Was ist es nur mit Schlössern? Geschenkt wollte ich keines haben; zu wartungsintensiv. Zu viele Fenster, zu viele Oberflächen, zu symmetrisch. Immer Ärger mit dem Personal. Besuchen mag ich sie jedoch gerne, und Oranienbaum, Teil des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs, ist ein besonders schönes.

Klein-Holland in Anhalt, so heißt es; ein niederländischer Architekt plante Schloß und Ortschaft 1683. Der Eindruck ist der zurückgehaltener Niedlichkeit; erfreulich schlicht beherrscht der Bau den Park, oder vielmehr: der Park den Bau, denn die Gartenanlage ist hier die Hauptsache.

Restaurierter Fürstenprunk weckt in mir schnell Überdruß. Vergoldungsallergie. Doch diesem Schloß sieht man die Zeitläufte an; es bröckelt und blättert ganz allerliebst um einige Glanzstücke herum. Die Dielen knarzen, daß es Gott erbarm, und im Keller existiert ganz real DDR in Form einer ResopalSprelacart-Garderobe. Überall wird gewerkelt und gemacht — alles provisorisch hier, so war das mal, so könnte das werden, und das Gefühl entsteht: der alte Kasten lebt.
Dringliche Besuchsempfehlung.
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Postkarte von der Bifurkation
Im südlichen Niedersachsen, bei Gesmold, sagen sich Hase und Else guten Weg. Dieser Hase ist eine Sie, und von der Else hat sie sich soeben getrennt. Beide sind Wasserläufe von der Größe eines Baches, aber sie werden, das hat man mir versichert, recht bald zu ordentlichen Flüssen, die winters auch mal über die Ufer treten und allerhand Ärger machen können.
Wie es dazu gekommen sein soll: der Holtener Fürstensohn liebte Else, eine Müllersmaid; doch eine Müllerin auf der Burg — das durfte nicht sein, und so stieß der erzürnte Fürst sie erdolcht ins Wasser der Hase, die daraufhin rechterhand überschäumte vor Wut und Trauer und seither einen Abzweig namens Else speist. So weit die Sage. Auch im wahren Leben sorgten Else und Hase für Aufruhr: beide trieben Mühlen an, und zwischen den Mühlenbesitzern gab es Streit um die Wasserrechte. Nachdem 1792 ein Hase-Müller die Else mit Steinen blockiert hatte, landete er im Gesmolder Schuldturm, der in Folge von aufgebrachten Bauern geschleift wurde.
Diese Zeiten sind vorbei; die Wasserverteilung ist heute zementiert: Hase — zwei Drittel, Else — ein Drittel. Keine Diskussionen im Naturschutzgebiet.

Das also ist die Bifurkation, eine der wenigen auf der Welt, und ich mag das, wie sie sich nicht wichtig macht — nach unten muß man schauen, Tafeln muß man lesen, und dann darf man ein bißchen staunen oder sich einfach hinsetzen und die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Ein beliebtes Ausflugsziel ist sie jedenfalls, die Flußgabelung im Grünen, für Wanderer, Radfahrer und Leute mit Keschern.

Informationen gibt es beim Gesmolder Heimatverein.
Alles im Fluß
Es ist immer schön, wenn Verlorengeglaubtes wieder auftaucht.

So auch der Nibelungenschatz, den Hagen von Tronje bei Worms im Rhein versenkte — den haben sie nämlich, wie’s aussieht, in …
Menschlichkeit
Es gibt schlimme Zeiten, und es gibt die schlimmsten. In denen werden Menschen für das, was sie sind und denken, systematisch verfolgt und getötet; das Recht ist außer Kraft gesetzt. Wer menschlich handelt und hilft, bringt sich selbst und die Seinen in Gefahr.
Die Zeit des Nationalsozialismus zählt zu diesen schlimmsten Zeiten und wird Generation für Generation in Geschichtsstunden analysiert: Wer waren die Machthaber? Wie konnten sie die Oberhand gewinnen? Was waren ihre Strategien?
Und dann gibt es das »Wunder von Dieulefit«. In Dieulefit im südlichen Frankreich, der bergigen Region der Drôme, fanden während des Vichy-Regimes über tausend Verfolgte Zuflucht und wurden gerettet. Kein einziger wurde denunziert.
Wie es die Bewohner dieses dünn besiedelten Landstriches geschafft haben, unter den Augen der Regierung so viele Menschen »verschwinden« zu lassen, sie unterzubringen und zu ernähren, das ist Thema einer Wanderausstellung, die ab dem 22. Januar in der VHS in Lich zu sehen sein wird.
Die »Topographien der Menschlichkeit« zeigen, wie Widerstand gelingt, was nötig ist, um mit den scheinbar geringen Mitteln der zivilen Courage Entscheidendes zu verändern. Den Frauen und Männern, die sich nicht dem Schrecken gebeugt, sondern ihm mit Mut und Einfallsreichtum begegnet sind, wird ein Denkmal gesetzt.
Die Initiatorin Anna Tüne ist als Deutsche nach dem Krieg in der Drôme aufgewachsen; sie kennt den Landstrich, seine Bewohner und ihre Geschichte(n) gut.
Die Ausstellung erzählt: Der Einzelne ist nicht machtlos, weil die Gesellschaft aus Einzelnen besteht. Aber Mitgefühl braucht es, Mut und Zusammenhalt.
Ich wünsche allen, die hier vorbeischauen, allen Lieben und allen, bei denen ich gerne mehr gelesen hätte, ein gutes neues Jahr. Daß nichts bleiben muß, was unerträglich ist, und daß, was gut ist, weitergetragen und stärker wird. Mitgefühl, Mut und Zusammenhalt überall da, wo es nottut.
Ein Ring
Die Frankfurter Oper spielt dieses Jahr ihren ersten eigenen Ring.
Vier Abende, drei davon jeweils um die fünf Stunden lang, zusammen gut fünfzehn Stunden Musik — ich hätte nicht gedacht, daß es so schwer sein würde, Karten dafür zu bekommen. Es scheint eine Menge Wagnerianer zu geben.
(Vielleicht auch eine Vorliebe für Opern, bei denen das Publikum am Ende das Gefühl hat, eine kulturelle Leistung erbracht zu haben.)
Lachen in der Kirche
Vor dem Museum des Mainzer Doms St. Martin steht ein Plakat: Seliges Lächeln und höllisches Gelächter, eine Ausstellung zum Thema Lachen in der Kirche. Für fünf Euro wird man drinnen in den Keller geschickt – den Witz lassen sie sich nicht nehmen –, und da sind dann Kunstwerke vom Mittelalter bis in die Neuzeit versammelt, die die Einstellung der Geistlichkeit zum Lachen illustrieren. Eine kleine, sehenswerte Sache. Kurzfassung:
Postkarte aus Detmold

Auf neunzig Hektar hügeligem Land bescheint die Sonne saftige Wiesen, Äcker und Weiden; dazwischen glitzern Teiche und Bachläufe und die Sprossenfenster von Fachwerkhäusern. Das ist das Freilichtmuseum …
»1636«
In den Morgenstunden des 4. Oktober 1636 begann bei Wittstock nördlich von Berlin eine der entscheidenden Schlachten des Dreißigjährigen Krieges. Die Schweden kämpften gegen das überlegene kaiserlich-sächsische Heer, und sie siegten. Davon weiß man, weil es zahlreiche zeitgenössische Berichte gibt, Briefe von Heerführern, Musterrollen, Kupferstiche. Und 2007 wurde das Grab von 125 Gefallenen entdeckt — Menschen aus der Gegend sowie Söldner aus Skandinavien und Schottland, dicht an dicht auf dem Schlachtfeld beerdigt.
Ich weiß davon, weil ich Richensas Blog lese. Und auch wenn ich Schlachtenaufstellungen zu Schulzeiten immer möglichst schnell wieder vergessen habe, wollte ich diese Ausstellung sehen.

Untergebracht ist sie im Archäologischen Landesmuseum von Brandenburg an der Havel, einem wunderbaren Backstein-Klosterbau am Rande der Altstadt, Fußweg vom Bahnhof etwa zehn Minuten.
Typen
Im Gutenberg-Museum zu Mainz gibt es eine, wie nicht nur ich finde, sehr lesenswerte Ausstellung »On Type« mit Texten zur Typographie. Derweil …
Nasse Narzissen
Aus dumpfen Gemächern nach draußen, ans Licht: schön wäre es gewesen. Zwar gab’s kein Weißes, das die Sonne hätte dulden können, aber Sonne gab es eben auch nicht. Was bleibt da übrig als ein Unterglasausflug in den botanischen Garten?

