Wasserstandsmeldung

Wer den Rhein bei Hochwasser wirklich kennenlernen will, muß da hinreisen, wo ihn Straßen, Bahntrassen und Weinhänge einzwängen. Wenn’s eng wird, wehrt er sich und läßt die Muskeln spielen, stemmt sich beidseits gegen die Hindernisse und geht über. Die Dauercamper flüchten sich in Wagenburgen auf höheren Grund. Schwimmbäder gehen auf Tauchstation, Sportplätze heute nur für Wasserball, mit Fischernetzen in den Toren. Sogar die Landstraße hat Landunter.

Die Hafenmolen sind gedachte Linien im Strom, hinter denen die Schiffchen an ihren Leinen reißen. Stege schwimmen eben obenauf, müssen sich aber recken, und raken Unrat aus dem Fluß. Bäume waten ans Ufer oder klammern sich an gekenterte Inseln. Manchmal treibt was Größeres vorbei; man hofft, es ist aus Holz.

Flußarme greifen zwischen die Häuser, daß die nasse Füße kriegen. Schweigen wir von Kellern. Enten paddeln bei Rot über die Ampel; Schwäne treiben in Parks herum oder steuern Schaufenster in den Uferstraßen an. Nur die Fahrwassertonnen sind, wo sie immer sind, auch wenn sich als einziges Schiff heute die Pfalz vor Kaub ins Wasser wagt.

Die Leute reden über den Fluß, wie er schwillt, was er füllt; wer weiß, wie lange noch? Und das ist sehr verständlich. Dem Rhein ist, das weiß man hier, nichts gewachsen.

 

Die schönsten Hochwasserbilder gibt es bei Karu – hier ist der Rhein ein Meer.

 

 

 

Der Kohl ist rund

Dies ist ein Beitrag zu „Let’s Talk About Vegs“ von Herrn Ackerbau in Pankow, wo ich mit Vergnügen lese.

Kurz vor Silvester habe ich auf dem Markt Rosenkohl gesehen. (Wie immer ist mir dabei mein Lateinlehrer eingefallen, der seinen Sextanerchen die Aussprache des geschlossenen o beizubiegen suchte mit „Mach mal’n Mund wie Rosenkohl!“)

Es war ein einzelnes Kohlröschen, die enggepackten Blätter makellos und hellgrün, ein Prachtstück, wie ich sie mit Butter und Zucker in der Pfanne schmurgeln würde; nur leider lag es in einer Kopfsteinpflasterlücke, ganz bedeckt von Regenwasser, auf dem es ölig schillerte.

Ein vegetabiles Kleinod, am letzten Markttag des Jahres aus der Nahrungskette gerutscht und nun unter Glas und Rahmen wartend auf den Kehrdienst oder auf die Ratten – mir ist, als müßt’s ein Gleichnis sein; doch mir fällt partout nicht ein, für was.

 

 

 

Neuer Wald zum neuen Jahr

Rockenhausen, hat schließlich Irgendlink vorgeschlagen. Also: Rockenhausen.

Die Pfalz kenne ich von früher, zumeist hinter Scheiben von Autos oder Ausflugsgaststätten. Da kamen Mitschüler her; da fuhr man durch und an Wochenenden vielleicht Schaubergwerke gucken. Jetzt gehe ich wandern mit einem Pfälzer und einer Schweizerin: Soso kann den Weg auf dem Telefon verfolgen (ich bin fasziniert, ich kann bloß Papier), Irgendlink hingegen hat einen bärtigen Mann im Kopf, der mit Tusche und Feder die interne Karte beständig aktualisiert. Ich glaube es sofort; wir gehen immer richtig.

Ich muß lachen, als Soso die Pfalz Flachland nennt; aber ja, klar. Ich beginne mir alle meine Landschaften aus der Sicht der Alpen vorzustellen. Haha, 500 Meter! – Trotzdem bleibt bergauf bergauf. Dann öffnet sich der Wald, und oh, auch 500 Meter und bedeckter Himmel können Aussicht: vor uns breitet sich das Land zum Rhein und weiter, in den dunstigen Fernen schwimmen Oasen von Sonnenschein, grün und golden, wie Miniaturmalereien in Bleiwüste. Lichtschäfte verbinden sie mit den Wolken: Frau Sonne trinkt Regen, nennt Soso das.

Burg Falkenstein ist auch schön, sind wir uns einig, steinerne Fensterrahmen um die Aussicht. An der Gaststätte steht zwar, daß sie geöffnet hätte, aber das ist gelogen. Wir essen draußen, bis uns kalt wird. (Könnte eine Definition von Winterwandern sein: zu kalt für Äpfel.) Dagegen hilft nur: einen Schritt schneller; aber mit Vorsicht. Die Straße durchs Dorf Falkenstein hat 25% Gefälle.

Auf der Strecke sammelt Irgendlink Kunst. Immer wieder identifiziert er Werke von MudArtist Heiko Moorlander, den die Pfälzer Erde sehr zu inspirieren scheint. Und war hier nicht auch der Schinderhannes aktiv? Es heißt doch immer, im Wald, da sind die Räuber, aber sonst fallen uns nur Seeräuber ein. Und, zu drei Vierteln Mythos, Robin Hood.

Das gäbe dieser Wald heute nicht her; der ist eher aus der Serie „Schlechte Verstecke“. Aber der Wechsel zwischen offen und baumbestanden, die Wellen und Hügel und der dicke Donnersberg, das alles fällt mittig in meine Kategorie „schön“.

Es ist wie mit dem Propheten im eigenen Land – wenn’s da, wo man’s schon ewig kennt, schön ist, ist man immer ganz entgeistert. Muß ich noch mal, die Pfalz. Und besonders gern: Kunst beim Werden zugucken. Und Geschichten aufsammeln.

(Gruß an Herrn G., der nicht mitkonnte, aber Christstollen gestiftet hat.)

 

Hurra, Soso hat sogar Bilder!

 

 

(II) Museumsgeschichtchen

2014 im Bonner Landesmuseum ging es um römische Monumentalbronzen am Limes. Hier, am äußersten Rand des Imperiums, verkörperten Kaiserstatuen überlebensgroß die römische Macht. Sie alle wurden gestürzt, zerstückelt, eingeschmolzen. Es gibt sie nicht mehr. Diese Ausstellung wollte ich sehen.

In gläsernen Vitrinen aufgeschichtet und strahlend beleuchtet lagen Trümmerhaufen. Bronzebruchstückchen, manchmal vielleicht ein Finger oder ein Stück Gewand erkennbar; beschriftet nicht nur mit Fundort und Herstellungszeit, sondern mit dem Namen des Dargestellten und dem wahrscheinlichen Schicksal der Statue … Woher, verflixt, wissen die das? Und damit war ich für die nächsten Stunden verloren. Den Ausstellungsmachern voll auf den Leim gegangen. Es war großartig; ich würde es jederzeit wieder tun.

* * *

Gegen schlechte Laune hilft mir nichts so zuverlässig wie ein naturhistorisches Museum. Ich erinnere mich an einen finsteren Liebeskummer in einer französischen Kleinstadt, der mich in das dortige Musée d’Histoire Naturelle et d’Ethnographie trieb. Ich war da recht allein, und nachdem mich die Museumswärter als harmlos eingestuft hatten, konnte ich unbehelligt umherstreifen. Ich hätte, was da ausgestellt war, ohnehin nicht geschenkt haben wollen. Ausgestopfte Kleinsäuger schauten mich mit verrutschten Glasaugen an; einem fleddrigen Tukan hätte ich gern die Staubflocken vom Schnabel gepustet. Südseemuscheln, Knochenschalen, zerfranste Prachtschmetterlinge und Ansichtskarten aus den Kolonien gab es da; ein Sammelsurium aus zweifelhafter Taxidermie und dem Bodensatz von Matrosenkoffern … und mit jeder weiteren Schrecklichkeit wich die Verzweiflung, mit jedem schielenden Untier stieg meine Stimmung, und am Ende fühlte ich mich ganz genesen: schlimmer geht immer, nach fest kommt ab, und was ist schon ein bißchen persönlicher Kummer gegen die absurden Wunder der Welt?

Der Vollständigkeit halber: Ich habe ein Herz für vernachlässigte Museen und würde gern diese selbst in Museen ausstellen, denn auch in ihnen stecken Sorgfalt und Fachkunde und Leidenschaft. Nur daß wir heute, nun ja, drüber weg sind.

* * *

Bei der Nacht der Museen im Landesmuseum Mainz geriet ich in eine Gruppe Jugendlicher, die im Raum mit den steinzeitlichen Ritzzeichnungen über einem Frauenbild rätselte. Achsooo, von der Seite! Keine Arme, Beine, kein Kopf, hier Brust, da Hintern … Und darauf, staunte einer, haben die sich damals in ihren Höhlen einen runtergeholt?

So sehr ich lachen mußte — der Junge stellt die richtigen Fragen.

 

Zur Blogparade des archäologischen Museums Hamburg.

 

 

Richtfest

Das Haus ist ein hausförmiges Gerüst aus Holz, ganz roh sieht es aus in seiner Folienverpackung gegen das Wetter. Das wird heute wohl halten. Auf dem First ist ein Bäumchen befestigt, bunte Papierbänder flattern. Daneben die beiden Zimmermänner in ihrer schwarzen Zunftkleidung mit verwegenen Hüten, die Hemdsärmel schneeweiß und gebauscht. Unten stehen die Gäste und schauen.

Ein Reim, ein Wein, zwei zerspringende Gläser; dann steigen die beiden Männer vom Dach. Jetzt müssen die Bauherrinnen ran: zwei rohe Baumstämme stützen den Bau, die sollen fallen. Ob das Haus auch steht. Hier, die Axt.

Die junge Frau ist in Übung noch vom Winterholz. Sie packt das Beil beidhändig, holt aus und schlägt methodisch eine Kerbe um den Stamm, Schwung um Schwung aus der Hüfte. Späne fliegen, Kinder werden eingeholt. Die Umstehenden feuern an. Auf halbem Weg löst ihre Gefährtin sie ab, auch sie versiert mit dem Werkzeug. Das Publikum raunt; man ist froh, Publikum bleiben zu dürfen. Das sieht mühsam aus.

Nach einigen Minuten ändert sich der Klang der Axt im Holz; gleich, gleich ist er durch, der Stamm. Alle weichen einen Schritt zurück, da — ein dumpfes Splittern, und der untere Teil des Stützpfahls wird zur Seite geschleudert. Jubel. Rohbau: wankt nicht.

Den zweiten Pfahl auch noch zu zerschlagen, weigern die beiden Frauen sich. Alles ruft nach den Zimmerleuten. Der, der den Anfang macht, ist schmal, fast zierlich; unter seinem runden Hut blitzt eine Nickelbrille. Er nimmt die Axt, wie andere einen Pinsel nähmen, die Hand in der Mitte des Stiels, und ohne auch nur den Körpermittelpunkt zu verlagern, bringt er dem Stamm tiefe Kerben bei, ganz beiläufig, während er mit dem Kollegen scherzt. Kein Dutzend Schläge, dann ist der andere dran.

Der, buschig-bärig, nimmt zum Fällen den riesigen Hut nicht ab, macht keinen der acht Knöpfe seiner Weste auf. Er setzt präzise die Schneide ins Holz, alle Kraft in den Schlag, keine vergeudet; er steht da, leicht vornübergeneigt, als betrachte er ruhig etwas, und dabei verliert der Stamm das Stämmige, bekommt eine Sollbruchstelle, schon — allgemeines Ah und Oh — knickt er, und das Haus steht frei.

Jemand hat inzwischen den Grill beschickt. Die Hausherrinnen strahlen und schenken Trinkbares aus; Kinder und Hunde laufen durcheinander. Im Getriebe des Festes stehen die zwei jungen Zimmerer in ihren Elsternfarben; immer wieder streifen sie Blicke, weniger wegen ihrer Kluft als wegen des gelassenen Stolzes, von dem sie leuchten.

Gelernt ist gelernt.

 

 

 

Frühstück für den Staubsauger

Frühstück?
    Oh, das ist aber –! Nach Ihnen.
Folgen Sie mir zum Büffet!
Brötchen, das ganze Sortiment,
breit gestreut. In der Marmelade,
klatack, war wohl ein Kirschenkern —
verschlucken Sie sich nicht!
Bißchen Kaffee?
    Keine Milch, danke, aber Zucker gern.
Das prasselt so schön, wie Strandurlaub, nicht wahr?
    Oh, beim Käse passe ich; der
    macht mir immer Mundgeruch
    zwei Tage danach. Fast wie Knoblauch so schlimm.
    Aber sonst — ganz köstlich, wirklich!
    So, fertig! Die Platte geputzt! Jetzt könnte
    ich auch wirklich kein Krümelchen mehr …
Dann noch einen schönen Tag,
und: kehren Sie wieder!

 

 

(Aus der Rubrik: Wiedergänger aus dem Entwurfsordner.)

 

Hitze. Noch ein Versuch

Ich sitze im halben Dunkel und atme flach. Ich heize mit 100 Watt, das ist mir schweißtreibend bewußt. Wenn ich die Augen schließe, kann ich den Sommer spüren, wie er sich durch die Straße wälzt und gegen die Gebäude drückt.

Der Sommer belagert mein Haus. Von den Fensterstürzen hängt er, mit der Stirn von außen an den Scheiben, flirrt mit Fliegen oder Funken oder heißer Luft; er bohrt Finger in den Fensterkitt und späht gleißend durch die Vorhänge. Von innen sind die Mauern kühl – noch. Doch draußen hat der Sommer glutvoll die Flanken an den Stein gepreßt, daß der Mörtel reißt.

Lang wird das nicht mehr gehen, dann ist er durch die Wand.

Schon jetzt hat sich die letzte Kühle in den Schränken versteckt; öffne ich in der Küche einen um ein Trinkgeschirr, fällt mit dem Glas ein Hauch angenehmer Luft aus dem Fach und über meinen Arm, kostbar wie Seide und, wie die Nachtstunden dieser Jahreszeit rasch aufgelöst.

 

[Einer Einladung zum Spielen kann ich auch bei größter Hitze nicht widerstehen. Prosaischer als der Herr Solminore, aber mit Knicks!]

[Und: Frau Trippmadam weiß sehr genau, wann die Hitze am größten ist.]

 

 

Kurschatten

Ich sage das nicht, um anzugeben, aber wenn du wüßtest, wie viele mich angesprochen haben, seit ich hier bin … und sie alle wollten …! Männer! Naja, guck dich um, was hier sonst rumläuft; da stürzt man sich auf die, die nicht scheintot ist. Einer ist richtig attraktiv … aber nein, ein Kurschatten, da käme ich mir ja vor wie meine eigene Großmutter! Und Zeit hab ich sowieso nicht, Anwendungen den ganzen Tag, das muß man ja auch alles …

Siehst du den? Der ist immer zufällig frühstücken, wenn ich … und gar nicht so schlecht, das Frühstück, gesund und so, aber sie geben sich Mühe; trotzdem, ins Café kann man mal gehen, bißchen sündigen, man achtet ja sonst auf die Figur. Hier, die Baisertörtchen, die sind herrlich, erinnern mich an ganz früher, bei uns daheim, mit Johannisbeeren wie aus dem Garten, so bitzelsauer, die haben meine Schwester und ich immer heimlich, um Vati eins auszuwischen —

Dann hab ich ja das Doppelzimmer noch mal abgewendet, also nein, man hat ja seine Gewohnheiten, und mit Wildfremden, also, mir reicht das schon, die alle beim Frühstück zu sehen. Guck, den da hinten, den kenn ich auch, hat mir am zweiten Tag ganz unverschämt in den Ausschnitt, aber ganz unverschämt. Männer.

Wie’s mir geht? Wie meinst du das? Ach, alle ganz reizend hier, manche bißchen aufdringlich, aber sonst ganz reizend, und das tut meiner Haut gut, die Seeluft und die Anwendungen, wie’s mir geht? Also, was soll ich denn dazu sagen. Das kann ich dir morgens nach dem Duschen sagen, schöne geräumige Duschen haben sie hier; an guten Tagen bin ich ganz fix durch, aber wenn ich aus dem Bad komme und gucke auf die Uhr und eine halbe Stunde ist rum, dann ist das alles nicht so. Aber sonst geht’s mir natürlich gut, in Kur, wie soll’s da auch sonst, na klar.

Vorsingen

Die geschätzte Frau Trippmadam hat eine Episode aus der Schule geschildert: das allseits gefürchtete Vorsingen, dem man, je nach Talent und Einfallsreichtum, mit unterschiedlichen Strategien begegnete, aber kaum je ungeschoren davonkam. Auch im eigenen Erinnerungskeller schlummert eine Vorsing-Geschichte, gut abgehangen.

Die Geschichte beginnt mit dem Besuch des Hauchlobenthaler Kindergartens in der Klasse von Frau B.: So, liebe Kinder, werdet ihr es auch bald haben. Wir Kleinen saßen an den Wänden auf Turnbänken, und vor meinen staunenden Augen fand Musikunterricht statt.

Ein Frühlingslied wurde eingeübt. Der Text erschien an der Wand (Owerhettprojekter), Zeile für Zeile sang Frau B. vor, die Klasse sang im Chor nach, und wer von den Vorschülern wollte, durfte auch. So schön ist’s im Mai, ja, schön ist’s im Mai, so schön, schön ist’s im Mai! In Büschen und Hecken woll’n wir uns verstecken, wer sucht, eins, zwei, drei? So schön ist’s im Mai. Doofe Melodie, aber eingängig.

Na, wie war’s in der Schule, fragte man uns später, und: gut, sagten wir.

Ich kam als Schulkind tatsächlich in die Klasse von Frau B. Ich fand sie, wie alle Kinder ihre Lehrerinnen, nett und schön. Als wir dann irgendwann das Frühlingslied lernen sollten, jetzt im eigenen Unterricht und ganz im Ernst, rutschte mir fröhlich heraus: Ach, das kennen wir schon!

Was?, fragte Frau B. schmal, und ich begriff nicht ganz, was sie meinte. Das Lied, sagte ich. Das haben wir damals gelernt, und ich erklärte das mit dem Besuch der Kindergartenkinder. Nein, sagte Frau B., das Lied kannst du nicht. Doch, sagte ich, das haben wir damals gelernt. Ich schaute mich um, aber es schien sich niemand sonst zu erinnern.

Dann, sagte Frau B., und es klang gar nicht freundlich, sing es vor. Steh auf.

Trotzig stellte ich mich hin; alle drehten sich zu mir. So schön ist’s im Mai, fing ich an. Frau B. hatte die Stirn gerunzelt. Ja, schön ist’s im Mai. Meine Stimme klang komisch im totenstillen Klassenraum, und mir wurde sehr heiß. Ja, schön, schön ist’s im Mai. Irgendwas war hier ganz verkehrt. Frau B. starrte mich an. In Büschen und Hecken —

Ich hörte auf zu singen und setzte mich. Ich weiß es doch nicht mehr, log ich.

Na, siehst du, sagte Frau B. zufrieden, und auch das klang nicht freundlich.

Hier und da drehte sich noch verstohlen ein Kind nach mir um, aber das war’s, der Vorfall kam nicht wieder zur Sprache. Trotzdem fand ich danach meine Lehrerin nicht mehr ganz so hübsch, nicht mehr ganz so nett. Oh, ich hatte ein gutes Gedächtnis, und das behielt ich von da an für mich.

 

 

 

Kirche im Dorf

Zur Beerdigung kommt der halbe Ort, mindestens, und noch einmal so viele von weiter weg. Die Kirche ist schwarz vor Menschen und voller weißer Blumen, die Gesichter sind ernst. Hier und da werden Taschentücher verteilt.

Der Posaunenchor spielt im Wechsel mit der Orgel, und alle singen mit oder versuchen es doch. Der Pfarrer spricht laut und schön und weiß tröstliche Worte; man ist sich nachher einig, das hat er gut gesagt.

Ein Zug von Wintermänteln zur Grabstelle. Glockengeläut, Psalm 23, Staub zu Staub. Dann stehen alle in der Winterluft und werfen ihre Handvoll Erde in die Grube; Händeschütteln und Umarmen, Tränen und Freude: so sieht man sich wieder!

Nachher im Gemeindehaus ist der Kaffee dünn, der Kuchen trocken, das Gespräch gedämpft, doch das ändert sich. Allmählich wird die Gesellschaft lauter, man wirft Sätze über Tischzeilen hinweg, hier und da steckt Gelächter an. Es wird warm.

Zum Schluß kriegen alle noch ein Paket Kuchen und gehen heim, während der kleine Bagger hinter der Kirche die Grabstelle zumacht. Ein Glück hat es nicht gefroren! Es wird dunkel. Das Lachen sitzt locker in der Kehle: wir haben’s hinter uns, es ist geschafft. Und es war ein schönes Begräbnis.

Dabei kommt jetzt ja alles erst: der nächste Morgen und alle anderen danach; das Fehlen; die Träume; die Korrekturen von Numerus und Tempus und Kalender; lernen, wie ein Jahr geht. Und die Lektion: so ist das jetzt, und dieses Jetzt wird bleiben.