Kleine Schönheit

herbstblatt
Herbst, Winter, Frühling.

Der Wandertag endete am Bahnhof, noch etwas Zeit bis zum nächsten Zug; der Himmel war schon schwarz, der Schein der Natriumdampflampen überzog die ganze Anlage gelb und golden, und als ich ging, das Ding zu fotografieren, das am Bahnsteigende auf dem rissigen Asphalt glitzerte, da hörte ich vom nahen Fluß herauf zwei Nachtigallen im Wettstreit singen. Das war mitten im Januar.

[Mit einem Gruß an Karu.]

Zu Fuß im Baskenland

Wenn man die Schweiz ans Meer verlegte, müßte so was wie das Baskenland herauskommen: Vieh auf grünen Berghängen, robuste Häuser mit Fensterläden; auf den Dächern Steine, Palmen in den Vorgärten und ein Surfbrett in jeder Scheune.

Hier haben die Kirchen weite Schürzen, unter die man kriechen kann, wenn das Atlantikwetter ungnädig wird. Rastplätze mit Trinkwasserbrunnen und Bänken gibt es einfach so am Straßenrand, weit entfernt von Siedlungen, und nicht für Autos, denn im Baskenland geht man zu Fuß.

Platz mit Bäumen, Bank und Brunnen.
Rastplatz für Fußgänger.

Von Ort zu Ort über Land? Die Einheimischen, denen wir unseren Plan erzählen, zucken nicht mit der Wimper. In Deutschland sind die direkten Wege gern mit Straßen beliebiger Größe überbaut. Aber hier gibt es einen gekiesten Fußweg, ein Stück weg vom Autoverkehr, zwischen Hecken und Feldern; wir müssen nur den Schildern folgen. Sehr bequem. Der Weg verschwindet auch nicht irgendwo in einem Straßengraben: noch an der kleinsten Autostraße scheint es eine Art Bürgersteig zu geben.

Bei uns wäre es jetzt so: in direkter Nähe der Orte würde man eine Handvoll Gassigeher treffen, weiter weg allerhöchstens noch versprengte Jogger. Hier ist das anders. Alles, was Beine hat, ist unterwegs, allein, in Grüppchen, in der Regel in Straßenkleidung und ohne Gepäck (außer einem Regenschirm). Wir kommen aus dem Hola! gar nicht mehr raus. Immer wieder werden wir von knorrigen alten Männern mit ebensolchen Stöcken überholt; wenn hier einer mit Hund geht, dann nicht Gassi, dann darf der Hund mit, wenn er mithalten kann. Das alles in einer Landschaft mit Weiden und Wäldern und einem kleinen Bach, in dem wir einen Flußkrebs beobachten können – die habe ich noch nie jenseits eines Tellerrandes gesehen –, überschattet von grauen Bergmassiven.

So was hätte ich hier auch gern: eine funktionierende Infrastruktur für Fußgänger. Wenn der Wanderweg nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, wenn man nicht wie ein Wundertier bestaunt wird, weil man ein paar Kilometer ohne fahrbaren Untersatz zurückgelegt hat, und Fußgänger eindeutig Vorrang haben.

Ein einziges Auto begegnet uns auf acht Kilometern, im Schneckentempo, und die Insassen entschuldigen sich gestenreich dafür, daß wir ausweichen müssen. Es ist ein Polizeiauto.

„Fußgänger haben Vorrang.“

 

 

 

Nicht gekleckert

Mosel muß, sage ich, und Herr G. stimmt zu. Aber vor der großen Hitze, wenn’s geht. Man ist ja keine Eidechse.

Als wir losziehen, ist Regen angesagt. Wir haben Schirme mit. Durch Trier brauchen wir eine Stunde, teils aus Schusseligkeit, teils, weil wir noch die Porta Nigra angucken. Daß Napoleon die nicht abgerissen hat, wundere ich mich. In die Basilika, sagt Herr G., hat er Pferde gestellt. Und Zwischenböden eingezogen, damit mehr hineinpassen. Naja, ist ja alles noch mal gutgegangen. Wir betrachten die barocken Schnörkel, mit denen das alte Tor mal zu einer Kirche zurechtgefräst worden war; die haben auch nicht geschadet.

Aus Trier raus ist es ungemütlich. Wir gehen bergauf an einer dicht befahrenen Straße entlang; das schlägt direkt auf die Laune, und wir sind froh, als wir endlich in die waldigen Hügel finden. Die Anspannung des Fußgängers in einer Autowelt bemerken wir erst so richtig, als sie abfällt.

Mosel, Saar, Sauer.

Dann ist der Weg Weg. Einfach Schritt auf Schritt; mal steigend, mal bergab, immer wieder mit schönen Sachen zu sehen. Die Erinnerung löst sich von den Straßen und gefährlichen Querungen und knüpft sich an Aussichten, die Hummelragwurz am Wiesenhang, eine Spitzmaus im Wegegrün, den Geocache, den wir aus Versehen finden. Wie jedes Mal staunen wir, wie schnell wir raus sind aus dem Täglichen; wie immer sind wir uns einig: das müßte man sich viel, viel öfter gönnen.

Und nun: Konz. Hier mündet die Saar in die Mosel, das Tal ist fruchtbar und freundlich und besiedelt seit der Steinzeit. Kann man verstehen, sagt Herr G. Aber die Straße in den Ort hinein zieht sich; wir folgen langen Unter- und Überführungen, queren Verkehrskreisel und kommen an drei Bahnhöfen vorbei. Eine Orgie von Verkehrswegen. Dazwischen kauern halbe und viertel Häuserzeilen aus verschiedenen Epochen, die man vergessen hat abzureißen. Je weiter wir reinkommen, desto moderner und massiver werden die Wohnblöcke; heutige Insulae, auf Parkplätzen und über Garagen errichtet. In Konz wird geklotzt, nicht gekleckert. Erschöpft wanken wir in ein Café. Dann machen wir uns auf die Suche nach dem Palast des Kaisers Valentinian.

Thermenrest Konz Kirche St. Nikolaus

Fündig werden wir einige Verkehrskreisel später auf einem Friedhof. Da ragt ein Mauerstück der Therme zwischen den Gräbern, ein Zahnstumpf aus Ziegelsteinen. Beim Bau einer Kirche wurden die Reste des Palastes entdeckt und erschlossen. Die Kirche ist ein Betonzelt mit Aussicht; drinnen steht die Orgel wie ein Chor Engel mitten in der Gemeinde.

Draußen aber ist ein Mauerbogen aufgebaut. Hier muß die äußere Palastmauer gestanden haben, und als wir herantreten, sehen wir endlich etwas: die Hügel, die sich um die Flußmündung zum Tal weiten, Siedlungen und Ackerland, hingebreitet wie ein Picknicktuch, Spielzeug für den Kaiser. Es ist schwer, den Blick davon zu wenden. Und das finde ich dann doch bemerkenswert, daß vom ganzen Palast nur die Aussicht erhalten geblieben ist.

Hinter Konz gibt es dann noch ein Stürmchen und Regen, später Pferdesteak und ein Glas Viez im Trockenen.