Wieder: Wilder Wein


Der Wein, mein ständiger Begleiter auf der Promenade, ist von Staub und Käferbeinen ein wenig stumpf geworden. Noch hält er die Hände offen, die der Sommer Tag für Tag mit Hitze füllt, doch läßt der Griff allmählich nach; sacht krümmen sich die Fingerspitzen in der Ahnung frostigerer Nächte.
(Keine Sorge. Der nächste Frühling kommt bestimmt.)

Wilder Wein

Wenn die Sonne täglich tiefer in die Gassen faßt und täglich länger über den Kalkputz der Mauern streicht, hält es den Wein nicht mehr in seinen Knospen. Grün vor Grau schiebt er sich aus den knappen Hüllen, streckt sich Finger für Finger und fängt das Licht: selbst hier, mitten in der Stadt, glänzen seine Blätter wie lackiert; für eine Weile jedenfalls.

Netze

In der Dämmerung zwischen Häusern und Fluß jubeln sich hundert Amseln die Kehlen wund; die Straßenbäume knospen dazu und machen, was sie können aus dem städtischen Frühling. Alles atmet, alles lebt, lacht, strebt unter einem Himmel, der endlich wieder offen steht.

Für die Märzfliegen aber, die noch nicht viel wissen vom Leben, sind sorgfältig geknüpfte, zarte Silbernetze gespannt, in Liebe und Gleichmut bewacht von den Spinnerinnen; geduldig geben sie im ersten Grün der Randstreifen ihre Lektionen.

Harte Zeiten

Saarbrücken ist keine schöne Stadt, Saarbrücken ist eine Lieblingsstadt. Sie erfreut mein Herz, schafft es, mich immer wieder zu überraschen und immer wieder schrecklich aufzuregen. Und was ich bloß an ihr finde — das kann ich wirklich nicht in einem Satz beantworten.

Ihre überkandidelten Bauprojekte, ihre Großstadtambitionen auf der einen Seite werden auf der anderen aufgewogen durch wilde Kulturblüten, durch Ideenreichtum und ein gekonntes Kokettieren mit dem Verfall. Dem Klein-Klein, dem Filz und der gewinnorientierten Engstirnigkeit stehen gewachsene (teils recht anarchische) Strukturen und Inseln guter Traditionen gegenüber und, naturellement, die potentielle Weite, die so ein Grenzland immer verspricht.

Ich hätte jedem gesagt: Weine nicht, wenn du in Saarbrücken leben mußt — am Anfang ist es häßlich, vergammelt und verbaut, aber es wird dir ans Herz wachsen. Es ist überschaubar, ein bißchen schräg, es hat Herz, es ist tatsächlich schon französisch, und einzelne Menschen und ihre Projekte machen hier einen Unterschied. In Saarbrücken bist du nicht unsichtbar.

Aber in letzter Zeit mache ich mir Sorgen. Die Stadt ist nicht reich, hier fallen sogar die Mieten; in der frisch zubetonierten Innenstadt sieht man Ladenleerstände (verstärkt seit Eröffnung der ECE-Europa-Galerie). Und nun erfaßt es merklich die Seitengassen: viele interessante Geschäftchen und ein paar prägende Große mußten schließen, die kleinen Läden, etwa im Nauwieser Viertel, haben zu kämpfen — keine Luxusumschlagplätze, sondern Geschäfte mit Lebensmitteln und Alltagsgegenständen.

Ich weiß nicht, was da passiert. Brot und Käse, Obst und ein warmes Mittagessen braucht doch jeder? Wo kaufen die Menschen denn ein, wenn nicht in den kleinen Läden in ihrer Nachbarschaft? Als Innenstadtbewohnerin kann ich mir nicht vorstellen, rauszufahren, um womöglich billiger einzukaufen — wo wäre da die Ersparnis? –, aber anscheinend wird es getan. Welches Einkaufszentrum ist einem inhabergeführten Laden überlegen, der auch mal außer der Reihe was bestellt und wo man notfalls anschreiben lassen kann?

Die ersten Lücken in einer ziemlich einzigartigen Viertellandschaft sind da. Vielleicht werden sie von Schuhgeschäften und Friseuren gefüllt oder von Internetcafés; das wird aber kein Wandel zum Guten. Eine Stadt verliert an Lebensqualität, und keiner tut was.

Nachtrag Februar 2012: Im Online-Spiegel hat der Autor Manuel Andrack einen Artikel über seine Wahlheimat veröffentlicht; Schwerpunkt ist das Nauwieser Viertel, das als wohl einziges in Saarbrücken »Kult«- und Gentrifizierungspotential hat.

Mit seinem Merian-Artikel schickt er Touristen in das kleine Viertel; das ist löblich und scheint schon ein wenig von dem Lokalstolz zu zeugen, den viele, auch zugezogene, Saarländer entwickeln. Aber selbst Touristen, die Geld im Viertel lassen, werden es nicht retten. Nicht, wenn die Bewohner nicht mehr im Gemüseladen einkaufen, andere Bioläden aufsuchen, Bücher lieber woanders bestellen.

Älter werden

Gestern kam mir in der Stadt ein vielleicht vier-, fünfjähriges Mädchen an der Hand seiner Eltern entgegen. Vater und Mutter redeten auf das Kind ein und tauschten Blicke, während das Mädchen versuchte, sich loszureißen: »Doch! Der war echt! Das war ein echter Mann, der da saß! Der friert! Der friert doch!«

Da waren sie auch schon vorbei.

Der Bettler, ein paar Meter weiter um die Ecke, hatte nichts mitbekommen von dem Herzen, das für ihn übergesprudelt war.

 

Beitrag zum Projekt *.txt (14: Gewissen). Kürzer ging’s nicht.

–> alle meine *.txte

Einer weniger.

Wenn ein Geschäft den Namen »Bastelparadies« verdient hat, dann ist es Riemer. War es jedenfalls — Riemer ist insolvent. Das traditionsreiche und hervorragend sortierte Bastelgeschäft hat letzte Woche geschlossen. So eines gibt es jetzt nicht mehr vor Ort, und wo das nächste ist, weiß ich nicht.

Mich macht das traurig. Riemer ist ein Opfer der Wirtschaftskrise; die Leute sparen an ihren kleinen Vergnügungen. Natürlich wurde hier nichts Lebensnotwendiges verkauft, aber es steckte Herzblut in dem Laden und enorme Fachkompetenz.

Neun Angestellte stehen jetzt auf der Straße. Die Innenstadt verarmt weiter. Und das Praktische, Bodenständige, das Liebenswerte, für das so ein Bastelgeschäft steht — ist das etwa auch am Ende?

riemer-kaffeekasse
Eine halbe Stunde später stand die Betriebskaffeemaschine unter diesem Schild ...

Bei Riemer ist schon alles ausverkauft. Die Fenster sind leer, die Reklame wird abmontiert. Nur der Internetauftritt ist war noch eine ganze Weile wie immer.

Geheime Botschaften: Zusatzstadtbewohner

Da hat Vilmoskörte wieder was Schönes angezettelt: in seinem Berliner Blog hat er die geheimen Botschaften seines Viertels gezeigt. Toll!, dachte ich. Und: Das haben wir auch! Das, ähnliches und anderes.

maennchenSchon lange beobachte ich diese kleinen Stadtbewohner. Sie treiben sich an Stromkästen, Laternenpfählen, Regenrohren und in Hauseingängen herum und lassen es allgemein an Respekt mangeln. Eigentlich sind sie recht unauffällig, aber seit ich sie im Blick habe, grüßen sie mich überall und heben meine Laune gleich um drei, vier Grade. Ich weiß nicht, wem ich sie zu verdanken habe, hoffe aber inständig, daß sie niemals dem städtischen Putzzwang zum Opfer fallen.

Einige von ihnen habe ich endlich eingefangen.

(Neu ist die Idee nicht — 2004 hat das wunderbare Stadtmagazin »Viertel vor« eine Bildreportage über sie gebracht.)

Der Käse des Bösen

Im Käseladen. Die Käsefrau schneidet mir ein ordentliches Stück vom Üblichen ab. Batz, landet der Käse auf der Waage; die Leuchtziffern beruhigen sich: „Macht sechs Euro sechsundsechzig!“

Ich schlucke. Krame im Portemonnaie, in den Manteltaschen, in den Hosentaschen. „Das ist ja schrecklich — da muß ich anschreiben lassen. Ich habe nur noch fünf Euro fünfundfünfzig.“

Den Euro elf hab ich ihr dann später vorbeigetragen.