Fahrendes Volk

Heute habe ich etwas richtig Nützliches gefunden — eine Scherenschleiferwerkstatt: Kreischender Schleifstein, Poliergerät, Tücher, Zangen, Hämmer und anderes Werkzeug, alles säuberlich untergebracht im Kofferraum eines Kastenwagens. Der stand am Straßenrand vor dem Lebensmittelgeschäft. Man trägt seine Messer, Scheren, Beile hin und kann sie eineinhalb Viertelstündchen später wieder abholen. Oder einfach dableiben und dem Scherenschleifer bei der Arbeit zuschauen.

Ohne Eile zieht er jede Klinge über den rotierenden Schleifstein, mit immer den gleichen Bewegungen, erst über den groben, dann über die feineren, und am Ende wird nochmal poliert. Die Maschine jault, es riecht nach heißem Metall. Nachher schimmern die geschliffenen Flächen matt; die Winkel sind alle identisch, die Klingen, nun ja, messerscharf.

Der Scherenschleifer trägt einen fleckig-grauen Kittel, die Lesebrille über der schwarzgerandeten Schutzbrille, und beim Lächeln zeigt er nicht mehr viele Zähne.

Ob die Messer für uns seien? fragt er noch einmal nach. Dann mache er sie nämlich richtig scharf. Wenn sie älteren Damen gehörten, sei er da etwas vorsichtig, vor allem, wenn diese nicht mehr richtig sähen …

Alle paar Wochen kommt er in die Stadt; meist hält er da, wo viele Restaurants sind und viele Köche mit Bedarf an scharfen Klingen. Feste Zeiten und einen festen Platz hat er nicht — man muß ein bißchen Glück haben, wenn man ihn erwischen will.

Früher fuhr so einer in einem klapprigen Lieferwagen über Land und läutete seine Glocke am Dorfplatz, bis die Hausfrauen ihre stumpfen Messer zusammengesucht hatten. Er lötete auch löchrige Kellen und und flickte schadhafte Töpfe. Dieser Messerschleifer dagegen ist in einem nagelneuen Kastenwagen unterwegs. Die Kofferraumklappe dient ihm bei der Arbeit als Regendach; seine Werkstatt ist mit einer robusten Plastikplane vom Fahrerraum abgetrennt, und eine extrastarke Autobatterie betreibt den Schleifstein. Vorn auf dem Armaturenbrett thront ein Navigationsgerät.

Aber die Gestalt, die sich über den Schleifstein beugt, den Mann mit dem speckigen Kittel und dem löchrigen Lächeln, der am Straßenrand seine Arbeit verrichtet, den habe ich vor dreißig Jahren schon gesehen.

Und andere vor mir, noch einmal dreißig, hundert, zweihundert Jahre früher.

Frühaufsteher

Heute ist Fest in meiner Straße, ab sechs Uhr offenbar. Um diese Uhrzeit müssen alle parkenden Autos weg sein — meines auch.

Bin ich also früh um halb sechs losgezuckelt, habe aber nichts gefunden in der Nähe. Dann eben raus aus der Innenstadt, in die Hellwigstraße, und die knapp zwei Kilometer nach Hause laufen. Erinnerungen an meine Schulzeit werden wach — an den Job als Zeitungsausträgerin …

So früh ist es noch still in der Stadt, die Luft morgenkühl und frisch. Im Gründerzeitviertel leuchten einzelne Fenster in den dunklen Fassaden. Dahinter bringen Mütter ihre Säuglinge noch einmal ins Bett, spielen Computerspieler den vorletzten Level, warten schlaflose Rentner auf den Tag. Menschen mit Kaffee und Zeitung, die eine Stunde für sich allein genießen, bevor die Familie wach und das Leben wieder laut wird.

Die Schaufenster sind schon (oder noch) erleuchtet — na, das wäre aber nicht nötig gewesen …

Ein paar Spätheimkehrer, Bierflaschen in der Hand, trennen sich mit heiseren Stimmen an der Kreuzung. Die Autos an der Ampel klingen noch ungeübt. Um diese Uhrzeit bleibt die Glocke der Turmuhr stumm: neugotisch ragt die Kirche in den Himmel, der allmählich grau wird. Die Stunde, in der auf dem Land der Tau fällt; hier anscheinend nicht.

Mein Blick nach oben begegnet einem anderen, aus einem dunklen Fenster. Ich kann nicht erkennen, ob, wer auch immer da steht und herunterschaut, zurücknickt.

In meiner Straße warten schon die Arbeiter, um für das Fest abzusperren. Sie reden in Walkie-Talkies und schauen den Discomädchen nach, die in die Seitengassen schlüpfen. Der Kehrwagen kommt. Das war’s mit der Ruhe; die Stadt gähnt und räkelt sich. Motoren springen an.

Ich gehe ins Haus und lasse die Stadt draußen ihren Geschäften nachgehen. Jetzt ist sie wacher als ich.

Anwohnerparken

Ich habe ein Auto. Lieber hätte ich keines, aber da ich außerhalb arbeite, geht es beim besten Willen nicht anders. Zur Strafe muß ich, während andere Leute ihr Gefährt im heimischen Carport abstellen, zum Parken in die Innenstadt.

Sicher gibt es Anwohnerparkplätze: vier Stück in meiner Straße, und in der nächsten noch einmal fünf. Um die konkurrieren die Anwohner mit den Einkaufsbummlern und den Leuten, die nur eben kurz was erledigen wollen. Für mich ist oft genug keiner dabei — dann muß ich auf Stadtrundfahrt. Und der Blutdruck steigt, die Laune sinkt mit jeder Runde.

Ich hätte nie geglaubt, wie sehr mich der Anblick von Autos mit fremden Kennzeichen auf meinem Parklatz!! erzürnen kann. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, ihnen beleidigte Zettel unter die Scheibenwischer zu klemmen, weil die Politessen hier ja viel zu selten durchkommen. Wer so ein dickes Auto fährt, sollte sich das Parkhaus leisten können einparken lernen! Oft genug blockiert so einer dann nämlich gleich zwei Plätze.

Nein, Zettel habe ich noch nie verteilt. Meine Methode ist perfider: Ich kann einparken. Und ich parke ein; gnadenlos. Wenn die Lücke zwei Zentimeter länger ist als mein Wagen, nehme ich sie — auch wenn’s dauert. Gelegentlich schauen Passanten mitleidig und bieten mir an, mich rauszuwinken. Nein danke, sehr nett, sage ich, aber ich will hier rein. Meine Stoßstange ist nicht lackiert, und Beulen im Nummernschild sammle ich wie Trophäen.

Manchmal habe ich Publikum und anschließend Applaus; sicher nicht von den Besitzern der Autos vor und hinter mir. Sogar ein Fotohandy habe ich einmal bemerkt. Ich hätte um das Bild bitten sollen — vorn ein Sportwagen aus dem Umland, hinten eine Bonzenkutsche aus Bayern und dazwischen, sauber eingefügt, mein Kleinwagen mit dem Anwohnerparkausweis. Um die Autonummer zu lesen, hätte man einen Zahnarztspiegel gebraucht. Doch, ich war zufrieden.

Also, liebe Gäste unserer Stadt: Wenn ihr euer Blech liebt, parkt nicht, wo die Anwohner parken. Die verstehen echt keinen Spaß. Und sind obendrein üble Parkrowdys.

Großstadtindianer

Vor zwanzig Jahren in der Kleinstadt gab es sie auch schon, die südamerikanischen Indios, die in der Fußgängerzone trommelten und flöteten. Vorzugsweise El Condor Pasa. Dabei liefen sie gemessen stampfend hintereinander im Kreis, und alle paar Strophen sangen sie. Sie hatten lange schwarze Haare, sagten nicht viel und trugen farbenfrohe Webgewänder aus Alpakawolle, die man auch kaufen konnte.

Heute dagegen: In einer Seitenstraße fährt ein dunkler Chrysler-Kleinbus mit getönten Scheiben vor. Heraus klettert eine Handvoll Männer in Jeans, karierten Hemden und mit langen schwarzen Haaren, die sich erst einmal, Hände in den Taschen, Richtung Fußgängerzone aufmachen. Dann kommen dazu passende kleine Frauen, die den Kofferraum öffnen und schweres Gerät herauswuchten: Instrumentenkoffer, Kisten mit Kabeln und Krempel, Verstärker, Generator. Das schleppen sie dann an einen zentralen point of attraction, etwa vor die Fischbraterei, und bauen auf. Wenn die Männer eintreffen, verschmelzen sie mit dem Innenstadttrubel.

Auftritt Indios. Nahein, nicht bloß Indios mit Umhängen, sondern komplette Indianer mit Federschmuck und Lederfirlefanz. Flöten (Pan-, Rohr-), Trommeln und Percussion (Regenstäbe). Die Musik wird verstärkt, verzerrt und unterlegt mit synthetischen Beats. Hinter einer Litfaßsäule tuckert der Dieselgenerator. Und dann werden unter „Heyaya“-Gesängen die immer gleichen fünf Lieder abgespult; länger braucht es wahrscheinlich nicht, bis sich das staunende Publikum einmal komplett ausgetauscht hat. (Selbstverständlich kann man CDs kaufen …)

Ich sitze derweil an meinem Schreibtisch und versuche zu arbeiten.

Ohrenstöpsel helfen nicht, wenn man die Lieder einmal kennt. Selber Musik anmachen nützt nur bedingt; ich arbeite nicht gern bei Musik. Nicht arbeiten? Geht auch nicht; von irgendwas muß ich die Stereoanlage ja finanzieren. Mein einziger Trost: Irgendwann läuft die Parkuhr in der Seitenstraße ab …

Grüne Hölle Balkon

Als Innenstadtpflanze fehlt mir der Ausblick ins Grüne. Struppige Straßenbäume, Pflanzkübel und Parkplatzprimeln reichen mir nicht — Wildwuchs muß her. Deshalb beobachte ich mit Interesse, was sich in meinem Blumenkasten tut, den ich auf dem Balkon aufgestellt und mit Erdbeeren bepflanzt habe.

Erst waren’s tatsächlich Erdbeeren, aber es wurde bald spannender: Es gesellte sich ein Schlingknöterich dazu, der ganze Häuser überwuchern kann. Deshalb heißt er auch »Architektentrost«. Er ließ lange Bärte den Balkon hinabwallen, aber zu mehr ist es dann doch nicht gekommen.

Im zweiten Jahr überwog plötzlich Klee — ein dekoratives Polster, komplett mit Blüten, sehr zur Freude der städtischen Hummeln. Diese, wie auch andere Insekten, dürfen ihren Spaß in meinem Blumenkasten haben. Spinnen, Raupen, Käfer — ich halte mich da raus. Wo sollten sie auch sonst hin, die armen Viecher.

Dieses Jahr allerdings sah mein Klee nur kurz gut aus; dann wurde er schwarz von Blattläusen. Bald welkten die Pflanzen dahin, und ein klebriger Zuckerüberzug — die Ausscheidungen der Schmarotzer — bedeckte das kränkelnde Grün. Sehr schnell war ich bereit, von meiner Nichteinmischungspolitik abzuweichen, und ging zum Völkermord über. Tausende von Blattläusen habe ich abgesammelt und in Küchenpapier zerquetscht.

Eleganter gelöst hätte das der Marienkäfer. Dieses hübsche, nymphomanisch veranlagte Insekt mit seinen unansehnlichen Larven vertilgt Schädlinge in erstaunlichen Mengen. In meinem Blumenkasten aber zeigte sich kein Marienkäfer. (Ich hätte gern welche aus dem Internet bestellt, nur gab es dieses Jahr Lieferengpässe.) Stattdessen fand ich im Unterholz meiner Grünanlage halbzentimeterlange, flache Tiere mit einem schneeweißen Pelz aus (so nehme ich an) Fett, die sehr wendig auf Stengeln und Blättern balancierten.

Ausgiebige Recherche im Internet: Igitt, ich habe wohl Schmierläuse. Damit kann ich meinen Blumenkasten in die Tonne kippen, oder besser noch verbrennen und die Asche bei Neumond an einer vielbefahrenen Straße vergraben.

Fortan ging ich nicht nur erbarmungslos auf Blattlaus-, sondern noch erbarmungsloser auf Schmierlausjagd. Mit Streichhölzern (sie schmieren nämlich wirklich sehr) zerdrückte ich die Viecher, wo ich sie fand. Es wurden aber nicht weniger. Eher nahm die Blattlausdichte ab …

Und dann machte ich mir die Mühe, die Biester einmal eine halbe Stunde lang zu beobachten: Die weißen Räuber wanderten unverdrossen die verlausten Kleestengel nach oben, packten den ersten besten der Schmarotzer mit den vorderen Extremitäten und führten ihn zum Munde. Dann den nächsten, und den nächsten…

Ich hatte zwei Wochen lang die Guten umgebracht. Ich schäme mich immer noch, wenn ich daran denke.

Etwas später fand ich auch die zugehörigen Käfer: Sehr klein, bräunlich-schwarz mit ganz schwachen roten Flecken krabbeln sie hektisch in trockenen Pflanzenteilen herum. Meine Fotos sind nichts geworden — die Viecher halten einfach nicht still –, ich war aber inzwischen im Netz auf den Australischen Marienkäfer gestoßen … Am liebsten hätte ich sie um Entschuldigung gebeten, jeden einzeln.

Stattdessen möchte ich der Art global einen Dienst erweisen dafür, daß sie binnen zwei Wochen sämtliche (!) Blattläuse in meinem Gartenersatz vertilgt hat. Also:

Geneigte Leserin, lieber Hobbygärtner. Findest du in deinem Garten, Blumenkasten oder Zimmerpflanzentopf »Ungeziefer«, das so

Marienkäferlarve auf Kleeblatt
Marienkäferlarve auf Kleeblatt

aussieht, laß es um Himmelswillen leben. Es handelt sich vermutlich um Abkömmlinge der Art Scymnus sp.. Das sind Marienkäferlarven, für die andere Leute viel Geld ausgeben würden.

Ende der Durchsage.

Herzlichen Dank an Herrn Köhler von der wunderbaren Koleopterologie-Webseite,
der mir den Tip mit den Zwergmarienkäfern gegeben hat.

Sommer in der Stadt

Nominell ist es eine Großstadt, in der ich lebe, mit über hunderttausend Einwohnern. Und ich wohne mittendrin, in der City, ungefähr da, wo Google Maps den roten Punkt hinsetzt, wenn man nach meiner Stadt sucht.

Als ich hierherzog, erzählte ich der Optikerin von gegenüber: Wir sind dann ja bald Nachbarn — woraufhin sie mich entgeistert anschaute, bis der Groschen fiel: Ah, ja … wohnen kann man hier wohl auch … Ich wohne also da, wo andere Leute lieber nicht wohnen. Da, wo andere Leute arbeiten, einkaufen, ausgehen und eben mal „kurz halten“ … aber das ist eine andere Geschichte.

Das Leben in der Innenstadt ist eigentlich herrlich. Ich habe die Fußgängerzone mit zwei großen Kaufhäusern vor der Haustür. Die Bioladendichte im Umkreis von hundert Metern wird höchstens noch von der Bäckerdichte geschlagen. Alle Arten von Fachgeschäften gibt es quasi in Sichtweite. Zum nächsten Kino laufe ich fünfzehn Sekunden — auch im Winter ohne Mantel möglich –, zum übernächsten eine halbe Minute. Theater, Marktplatz, Museen, Verwaltung: alles zu Fuß machbar, selbst bei Regen.

Achja, die Disco habe ich vergessen, gleich um die Ecke. Ich war noch nie drin, aber sie kommt jede Nacht zu mir: nachts um Drei ist es vor meiner Haustür lauter als tagsüber. Dann klirrt auch schon mal Glas, meinem Auto kommen Außenspiegel abhanden, und Betrunkene kegeln Mülltonnen durch die Straße — Nächte in der Stadt. Ich habe gelernt durchzuschlafen.

Das hat natürlich nichts genützt in der EM-Zeit, als nach jedem Spiel ein Autokorso um unseren Block fuhr. Immer schön die Einbahnstraße entlang, mit Hupen, Radio an und Gejohle. Die Deutschen brüllten die Nationalhymne, die Italiener spielten Opern, die Franzosen und die Türken Pop. Nachts um halb Vier. Das muß wohl manchmal sein — und jetzt haben wir wieder zwei Jahre Ruhe (also nur die Disco).

Neulich fand ich morgens zwei Gläser vor unserer Haustür, große, schwere Cocktailhumpen. Die habe ich erst mal in die Spülmaschine gesteckt. Ich nehme sie als kleine Entschädigung für all den sommerlichen Radau und trinke meinen Eiskaffee daraus.

Lakritzes Eiskaffee:
½ Glas starken, schwarzen Kaffee (noch vom Frühstück)
mit Eiswürfeln auffüllen
kalte Milch oder Sahne drübergießen, nicht umrühren

— fertig ist das urbane Sommergetränk. Tags oder nachts zu genießen, je nachdem.

eiskaffee