wenn es der schönen Dinge genug zu beschreiben gäbe. Aber die schrecklichen Dinge türmen sich und nehmen mir die Worte.
In einem Land gar nicht so weit von unserem entfernt wird ein Mensch öffentlich ausgepeitscht, weil er in seinem Blog Fragen gestellt hat, weil er sich regierungs- und religionskritisch geäußert hat. Weltweite Proteste konnten diesen Wahnsinn bislang nicht stoppen.
Wir leben offenbar in einer Welt, in der Worte so gefährlich sind, daß sie unmenschliche Gewalt rechtfertigen. In der für religiöse Ideen Menschen getötet werden. In der das Leben eines Bloggers, die Hoffnungen seiner Familie zerstört werden können. Einfach so.
Ich habe nie Nachteile durchs Bloggen gehabt; die Gesellschaft, in der ich zuhause bin, folgt im großen und ganzen dem Grundsatz: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Ich habe Glück mit meinem Wohnort.
Was kann man tun? Schreiben. Immer: schreiben. So wenig; so viel.

Trauriges Viertel

Leere Läden, die Fenster verstaubt: Zu vermieten. Provisionsfrei.
Hier war mal ein hübsches, helles Café, da gibt es jetzt Versicherungen. Die Bäckerei hatte erst die Backstube und nun auch den Laden geschlossen. Der Käseladen, der Weinhändler konnten sich nicht halten. Ein Rechtsanwalt hat das liebevoll restaurierte Geschäft der Goldschmiedin blickdicht umbauen lassen. Friseure, Friseure, Friseure und Handy-Reparaturen. Kein Metzger mehr; nichts für den täglichen Bedarf.
Im letzten Lebensmittelladen …

Korrekturlesen

Man bekommt einen Text, der druckfertig gemacht werden soll. Der Text ist von einem Drittautor, voller Fehler in Rechtschreibung und Grammatik; dazu Stilblüten, die wirklich nicht veröffentlicht gehören.
Alles halb so schlimm – dafür ist man ja da.
Man macht sich an die Arbeit, jätet wuchernde Kommas und pflanzt sie an die Stellen, an denen sie von Nutzen sind; man beugt Adjektive, bis sie ohne Verrenkung an ihre Substantive passen; man fädelt Verben auf die richtige Zeitenfolge und flickt hier und da noch einen Konjunktiv. Wortwiederholungen werden wegvariiert, schiefe Bilder gerade gehängt, Bandwurmsätze sinnreich zerteilt, und schon macht das Ganze einen recht ordentlichen Eindruck.
Man schickt den korrigierten Text an den Auftraggeber zurück.
Zwei Tage später kommt ein Anruf. Der Autor habe nicht gut auf die Verstümmelung seines Textes reagiert; die Stilblüten müßten also drinbleiben. In sachen Grammatik sei der Autor nicht so zwanghaft, man möge sich da mal entsprechend locker machen. Kommasetzung laufe bei diesem Autor unter „künstlerische Freiheit“ – tja.
Und dann fällt, durchaus gut gemeint und in tröstendem Ton, der Satz, der Korrekturleserinnen zum Weinen bringt: Nimm’s doch nicht so genau; das liest außer dir sowieso keiner.

Weitermachen

Das Telefonat aufschieben, bis der Tag hinreichend sonnig ist und die Vögel laut genug singen, denn schlimmer hätte es ja, machen wir uns nichts vor, kaum kommen können; sie dann so gefaßt vorfinden, es gibt kein Wort dafür als: tapfer; natürlich traurig, aber den Blick nach vorn, die Jahre noch nehmen, hätte sonst ja keiner was von, weitermachen, was sonst, und wie’s denn zuhause ginge, doch hoffentlich gut; am Ende versprechen, sich selbst am meisten, bald vorbeizuschauen; und dann, in Sonnenschein und Vogelgezwitscher, heulen müssen wie ein Schloßhund.
 
 
 
 
 
 

Panorama

Wo Wein gedeiht, da trödelt der Sommer am längsten: die Sonne fängt sich an den Hängen und taut den Rauhreif der Nacht zu Perlen auf den letzten Blüten, während hoch oben Kranichketten ziehen. Fernhin nach des Südens Wärme.
Herbstlichte Eichenwälder lassen die Sonnenstrahlen durch; Hemd und keine Jacke ist genug. Buntes Laub und Nebel und der Rhein unten im Tal — ich schaue und schaue.
So viel zu sehen: Pfützen auf dem Weg, auf deren Grund Blätter modern wie unter klarem Glas; blaue Käfer, unverdrossen Bein vor Bein setzend wie schimmernde Automaten; extravagant frisierte Pilze; Gedenkkreuze für Eheleuth, die schon dreihundert Jahre unter der Erde sind. Und das Ganze, das Große: der Fluß in weitem Bogen, Wolkengebirge, die sich in stürzenden Felshängen fortsetzen, und die Sonne, die im Untergehen Farbe über alles gießt.
Ich weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen — immerzu beschwere ich mich, daß sich das Ergangene nicht abbilden läßt, und nun kann ich keine Bilder machen. Meine Kamera geht wieder anderer Wege als ich.
So muß ich — darf ich, was ich sehe, hinter den Augen speichern, mich anfüllen mit Bildern. Sattsehen: geht das?
Vermutlich ähnlich wenig wie: sattgehen.

Der Mensch hat keine Räder

Es hätte nicht gleich ein Totalschaden sein müssen — ein Jammer: das Auto ist hin. Zu Schaden kam nur Blech, ich hatte den nettesten Unfallgegner der Welt und auch sonst Glück im Unglück, aber das Auto — es steht mit hängendem linkem Auge auf dem Werkstatthof beim Schrott, mit zweifelhafter, sehr zweifelhafter Zukunft. (Rumänien vielleicht, sagt der Werkstattmann. Höchstens.)
Nun räume ich, als das geklärt ist, meine Habseligkeiten aus dem Wagen — der beste, den ich je gefahren bin — und verfüge mich mit meinem Rucksack Richtung Bushaltestelle. (Ach. So unnötig. Hätte ich’s lieber verschenkt.)
Auf dem Heimweg …

Kommt kein Schiff

Keine Gaffelketsch. Keine Kajüte, keine Koje, keine Kombüse. Kein Toppsegelsetzen, kein Wegducken unterm Mastbaum. Nicht Zwiebeln schneiden bei Seegang und keine nächtliche Wache an Deck. Keine Ankerwinde, kein Landgang, kein Seewind, kein Südwester und nicht an der Reling winken. Nicht in diesem Jahr.
Jetzt einen Tag lang die Enttäuschung kleinreden und dann eine Woche lang … ja, was?
Jedenfalls, das steht fest, nichts von Nutzen.