Gang mit Herrn G. und wiedergefundener Kamera

Ich muß mich wieder an den Riemen auf der Schulter gewöhnen, sage ich zu Herrn G. Der Himmel ist hell und diesig, als hätte wer Zuckerwatte darin zerblasen, der Fluß erstaunlich dunkelblau und grün. Veilchen, Weißdorn, Schlüsselblume, Hyazinthen, Lerchensporn und diese Miniaturblümchen, weiß mit dunkelbraunem Kraut, von denen wir den Namen nicht wissen (Herr G. meint: ein Neophyt), dazu Vogelkonzert. Man kann nicht klagen.

Wenn ein Weg der bestmögliche Kompromiß aus der kürzesten und der bequemsten Verbindung zwischen A und B ist, dann hat der Moselsteig ganz klar das Thema verfehlt. Da wird der Wanderer auf Ziegenpfade geschickt, über Leitern und Fels und Geröll, aus zehn Metern Entferung betrachtet von Sonntagsspaziergängern auf asphaltiertem Weinbergsweg. Markante Punkte sieht man mitunter stundenlang aus verschiedensten Blickwinkeln. Das, sagt Herr G., hätten wir auch kürzer haben können. Aber so hübsch wär es dann nicht gewesen, antworte ich.

Das Bildermachen geht immer leichter. Ich will ja niemanden langweilen, aber Herr G. ist sehr geduldig mit mir und meiner Kamera. Später stellt sich heraus, daß er eine Menge Limericks kann, die meisten auf Englisch, und davon ein erklecklicher Teil unanständig. Wir fallen vor Lachen fast von der Bank; die Vorüberkommenden gucken.

Es wird ja wieder gewandert in der Republik. Den Pfaden folgen ganze Kegelclubs und Familienverbände, rasten an Hütten, genießen auf Bänken die Aussicht. Dochdoch, die dürfen, aber wenn man wandert, wär man gern allein, sagt Herr G., sonst könnte man sich ja auch in der Straßenbahn erholen. Wir bestaunen die menschliche Fähigkeit, sich völlig ungestört zu fühlen, sobald das Telefon an der Backe klebt: „Nein, da müssen Sie am besten gleich selbst hinfahren, um das zu klären, ich bin hier gerade mitten in der Pampa …“ Wir können das nicht und wünschen, es wäre Montag. Oder schlechtes Wetter.

An der Straße, da geht es schon hinunter in den Ort, ist es auch nicht besser, da lassen uns Geschwader von Motorrädern spüren, daß wir fehl am Platze sind. Herr G. ruft ihnen nach: Ja, heul doch! Und das tun sie. Man hört sie lange.

Unten in Moselkern gibt es keinen Kaffee. Dafür verliebe ich mich auf die letzten Meter noch rasch in den Bahnhof, ein skurriles Ding in voll erblühtem Jugendstil. Ich habe ja zum Glück meine Kamera wieder.