Ich bin ein Landkind. Ob es mir geschadet hat, weiß ich nicht.

Ich habe mitten auf der Straße gespielt, mich mehr oder minder erlaubt in Ställen und Scheunen herumgetrieben, und beim Krippenspiel war ich der Weihnachtsengel. Das stärkste Mädchen aus dem Dorf erpreßte mich damit, daß ich was geklaut hätte, dabei stimmte das gar nicht. Ich grüßte jeden, den ich auf der Straße traf; andernfalls gab’s Schimpfe von daheim. Einmal die Woche trug ich Blättchen aus. Auf dem Friedhof las ich lauter bekannte Namen von den Grabsteinen. Ich wußte, wie eine Ziege von innen aussieht. Die Nachmittage am Bach endeten mit dem Abendläuten.

Heute lebe ich im Innersten der Stadt, und gern, aber das Dorf lebt meinem Innersten. Und wenn ich eines sehe oder rieche, weiß ich gleich, woran ich bin.
Schlagwort: Wohnen in der Innenstadt
Blick aufs Glück
Ein Tag voller fröhlicher Gesichter: statt des vorhergesagten Regens schien die Sonne so warm, daß es die Flaneure aus ihren Jacken trieb. Mir macht das, wenn Menschen sich übers Wetter freuen, gute Laune.

So gestimmt, begegnete ich einem Freilufttelefonat. Normalerweise übe ich mich im Überhören, weil: Weißt du, wo ich bin? Auf dem Marktplatz! Und ich trinke einen Kaffee!, das ist nichts, was ich wissen muß. Aber hier erzählte das eine ältere Frau in ihr Telefon, allein an einem Cafétischchen, weißt du, was für ein Tag heute ist?, und es lag so viel Glück in ihrer Stimme, daß ich mich unweigerlich ihr zuwandte.
Dann fiel mir B. ein, die, so scheint es, alles hat, was man sich wünschen kann, und die an nichts und niemandem ein gutes Haar läßt. Von ihr heißt es: die hat Unglück im Glück.
Es ist Freitag der Dreizehnte. Ich gebe nichts auf Daten und Zahlen, außer für Geschichten.
Nicht vergessen:
Der Mensch hat keine Räder
Es hätte nicht gleich ein Totalschaden sein müssen — ein Jammer: das Auto ist hin. Zu Schaden kam nur Blech, ich hatte den nettesten Unfallgegner der Welt und auch sonst Glück im Unglück, aber das Auto — es steht mit hängendem linkem Auge auf dem Werkstatthof beim Schrott, mit zweifelhafter, sehr zweifelhafter Zukunft. (Rumänien vielleicht, sagt der Werkstattmann. Höchstens.)
Nun räume ich, als das geklärt ist, meine Habseligkeiten aus dem Wagen — der beste, den ich je gefahren bin — und verfüge mich mit meinem Rucksack Richtung Bushaltestelle. (Ach. So unnötig. Hätte ich’s lieber verschenkt.)
Auf dem Heimweg …
Lichtblick
Nächtliche Heimkehr
Zum Jahresende, wenn unsere Erdhalbkugel nach und nach ins Dunkle kippt, werden die Nächte Lebensraum. Eine Zeit, die ich mag; der Gesichtskreis verengt sich auf den Schein einer Lampe, das Wesentliche der kleinen Dinge tritt hervor, und die vermeintlich großen liegen im Schatten.
Im Dunkeln nun heimwärts durch die Stadt, die nachts so vertraut ist wie bei Licht, nur stiller. Auch gelber, vom Licht der Straßenlampen, und am gelbsten da, wo die Ahornblätter liegen. Nachts dürfen sie fallen, den Boden bedecken, und sie dürfen liegenbleiben, wo sie, bei Lichte gesehen, sofort zusammengepustet würden.
Was also tun? Ganz leicht: Im gelben Straßenlicht die gelben Blätter durcheinanderwirbeln, die vorgefundene Unordnung umordnen zu Spuren, die keiner sieht, und dann still nach Hause gehen.








