Seit einiger Zeit denke ich darüber nach, wie man Informationen — simple, aber lebenswichtige Dinge — über vierundzwanzigtausendeinhundertundzehn Jahre überträgt, und mir fällt einfach nichts Gescheites dazu ein.
Kategorie: Beklagtes
Mich brennt’s in meinen Reiseschuh’n
Alle Dinge sind an ihrem Platz, die Zimmer gefegt, die Sonne lacht zum Fenster herein, und ich, ich wäre gern nicht hier.

Ich hätte gern Boden unter den Füßen, Weg vor mir und über mir den Himmel mit allem, was er bringt. Ich würde gern der Straße folgen, bis sie im Wald versickert. Die Luft wäre so lebendig, daß jeder Atemzug in den Lungen hüpfte; der Blick begegnete keinem anderen, nur Stämmen und der Ferne dazwischen.
Dann würde ich fünf Kilometer lang die drei Worte suchen, die den Winter fassen, mich dann drei Kilometer lang auf acht Worte einigen, und wäre die restliche Strecke diesen Worten auf der Spur …
Nun reicht es höchstens für einen Gang zum Fluß und einen Blick auf die fernen Hügel. Die anderen Spaziergänger auf der Promenade schauen, als fehle mir etwas, und so kommt es mir auch gerade vor.
Harte Zeiten
Saarbrücken ist keine schöne Stadt, Saarbrücken ist eine Lieblingsstadt. Sie erfreut mein Herz, schafft es, mich immer wieder zu überraschen und immer wieder schrecklich aufzuregen. Und was ich bloß an ihr finde — das kann ich wirklich nicht in einem Satz beantworten.
Ihre überkandidelten Bauprojekte, ihre Großstadtambitionen auf der einen Seite werden auf der anderen aufgewogen durch wilde Kulturblüten, durch Ideenreichtum und ein gekonntes Kokettieren mit dem Verfall. Dem Klein-Klein, dem Filz und der gewinnorientierten Engstirnigkeit stehen gewachsene (teils recht anarchische) Strukturen und Inseln guter Traditionen gegenüber und, naturellement, die potentielle Weite, die so ein Grenzland immer verspricht.
Ich hätte jedem gesagt: Weine nicht, wenn du in Saarbrücken leben mußt — am Anfang ist es häßlich, vergammelt und verbaut, aber es wird dir ans Herz wachsen. Es ist überschaubar, ein bißchen schräg, es hat Herz, es ist tatsächlich schon französisch, und einzelne Menschen und ihre Projekte machen hier einen Unterschied. In Saarbrücken bist du nicht unsichtbar.
Aber in letzter Zeit mache ich mir Sorgen. Die Stadt ist nicht reich, hier fallen sogar die Mieten; in der frisch zubetonierten Innenstadt sieht man Ladenleerstände (verstärkt seit Eröffnung der ECE-Europa-Galerie). Und nun erfaßt es merklich die Seitengassen: viele interessante Geschäftchen und ein paar prägende Große mußten schließen, die kleinen Läden, etwa im Nauwieser Viertel, haben zu kämpfen — keine Luxusumschlagplätze, sondern Geschäfte mit Lebensmitteln und Alltagsgegenständen.
Ich weiß nicht, was da passiert. Brot und Käse, Obst und ein warmes Mittagessen braucht doch jeder? Wo kaufen die Menschen denn ein, wenn nicht in den kleinen Läden in ihrer Nachbarschaft? Als Innenstadtbewohnerin kann ich mir nicht vorstellen, rauszufahren, um womöglich billiger einzukaufen — wo wäre da die Ersparnis? –, aber anscheinend wird es getan. Welches Einkaufszentrum ist einem inhabergeführten Laden überlegen, der auch mal außer der Reihe was bestellt und wo man notfalls anschreiben lassen kann?
Die ersten Lücken in einer ziemlich einzigartigen Viertellandschaft sind da. Vielleicht werden sie von Schuhgeschäften und Friseuren gefüllt oder von Internetcafés; das wird aber kein Wandel zum Guten. Eine Stadt verliert an Lebensqualität, und keiner tut was.
Nachtrag Februar 2012: Im Online-Spiegel hat der Autor Manuel Andrack einen Artikel über seine Wahlheimat veröffentlicht; Schwerpunkt ist das Nauwieser Viertel, das als wohl einziges in Saarbrücken »Kult«- und Gentrifizierungspotential hat.
Mit seinem Merian-Artikel schickt er Touristen in das kleine Viertel; das ist löblich und scheint schon ein wenig von dem Lokalstolz zu zeugen, den viele, auch zugezogene, Saarländer entwickeln. Aber selbst Touristen, die Geld im Viertel lassen, werden es nicht retten. Nicht, wenn die Bewohner nicht mehr im Gemüseladen einkaufen, andere Bioläden aufsuchen, Bücher lieber woanders bestellen.
Berlin. Und der Himmel weint
Ich bin ja nicht aus Zucker, aber das: ausuferndes Tief über Berlin; Regenwahrscheinlichkeit: p=1. Nicht irgendein dahergelaufender Landregen, sondern ein urban-verdichteter, ein Regen aus einem Guß. Asphalt als Seegrund. Da gab es keine richtige Kleidung, nur mehr nasse. Das Wasser zog die Hosenbeine hoch, Schirme wurden unterspült, nach einer halben Stunde unterm grauen Himmel stand es in den Regenmanteltaschen knöcheltief. Und wenn das Wetter vor der Tür geblieben wäre — aber: zum Durchqueren des Hausflurs brauchte man Gummistiefel, später dann Gummiboote; durch ein gekipptes Fenster versumpfte das Sofa.

Die wenigen trockenen Stunden verflogen mit größtem Vergnügen und in allerliebster Gesellschaft. In den Regenpausen habe ich dann die Einspurigkeit der Zeit verwünscht und mir vorgenommen, nächstes Mal a) mehr Tage und b) wirklich ausreichend gutes Wetter einzupacken.
Mißgeschicke
Die Kamera ist so alt und hinfällig, ich hätte eigentlich damit rechnen müssen. Jetzt tut sie plötzlich nicht mehr, hat einfach den Dienst quittiert, bei voller Batterie. Und mir fehlt ganz entschieden was. Obwohl ich das ja so lange noch gar nicht mache, das Fotografieren (erst seit den 30 Tassen).
Eine Hoffnung habe ich noch; vielleicht kriege ich sie wieder zum Bildermachen. Vermutlich sowieso nur für ein Weilchen. Aber ich mochte sie schrecklich gern mit ihren fleckigen Linsen, der leicht sandigen Mechanik und ihrer Unberechenbarkeit.
Einer weniger.
Wenn ein Geschäft den Namen »Bastelparadies« verdient hat, dann ist es Riemer. War es jedenfalls — Riemer ist insolvent. Das traditionsreiche und hervorragend sortierte Bastelgeschäft hat letzte Woche geschlossen. So eines gibt es jetzt nicht mehr vor Ort, und wo das nächste ist, weiß ich nicht.
Mich macht das traurig. Riemer ist ein Opfer der Wirtschaftskrise; die Leute sparen an ihren kleinen Vergnügungen. Natürlich wurde hier nichts Lebensnotwendiges verkauft, aber es steckte Herzblut in dem Laden und enorme Fachkompetenz.
Neun Angestellte stehen jetzt auf der Straße. Die Innenstadt verarmt weiter. Und das Praktische, Bodenständige, das Liebenswerte, für das so ein Bastelgeschäft steht — ist das etwa auch am Ende?

Bei Riemer ist schon alles ausverkauft. Die Fenster sind leer, die Reklame wird abmontiert. Nur der Internetauftritt ist war noch eine ganze Weile wie immer.
Es war einmal ein Café …
Das Café Lehmkühler hat mich für Durchschnittscafés verdorben. Über viele Jahre war es eine Perle in der spröden kleinen Stadt Bad Kreuznach, ein emsiges, schrulliges Paradies der Konditorkunst.
Schon wie es einen empfing: heimelige Enge, Kaffeeduft und das Zischen des Sahnebereiters. Moosgrüner Teppichboden, darauf zusammengedrängt die schönstmöglich abgewetzte Wiener Kaffeehauseinrichtung. Überall, wo es schicklich und zierend war, das geschliffene Kristall von Kronleuchtern und Wandlämpchen. An den Wänden großzügig geblümte Tapeten, cremefarben und pastell. Regelmäßig wurde hier neu tapeziert, nie aber fehlten zwei musizierende Barockengel und eine sonnenförmige Uhr, die zwar golden glänzte, die Uhrzeit jedoch meist für sich behielt. Und ein Foto der schwedischen Königin.
Frau Hartmann nämlich war Schwedin. Rund und eindrucksvoll, stets makellos gekleidet, mit Grübchen, blondem Haarnest und sonnig lächelndem Akzent präsidierte sie über eine Tortentheke, die in meiner Erinnerung ihresgleichen sucht. Die Lehmkühler-Torten waren handgemacht vom mürben, duftigen Boden bis zur marmorierten Glasur, und sie waren unglaublich raffiniert — ach, die Birnen-Milchreistorte mit dem Johannisbeerzucker-Rand!
Immer wenn die Theke geplündert schien, wenn die wartenden Kunden die Verzweiflung packte, kamen neue Köstlichkeiten aus dem Keller. Dort hatte Herr Hartmann seine Backstube. Manchmal erschien er selbst, mehlbestäubt und etwas eckig, im Verkaufsraum. Vorher soll er Gärtner gewesen sein — ob das stimmt, weiß ich nicht; jedenfalls gab es ein sorgfältig gepflegtes Blumenfenster hinten im Caféraum, dort, wo die Zimmerdecke aus Milchglasscheiben bestand.
Lange Zeit war das Café Treffpunkt der Kreuznacher Künstlerszene, die hier gelegentlich auch Bilder ausstellte. Bis die Preise zu hoch wurden (unerhörte drei Mark zwanzig für den Kakao!); da zogen die Künstler weiter, und ihre Plätze wurden nahtlos von anderen Gästen übernommen.
Wer im beständigen Kommen und Gehen einen Platz ergattert hatte, der konnte dort ausatmen und für die nächsten halben oder ganzen Stunden eins mit dem Sitzkissen werden. Nie wurde gedrängelt, und Stammgäste fanden häufig niedliche kleine Gebäckstücke auf ihren Untertassen. Es gab viele Stammgäste. Das lag auch an Simone, der guten Seele des Hauses. Niemals war das papierne Spitzendeckchen unter der Tasse kaffeegetränkt, wenn Simone ein Tablett brachte. Sie trug, wie alle Angestellten, die rosa berüschte Uniform des Betriebs, die aber ihrer Autorität keinen Abbruch tat.
Sommers saß man draußen zum Leutegucken, geborgen unter der gestreiften Markise und hinter einem weiß lackierten Schnörkelzaun, komplett mit lila und rosa Petunienkästen. In der Weihnachtszeit stand im Schaufenster ein Lebkuchentraumhaus, jedes Jahr mit neuen unglaublichen Details. Und wenn die schlimmen Kreuznacher Hochwasser die ganze Innenstadt überspült hatten — das Lehmi war wieder geöffnet, ehe noch der Teppich ganz getrocknet war.
Leider haben die Hartmanns vor einigen Jahren ihr Geschäft aufgegeben. Sie sollen nach Schweden gezogen sein — ich wünsche ihnen alles, alles Gute für den Ruhestand. Und so schüttele ich immer mal wieder meine Erinnerungen auf wie eine Schneekugel und schaue dann zu, wie das schöne Bild allmählich wieder zugedeckt wird. Von blütenweißem Staubzucker.
Tafelsilber, verscherbelt
Qype-Beitrag zur Saarbrücker Bergwerksdirektion, Trierer Straße 1, 66111 Saarbrücken; Bewertung: * (von 5)
An strahlenden Sonnentagen hat die helle Fassade der ehemaligen Königlich-preußischen Bergwerksdirektion etwas Herrschaftliches; man denkt sich Palmen in Blumenkübeln dazu und wünscht sich einen Sonnenschirm.
1880 war der historistische Bau (geplant vom Berliner Architekten und Schinkel-Schüler Martin Gropius) fertiggestellt, von dem aus die Geschicke des saarländischen Bergbaus dann über 120 Jahre lang gelenkt wurden. Der repräsentative Eingang liegt auf der Ecke Trierer-/Reichsstraße; darüber steht, flankiert von Bergmannsstatuen: Glück auf!
Bemerkenswert ist das Treppenhaus hinter diesem Eingang, das in seiner Art wohl einzigartig ist: Eine frei schwingende, floral verzierte gußeiserne Treppe und ein farbiger Mosaikfußboden aus Mettlacher Porzellan. Wahrhaft fürstlicher Prunk für die Verwaltung.
Im Jahr 2005 wurde die denkmalgeschützte Bergwerksdirektion an den Hamburger Investor ECE verkauft, der eine Erweiterung des benachbarten (und ziemlich toten) Einkaufscenters Saargalerie plante. Die weitreichenden Umbauvorhaben waren bereits 2003 (!) vom städtischen Denkmalamt abgenickt worden. (Dessen Leiter wurde 2005 Leiter des Landesdenkmalamtes und konnte sich so die etwas voreiligen Zusagen nachträglich selbst genehmigen.)
Ergebnis: Das Gebäude wird komplett entkernt und an die höher gelegene Saargalerie angeschlossen. Der Mosaikfußboden wird entfernt, die Treppe irgendwie stehengelassen. 25.000 qm Verkaufsfläche sollen entstehen. Bergleute, Denkmalschützer und Architekten aus ganz Deutschland protestierten — offenbar erfolglos. Baubeginn ist 2008.
Ob die Erweiterung der Saargalerie, die seit fünfzehn Jahren kränkelt, zum großen Boom verhelfen wird? Und wenn ja: Eröffnen dann in allen Kaufhäusern der Innenstadt Handyläden und 1-Euro-Shops?
Mittlerweile stehen Kolonnen von Umzugswagen vor der Bergwerksdirektion — kein Platz mehr für mentale Palmen und Sonnenschirme. Und wer das Treppenhaus noch sehen will, sollte sich beeilen.
Nachtrag Januar 2009
Sie haben es wahrgemacht: Vor dem Europabahnhof erstreckt sich eine Großbaustelle, und über die Zäune hinweg sieht man die Reste des Backsteinbaus, dessen massive Mauern von hinten weggerissen wurden. Saarbrücken ist um eine Sehenswürdigkeit ärmer.
Der Fertigstellungstermin der neuen Saargalerie ist bereits ein halbes Jahr nach hinten verlegt worden — mal sehen, was uns die Konjunkturkrise noch beschert. Vielleicht eine Dauerbauruine, die sich dann in ein paar Jahren wieder selbst begrünt –?
Nachtrag 2014
Ein Zeit-Artikel zur Problematik der Malls.
Schön scharf
Qype-Beitrag zu Solinger Stahlwaren M. Seebauer, Baumgartenstraße 1a, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: ***** (von 5)
Keine hundert Meter vom Kreuznacher Bahnhof entfernt gibt es ein kleines Wunder; vielmehr eine Ansammlung von kleinen Wundern: den Kreuznacher Messerladen. Der Laden ist hier, seit ich denken kann; ich weiß allerdings nicht, wie lange er dem Diplomingenieur und Messerschmiedemeister Matthias Seebauer gehört.
Das erste Wunder ist, daß sich der Laden schon so lange hier hält, an einer der Hauptverkehrsstraßen und den Bahnschienen Richtung Bad Münster, aber weitab von der Einkaufsmeile. Wer hier herfindet, muß wissen, was er sucht.
Das zweite Wunder ist die Auswahl. Es gibt Messer für Profis und für Liebhaber, zum Arbeiten, zum Überleben, zum Angsthaben, zum Angeben; Messer für Köche und Metzger, für Friseure und Pilzesammler, für Graphiker, für Schnitzer, für Ärzte, für Kinder. Mit Rosenholzgriff, mit Hohlschliff, mit Waffenschein. Vom kostbaren Ausstellungsstück bis hin zu Omas Kartoffelkneipchen für ein paar Euro — es gibt alles. ALLES. Nur keine kurzlebigen Massenprodukte — hier kauft man Hausrat, Weggefährten, Erbstücke.
Gleiches gilt für die Scheren. Als ich vor vielen Jahren hier eine Solinger Schneiderschere kaufte, für erschreckend wenig Geld, steckte sie in einer Papp- und Samtverpackung aus den Fünfziger Jahren. Diese Scheren gehen nicht kaputt, man kann sie höchstens verlieren. Oder verleihen.
Der richtige Schliff ist entscheidend, und den gilt es zu erhalten. Herr Seebauer schleift darum japanische Fischmesser wie Bastelscheren mit der gleichen Aufmerksamkeit; manche Schere, die die Großmutter hier gekauft hat, bringt die Enkelin heute noch regelmäßig vorbei. Auch das Tafelsilber kann man hier mit neuen Klingen versehen lassen. Alles, was scharf ist, ist bei Seebauers in den besten Händen.
Überhaupt, die Beratung — die ist das dritte Wunder. Das Geschäft ist winzig und unübersichtlich mit seinen Regalen und Schubladen, Vitrinen, Schachteln, Haken, alles voll mit Tausenden von Messern und Scheren. Ohne kundige Führung wäre man hier verloren. Ein Verkaufsgespräch eröffnet Welten, egal ob es nun um eine Nagelschere geht oder um ein Messer aus Damaszenerstahl. (Viele der Solinger Meister kennen die Seebauers persönlich, und manch einem der richtig kostspieligen Messer liegt sogar ein Video über seine Herstellung bei.)
Auf Werbung oder Präsentation wird hier kein Pfennig verschwendet. Seebauers arbeiten mit Herz und Sachverstand, und wer bei ihnen kauft, profitiert davon. So ein Angebot rechtfertigt auch weitere Wege — und der Bahnhof ist ja gleich um die Ecke.
Nachtrag Februar 2013:
Der Anlaß zum Umtopfen des Artikels ist ein trauriger — Herr Seebauer ist gestorben. Er wird fehlen.