Meme auf schlechtem Papier

#Ein-Buchstabe-daneben-Tiere (anno 2003).
Kurze Erläuterung für Nicht-Twitterer: Twitter ist ein Textdienst, in dem es vor allem darum geht, anderen seine Nachrichten, Erkenntnisse, Befindlichkeiten in höchstens 140 Zeichen begreiflich zu machen. Als Twitter-Nutzer abonniert man einen, dreißig, zweitausendvier andere und kann in Echtzeit mitlesen, was diesen aktuell zustößt — das nennt sich Timeline. Und da nur Nachrichten und Katzenbilder irgendwann langweilig werden, sind interaktive Spiele entstanden: ein beliebiger Twitterer (naja, so ganz beliebig vielleicht nicht) versieht eine Idee mit einem #, wirft sie in die Runde, und seine Abonnenten machen sich darüber her.

Ist die Idee gut, spielt bald ganz Twitter mit; das nennt man dann Mem. Richtig gut war im letzten Jahr #einBuchstabedanebenTiere — binnen kürzester Zeit wimmelte es in den Timelines vor Jammerhaien, Raubfröschen und Spottwalen.

So was haben wir natürlich auch vor Twitter schon gemacht. Allerdings haben wir den ganzen Unsinn mehr so in den eigenen Bart gemurmelt, statt ihn quer durchs Netz zu johlen, mit großem Hallo weiterzuerzählen und ein vielfältiges Echo hervorzubringen.

Mehr Spaß macht es mit vielen — danke, Twitter.

Jersey: die schönen Blumen

Beete, Rabatten und Gewächshäuser blühen hier den ganzen Sommer hindurch; auf Klippenkanten und Wattflächen, in Felsnischen und unter zerzaustem Gestrüpp gedeihen zähe, anpassungsfähige Inselgewächse ganz von selbst.


Was sich nicht einfangen und abbilden läßt: Nur ein paar Schritte vom Strand entfernt übertönen Ginster und Wacholder, in der Sonne gedörrt, mit dem Knacken ihrer Schoten die Brandung.

Postkarte vom Kanal

Ob mehr England oder mehr Frankreich, ist nicht gleich zu entscheiden. Die Namen von Orten und Häusern lesen sich französisch und klingen völlig britisch; zum Frühstück gibt es Black Pudding, zum Nachtisch Crème brulée. Deutsch war man auch mal, aber nicht gern, und schaudert heute noch in den alten Betontunneln.

Zweimal täglich setzen die Gezeiten alle Boote im Hafen auf Grund. Man verbringt viel Zeit auf Abbruchkanten, blickt ins Blaue, Graue und Grüne und erwartet unentwegt malerische Schafherden; es gibt aber fast keine, bloß Banken, Versicherungen und Kühe. Und harte Pullover aus Fremdwolle — das Jersey-Schaf ist ausgestorben.

Die Insel zeigt ihren Besuchern ein freundliches Gesicht, ein sonniges, üppiges, butterfett glänzendes. Besucher sind gern gesehen, wenn sie, wie die Flut, immer wieder kommen und immer wieder gehen.

… und der Himmel über Jersey

Gefunden

Weiß jemand, was die Schrift bedeutet?
Weiß jemand, was hier steht?

Zwischen meinen Dingen fand sich, in Papier gewickelt, das hier: eine Fliese mit hebräischen Zeichen. Ihre Geschichte ist mir abhanden gekommen — ich weiß weder, woher ich sie habe, noch, was ihre Inschrift bedeutet. (Da ich auch keine Wand habe, um sie anzubringen, habe ich sie einer Hausbesitzerin geschenkt.)

Wenn einem solche Sachen passieren, ist das ein klares Zeichen von zuviel Zeug.

Die nächsten Tage reise ich — mit leichtem Gepäck! — und habe mir geschworen, nichts mitzubringen.

Gehabt euch wohl!

Das Zwischenland

Es ist ein blasser Landstrich, nicht flach und nicht gebirgig, weder Steppe noch Wald; es zählt sich nicht zum Rheinland und nicht zur Pfalz und zu Hessen schon gar nicht: Da, wo der Rhein einen großen Umweg macht, zwischen Bingen im Westen, Mainz im Osten und im Süden Worms, liegt Rheinhessen.

Es gibt nicht viel, was das Auge hält; Hügel hinter Hügel, mit Getreide oder Wein bepflanzt, Kulturlandschaft seit Tausenden von Jahren. Noch früher war es Meeresgrund: zwischen den Reben leuchten weiße Schneckentürmchen, Muschelschalen und — Finderglück! — glänzende Haifischzähne.

Von den Kelten erzählen Gräber und Gefäße. Dann kamen die Römer und brachten außer Krieg und Fernverkehr auch den Weinbau in die Region. Spätere Kaiser nahmen hier Quartier. Das Land war fruchtbar und umkämpft, was sich in starken Mauern und Resten schweren Geschützes zeigt. Bis heute wirkt die Herrschaft Napoleons, dessen Soldaten eine schnurgerade Straße zogen von Mainz bis nach Paris, und dessen Citoyens den Wortschatz dieser Gegend prägten.

Wald ist rar. Die Dörfer, aus dem Kalkstein der Gegend gebaut oder aus honigfarbenen Ziegeln, liegen in Täler und Mulden geduckt; oben, auf den besonnten Hügelhöhen, breiten sich die Äcker. Früher ragten nur die Kirchtürme aus den Bodenfalten und wiesen den Weg von Ort zu Ort. Heute wuchern Industrie- und Neubaugebiete die Hügel empor, und die Illusion der Menschenleere stellt sich nur noch selten ein.

Die Gründerzeit brachte sauberes Wasser für alle, und sie brachte die Eisenbahn. Ein dichtes Schienennetz verband die Dörfer; die Bahnen nannte man Bawettche und Valtinche, Zuckerlottche, Gickelche und Amiche. Nach den Wirtschaftswunderjahren wurden sie stillgelegt und bald ersetzt durch die A60, die A61, die A63, die das Land zerschneiden und endgültig zum Durchfahrtsgebiet machen.

In den letzten Jahren haben die Rheinhessen den Genuß entdeckt. Winzer machen Wein und Wellness, die Gastronomie blüht; die kleinen Orte öffnen sich dem Tourismus und bauen nagelneue Trulli. Trotzdem wird es hier wohl niemals eine Drosselgasse geben.

Je höher man geht zwischen Wingert und Feld, desto himmelweiter wird der Blick. Wie Perlenketten ziehen sich Alleebäume über die Hügelkämme; Schwärme von Windrädern sitzen auf ihren Flanken, und die Lerchen jubeln dazu. An klaren Tagen sieht man vom Donnersberg bis zum Taunus. Und wenn man sich so fast ein wenig allmächtig fühlt über dem sanften Land, hat es einen schon an sich gezogen. Boden bietet es genug für Wurzeln.

Literatur aus und über Rheinhessen:
z.B. Carl Zuckmayer (war gerade hier Thema); Elisabeth Langgässer; Wilhelm Holzamer

Und noch ein Knicks für K. mit dem Kompaß. Daß er die Himmelsrichtungen kennt, liegt sicher nicht nur an der Vogelperspektive.

Ausflugslokale

Wo sie sind, ist sonst nichts, und so bleiben sie sich treu — sie können es sich leisten. Sie entstehen, wenn Sehenswürdigkeiten und Geschäftssinn zusammenkommen: die mobile Bratwurstbude neben der schönen Aussicht und auch der geflieste Vollprofibewirtungsbetrieb mit Spielgelegenheit (Eltern haften für ihre Kinder). Manche erreicht der staubige Wanderer, sein Glück kaum fassend, nach stundenlangem Fußmarsch durch die Natur; andere locken mit asphaltiertem Riesenparkplatz die Sonntagsfahrer an.

Alle versprechen sie Schatten, Eis am Stiel, allgemeine Erquickung. Die kommt verschieden daher: In manchen Lokalen sitzen Einweg-Gäste auf wabbeligen Plastiksesseln und vertilgen Heißheiß-Würstchen mit Mayonnaise aus dem Eimer, Trockenkuchen gibt’s mit Sprühsahne. In anderen wird mit Liebe gekocht, Feldarbeiterportionen mit Salatgarnitur und hinterher ein Filterkaffee, und man hofft, vielleicht erkennen sie mich hier ja wieder, im nächsten Jahr oder im überübernächsten.

Der Besuch von Ausflugslokalen wird leicht eine Reise in die Vergangenheit, zehn bis zwanzig Jahre mindestens. In ihnen erhalten sich Raumausstattung, Speisekarten, Umgangston weit über ihre natürliche Dauer hinaus. Dazu vielleicht, vielleicht auch nicht, der Härtetest: Musik.

Die meisten sieht man einmal und nie wieder. Ausflugslokale kann man lieben oder hassen, eine Wahl hat man nicht; man füllt den Magen, leert die Blase und nimmt hinterher eine mehr oder minder gute Geschichte mit.

Feuerschiff im Hamburger Hafen; bei Regen.Schild, irgendwo auf der ToiletteLokal-Huhn in Westfalen. Noch denkt es, man könne Kameras essen.Gaststätte in Rheinland-Pfalz; vor dem Regen. Aus dem Museum für Ausflugslokale, Rheinland-Pfalz.