Alles da: der Dorfladen

Spar MönstadtDorfläden faszinieren mich, seit ich mit drei, vier Jahren meine ersten Groschen bei Frau Kruger in »Geschnuggels« umsetzen durfte: Die Ladenglocke schepperte, die Tür quietschte, und es duftete nach Äpfeln und Papiertüten. Nix mit Selbstbedienung — alles gab’s in Armeslänge der asthmatischen Besitzerin; nur für das nicht ganz alltägliche Sortiment mußte sie auf eine Trittleiter steigen. Die mechanische Waage (Bi … zer … ba) hatte einen Haken für Bananenbündel; Damenstrumpfhosen fuhren in ihrem Ständer Karussell. Hauptattraktion: die Bonbongläser, und natürlich gab es für Kinder immer ein Zwei-Pfennig-Brausebonbon extra.

Frau Krugers Laden (»Union-Kohlen — Kolonialwaren«) ist längst Geschichte, und ich wüßte keinen echten Tante-Emma-Laden in meiner Nähe. Für sowas muß man schon aufs Land. Richensa hat ein wunderbares Exemplar in Brandenburg porträtiert; hier nun das hessische Gegenstück in Mönstadt im Taunus (430 Seelen).

Spar Mönstadt

Spar Mönstadt

Dieser winzige Supermarkt ist bestens sortiert — es gibt alles, was man zum Leben braucht: Brot, Butter, was drauf, Frisches, Haltbares, Süßes, Salziges und alles für den täglichen Bedarf. Und natürlich immer jemanden für einen Schwatz. Wir, ortsfremd und ohne Auto unterwegs, sind sicher aufgefallen, wurden aber nicht weniger freundlich bedient. Nur vielleicht etwas hochdeutscher.

Bei jeder Wanderung durch diese Gegend hoffen wir, daß wir eine kurze Rast in Mönstadt einlegen können — zu Ladenöffnungszeiten.

Trampen mit M.

Es war Sommer, ich war jung und ich war noch nie getrampt. Das, meinte M., könne man ändern. Er reiste ausschließlich auf diese Weise, das fand er billig und unterhaltsam. Also zogen wir los, Ziel: Amsterdam. Was auch sonst?

»Wenn wir erst auf der Autobahn sind«, meinte M., »dann sind wir eigentlich schon da.« Nach zweieinhalb Stunden an der Auffahrt zur Bundesstraße hielt endlich jemand. Wir arrangierten uns mit einem halben Hausstand auf dem Rücksitz und schwiegen etwas mit der Fahrerin und ihrem Freund.

»Viel Glück«, wünschten sie uns zum Abschied an der Raststätte.

Den nächsten fanden wir schnell, einen Geschäftsmann, Anzug und Krawatte. Seine Augen leuchteten ein bißchen auf, als er uns sah; klar könnten wir mitfahren, bis Köln, gerne. Das Auto war ein Sportwagen, kaum Kofferraum und fast kein Rücksitz für uns, unsere Rucksäcke und das Zelt. Auf dem Beifahrersitz saß eine blonde Frau mit Miesmund. »Ich will nicht, daß hinterher was dreckig ist«, sagte sie zur Begrüßung. Dann schwieg sie so eisig, daß wir den Fahrer baten, uns doch am nächsten Rastplatz wieder rauszulassen. Wir wollten ihm ja keine Schwierigkeiten machen. Der Geschäftsmann schickte uns einen entschuldigenden Blick nach; als der Wagen losfuhr, hörten wir Frau Miesmunds schrille Stimme …

»Rastplatz,« meinte M., »schwierig. Wir werden nehmen müssen, was geht.« Das war dann ein LKW. Der Fahrer hieß Kalle und freute sich über die Gesellschaft. Er war auf dem Weg von Portugal nach Dänemark; das fuhr er jede Woche. Und seine freien Tage verbrachte er gleich »da unten, is schön waam da, und billjer wie hier.« Sein Führerhäuschen war seine Junggesellenwohnung. »Wat hab isch’n Beruf — den ganzen Tach in Sessel sitzen und ausm Fenster gucken!« Dann lachte er zahnlückig. Wir schlossen ihn ziemlich ins Herz und genossen den Blick auf die Autobahn. Zum Abschied öffnete er den Laderaum und schenkte uns jedem eine Packung »escht pottugiesche Kekse«, die wir später wegwarfen; sie bestanden aus Zucker und Zusatzstoffen.

Dann stiegen wir in den Wagen eines Pärchens, der vor Techno vibrierte. Daß wir einen Fehler gemacht hatten, ahnten wir, als der Fahrer im dritten Gang auf der Beschleunigungsspur überholte. Als ihm seine Beifahrerin das erste Bier öffnete, machte M. mir hektische Zeichen. Das Radio dröhnte, die beiden brüllten sich an: Er solle nicht so viel trinken; er könne trinken, soviel er wolle, und sie solle ihm noch eins aufmachen, blöde Kuh. Wir klammerten uns an unsere Sitze. Am nächsten Rastplatz (M. war übel) ging er Bier holen, und sie erklärte uns, ihr Freund sei eigentlich ein ganz Lieber. Als er dann sah, daß wir unser Gepäck aus dem Kofferraum klaubten, versuchte er noch, uns das Auto zu verkaufen. Wir lehnten ab und machten uns aus dem Staub.

Weiter kamen wir erst viel, viel später, im gepflegten Oldtimer eines Kunstsachverständigen mit lichter Frisur. Der wollte zwar leider nicht nach Amsterdam, aber nach Holland schon, »was auch sonst«. Wir entschieden uns also aus praktischen Gründen für Maastricht; der Kunstsachverständige und M. fachsimpelten über Zappa und Steely Dan, während ich auf der Rückbank einschlief.

Maastricht hatte einen Zeltplatz unter Sternen, bucklige Gassen, einen Supermarkt und ein Kneipenschiff; es war sehr hübsch und beschaulich und ein bißchen romantisch.

Nach eineinhalb Tagen ging es zurück, hinter karierten Vorhängen im Wohnmobil eines älteren holländischen Ehepaars. Die beiden erklärten uns, wir hätten Glück. In den Niederlanden könne man nicht trampen, da nehme einen kein Mensch mit.

Dann kam der Augenblick der Trennung: wir mußten in unterschiedliche Richtungen weiter. M. patrouillierte auf der Raststätte und sprach reihenweise Fahrer an, bis er einen gefunden hatte, der nur eine Stadt von meiner entfernt wohnte. Er trug ein gestricktes Käppchen, im Auto lief Reggae, und auf der Rückbank schlief ein Bernhardiner. »Mit dem kannst du fahren, der hat einen Hund,« bestimmte M., »er setzt dich dann am Bahnhof ab. Und ruf mich an, egal, wie spät es ist.«

Ich fuhr also mit dem kleinen, rundlichen Mann. In der Stunde, die wir zusammen hatten, hörten wir Reggae, ich streichelte die Hündin, die Bismarck hieß, und er erzählte mir von seiner Anklage wegen sexueller Belästigung. In ein paar Tagen sei die Verhandlung, das mache ihm schon arg zu schaffen.

Schließlich brachte er mich nicht bis zum Bahnhof in seiner, sondern zu dem in meiner Stadt, weil ich ihm so nett zugehört und nicht »irgendwie doof reagiert« hätte. Bismarck wachte kurz auf und guckte treu, als ich ausstieg.

Als ich M. hinterher von meiner Heimreise erzählte, spürte ich ihn durchs Telefon erbleichen.

Heute nehme ich auf langen Strecken den Zug. Auch nicht schlecht, was die Geschichtenausbeute angeht, aber an diese Reise mit M. reicht irgendwie nichts heran.

Blind Date

Aus dem Zug steigend streifte ich fast eine Frau, die mit hochroten Pumps und hochroten Wangen den Bahnsteig auf und ab marschierte. Mein Blick blieb etwas zu lange an der Tulpe in ihrer Hand hängen.

»Ja, ich weiß, man nimmt sonst Rosen. Aber das ist mir zu abgelutscht. Ich warte hier nämlich auf jemanden … die (mit der Tulpe wedelnd) ist das Erkennungszeichen. Er hat dann auch eine. Hoffe ich zumindest. Der letztes Mal hatte wohl keine Rose mit, da waren’s noch Rosen, oder er hat sie weggeschmissen. Jedenfalls stand ich da zehn Minuten — unmöglich, sowas. Könnte wenigstens höflich sagen: tut mir leid … Ich würde das machen, wenn er überhaupt nicht mein Typ wäre. Wobei, das ist ja angeblich gar nicht so wichtig. Meine Oma sagt, die besten Ehen hätten sie wegen des Ackers geschlossen; na, ich weiß nicht. So ein Versorger. Ist vielleicht nicht das Übelste. Oje, da kommt der Zug, wünsch mir Glück …«

Ich bin gegangen und habe nicht nach der zweiten Tulpe geschaut. Aber ich habe ihr einen gewünscht, einen Versorger auf dem weißen Pferd, mit goldenem Herzen und untadeligen Manieren.

30 bunte Tassen — die elfte

In meinem Fachbereich gab es die übliche Fachbereichsbibliothek. Diese hatte aber noch eine Fachbereichssonderbibliothek, in einem Extra-Räumchen und mit auserlesenen Öffnungszeiten. Über die Sonderbibliothek regierte sie. Ich weiß nicht, wie sie hieß, aber sie fiel auf: zwischen Fünfzig und Sechzig, hochgewachsen und knochig; ihr ergrauender Zopf war streng geflochten, ihre Brille riesengroß und ihr Pullover selbstgestrickt.

Oft sah man sie in der Stadt, wo sie mit ihrem Gefährten zusammen (beide trugen Wolle und hatten immer geräumige Stofftaschen bei sich) eines der Studentencafés aufsuchte. Dort saßen sie dann bei einem Bier und einem Tee, in getrennte Bücher vertieft oder auch einfach so ohne ein Wort nebeneinander, stundenlang.

In der Bibliothek trank sie ihren Tee aus immer derselben braunen Kanne und einer zierlichen Tasse ohne Untertasse. Sie war wortkarg, aber meist nicht unfreundlich; ihre Gegenwart lud einfach zum Schweigen ein. Es war ein bißchen wie einen seltenen, scheuen Großvogel beobachten — man vermied es, sich bemerkbar zu machen; nicht daß er am Ende davonstakste.

Dann kam die Reform des Studienganges. Im Zuge von Sparmaßnahmen wurden Stellen gestrichen, kleine Räume zu großen zusammengelegt — und die Sonderbibliothek geschlossen. Sobald wir davon erfuhren, hatte ihre Erscheinung in unseren Augen etwas besonders Eckiges, fast Beleidigtes.

Als dann die Regale, Tische und Stühle aus der Bibliothek entfernt wurden, sah ich sie zum letzten Mal im Fachbereich. Am nächsten Morgen fanden wir vor dem ausgeweideten Raum ihre Tasse und das Kännchen. Den ganzen Tag standen sie da, auf den ausrangierten Büromöbeln, sauber abgewaschen, und alle konnten sie sehen. Jaja, die Sparmaßnahmen, raunten wir uns zu.

Abends dann habe ich beide, Kanne und Tasse, an mich genommen.

Kännchen und Tasse.
Teekanne und Tasse.

Große und kleine Schlachten

Qype-Beitrag zum Völkerschlachtdenkmal, Prager Straße, 04299 Leipzig; Bewertung: *** (von 5)

Das Völkerschlachtdenkmal und ich, ich und das Völkerschlachtdenkmal… Einmal im Jahr mußte ich hin.

Die DDR hatte noch ein paar Jährchen vor sich, ich fast einen halben Meter Wachstum. Die Luft der Stadt roch nach Kohlekraftwerk, und dazu paßte das Schwarzgrau des Steins. In meiner Vorstellung war es das Denkmal, von dem der Geruch ausging und sich über ganz Leipzig legte, bis in die Wohnstuben hinein.

Nach dem Entenfüttern strebten meine Tante und ich strammen Schrittes über die Wiesen dem Monument zu, ich im blauen Anorak, meine Tante mit Schirm und Mantel.

Wie eine plumpe Schachfigur hockt das Ding auf dem flachen Grund; schnell wird es groß und größer. Hinter dem frostigen Wasserbecken gibt es einen Eingang, der nicht einlädt. Rein mußte man trotzdem. Auch wenn es drinnen nicht viel wärmer war.

Stein auf Stein, zu groß für richtige Erinnerungen; höchstens waren die geschlossenen Augen der gigantischen grauen Krieger für Alpträume gut. Einmal hatte sich ein russischer Chor im Rund versammelt, um den minutenlangen Nachhall des Inneren für ein Konzert zu nutzen. Nun, es hat gehallt, und ich hatte hinterher Fieber.

De Völgorschlochd. Die hat man mir oft erläutert, und ich habe sie immer wieder gründlich vergessen. Nur diese eine dumme Anekdote blieb hängen, die von dem amerikanischen Touristen: Dem fällt zu allen volkseigenen Leipziger Sehenswürdigkeiten nur ein, tjaha, in Amerika gibt es das aber besser, größerer, schnellerweiterhöher. Als er nun mit seinem Stadtführer am Völkerschlachtdenkmal vorbeikommt, fragt er völlig hingerissen: That’s marvellous! Was ist das? Woraufhin der Guide die Achseln zuckt: Keine Ahnung, stand gestern noch nüsch da.

Neben diesem Witz ruht das Völkerschlachtdenkmal in meinem Gedächtnis, in der Abteilung für Nutzloses. Wer weiß, vielleicht schleppe ich ja dermaleinst meine Nichte dorthin. Falls sie mich ärgern sollte.