Siegen

Bilder nach der Wahl zeigen strahlende Gesichter, hochgerissene Arme, Sekt. Siegerposen wie im Sport.

Warum? Wer eine Wahl gewinnt, hat noch nichts geleistet. Er bekommt zu tun: muß sich mit allem, wirklich allem befassen, und fundiert; muß im Entscheiden immer irgendwen vergrätzen, nicht zuletzt sich selbst; weiß nie, wer gefährlicher ist, Freund oder Feind. Schöne Arbeit ist das nicht und, so heißt es, nicht einmal besonders gut bezahlt.

Wer diese Bürden tragen soll, müßte vielmehr gedrückt sein. Alle Kräfte sammeln, mit ernster Stirne gegen den Wind. Den Mantel fester um sich ziehen, daß er nicht flattert. Den Rücken gerade und weit, weit schauen.

Stotterfrühling

Es grünt.
Es grünt.

Irgendwann reicht es mit dem Daheimbleiben, und dann muß man auch bei seltsamem Wetter raus. Das fließt wie Milch durchs Tal und kann sich nicht entscheiden zwischen Regen und Schnee. Die Vögel singen trotzdem, als sei heller Frühling, dabei hocken die Hügel noch grau wie Igel am Fluß. Bloß in Falten und Nischen blüht es schon.

Ich probiere Anstiege und habe gottlob nicht alles vergessen, nicht ganz. Es dauert etwas, bis ich zu Atem komme, bis ich die passende Menge Wolle gefunden habe, wieder richtig knöpfe und krempele, die Schuhe richtig schnüre. Oh, ich bin ungern aus der Übung und kann kaum erwarten, daß es besser wird.

Aber dann! Ich habe wieder Augen. Für die Schneeglöckchenpolster am Hang, wie verschüttete Milch; für das grüne Wasser unten im Tal. Einmal schaut mir ein Hirsch entgegen, mitten auf dem Wanderweg, das Geweih noch in Samt verpackt, bis er doch die Flucht ergreift. Die Sonne glüht ein paarmal fast ein Loch in die Wolken, und da ahne ich auf dem Weg vor mir meinen Schatten. Es geht wieder, es geht wieder los.

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Qual der Wahl

„Welchen von diesen beiden würden Sie nächsten Sonntag wählen?“ In der Fußgängerzone steht eine Frau mit Kamera und Mikrofon vor zwei Politikerfiguren, lebensgroß, aus Pappe. Ich pralle zurück und wechsle die Straßenseite. Solche Fragen möchte ich nicht beantworten müssen. Den einen, müßte ich sagen, kenne ich zu wenig. Den anderen hingegen, den kenne ich viel zu lang.
***
Im Kindergartenalter mußten wir zusammen spielen, während die Eltern geschäftlich zu tun hatten. Ich mochte diese Termine nicht; sie waren war so … leer. Er zeigte sein neues Spielzeug, mit dem wir dann nicht spielten; keine Phantasiewelt, keine Vertrautheit, nicht einmal irgendein heimlicher Regelbruch konnte uns verbünden. Ich ging bedrückt und schlecht gelaunt.
Aber wir blieben einander erhalten. In der Grund- und später der weiterführenden Schule waren wir in Parallelklassen; erst in der Oberstufe besuchten wir dieselben Kurse. Er saß immer seitlich vorn, sah auf eine glatte Art gut aus und hatte passable Noten. Die erzielte er mit Antworten auf leichte Fragen und, verließen wir das Terrain, das er vorbereitet hatte, seinem gewinnenden Lächeln.
Er wußte sich vorteilhaft darzustellen, ohne irgendwo dabei zu sein. Ich hätte weder sagen können, was er vertrat, noch, wofür er sich interessierte. (Sein Freundeskreis war seine Lerngruppe – sie besorgten sich das Lehrermaterial zur Schullektüre und hatten so die Interpretationen immer richtig.) Der Schützenverein, vielleicht: ein Jahr war er Schützenkönig und die Zeitungen voller strahlender Bilder, voller heimatverbundener Aussagesätze, die keinem wehtaten.
Nach Jahren sehe ich ihn wieder in der Zeitung: Politiker ist er geworden. Gut ausgeleuchtet neigt er sich zu Kindern hinab oder leiht älteren Mitbürgern das Ohr. Sein Lächeln auf Plakaten. Seine Wortmeldungen: wenig Verbindliches, kaum Inhalt, Herz gar keines. Gern: Empörung, wohlfeil. Aalt sich, wo die Sonne der Aufmerksamkeit scheint; windet sich um Fragen. Hackt zu, wo er eine Mehrheit hinter sich wittert. Er wird’s, heißt es, weit bringen; mir graut davor.

Happy End II

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So schön: schwarz natürlich, aus Seide, mit elegant geschwungener Schellackkrempe und hohem Kopf – ein Zylinder! Schön wie Frackschöße und Stockschirm! Gerne hätte ich selbst einen getragen als junges Ding, doch wurde ich bei keinem Trödler in meiner Größe fündig; und neu? Aussichtslos.
Was also lag näher, als einen guterhaltenen Chapeau Claque zu erstehen und ihn dem Liebsten zu verehren? Der lieh sich einen Frack dazu, legte einen weißen Seidenschal um den Hals und ging mit mir aufs Fest.
Mit Hut und Schuhen war er nun zweizwanzig lang; biegsam und schnell und mit blitzenden Augen. Er überstrahlte den Saal, schwarz und weiß. Alle drehten sich um nach ihm, viele tanzten mit ihm; als aber das Fest vorbei war, da kam er für den Rest der Nacht, was Frack und was Zylinder!, heim mit mir.
P.S.: Was ich anhatte an diesem Abend? Das hier.
 
 
Das war mein ganz persönliches A–Z im Gefolge des „Projekts Kleider machen Leute“, wo sich jede Menge witziger, warmer, frecher, herzzerreißender Texte quer durch den Kleiderschrank gesammelt haben. Herzlichen Dank an den Herrn Wortmischer, dessen Geduld ich strapaziert habe; mir war es ein Vergnügen! Und Chapeau vor diesem Organisationstalent!
 

Happy End I

Kleider machen Leute – Endspurt! Mit Y!
 
Einmal mußte ich in die Sportabteilung. Ich brauchte eine bequeme Hose, vulgo Turnhose. Sie sollte keine Bündchen unten haben (wie die gefürchtete Schoggingbuxe) und keinen Steg, sie sollte möglichst plastikfrei, dazu ohne Glitzer, Aufdruck und Stickerei sein, am liebsten einfarbig, bequem in allen Lagen, gut sitzend ohne Gebembels vorm Schritt, keine verwickelten Verschlüsse, lang genug, daß sie die Knöchel auch ohne Socken wärme, problemlos waschbar; gutes Aussehen wäre selbstredend kein Hindernis. Ich war fest überzeugt, daß ich nichts bekommen würde, als ich der Verkäuferin erklärte, was ich wollte.
Die strahlte mich an: Da hab ich genau das Richtige für Sie. Nehmen Sie doch einfach eine von unseren Yogahosen!
Und, was soll ich sagen, sie hatte recht.
 
 
 

Man weiß nie, wozu's gut ist.

Kleider machen Leute: auch für Problembuchstaben.
 
Wanderschuhe? Selbstverständlich gibt es auch was über Wanderschuhe. Und dann endlich etwas über X-Bein-Einlagen:
In noch zartem Alter verbrachte man mich in die nächste ernstzunehmende Stadt, wo meine Mutter ein Sanitätshaus und Orthopädiefachhandelsgeschäft untadeligen Rufs kannte: Es war nämlich, als es eines Tages dem Planschbecken entstieg, der Verdacht gekeimt, das Kind, also ich, könne X-Beine kriegen.
So stand ich in einer Orthopädiewerkstatt und schaute die Holzbeine an, die an der Wand aufgereiht lehnten. Die längsten gingen mir bis zur Brust. Auch Arme gab es, und Hände in Handschuhen, mit locker gekrümmten Fingern. Es roch nach Leder und Leukoplast, das Licht war sehr weiß, wie die Kittel derer, die hier arbeiteten. Der Boden glänzte mit Trampelpfaden auf dem Linoleum. Weiter oben wurde über Knick, Senk und Spreiz verhandelt; und, jaja, wohl besser Einlagen, denn man weiß es nicht. Also X-Bein-Einlagen.
Dann kam Herr Okupski, auch er im weißen Kittel. Herr Okupski trug einen mönchischen Haarkranz und eine Brille, die seine Augen gigantisch vergrößerte. Bevor ich Angst bekommen konnte, ließ er mich in blaue Tinte treten, über Papier laufen, in Kisten steigen und packte schließlich meine Füße in Gips; der wurde beim Trocknen warm, ehe Herr Okupski ihn mit einer ungeschlachten Schere aufschnitt. (Die Gipsmodelle standen jahrelang in meinem Bücherregal.) Ich habe keine Ahnung, wie lang das alles dauerte, aber ich fühlte mich bestens unterhalten.
Die Einlagen holten wir zwei Wochen später ab; sie waren mit glattem braunem Leder überzogen und unnachgiebig. Ich trug sie einen Winter lang in den Stiefeln, im nächsten paßten sie nicht mehr. X-Beine bekam ich keine. Ich lege Wert darauf zu glauben, daß ich das Herrn Okupski zu verdanken habe.
 
 
Nachgetragen, weil’s paßt: Zu Jules van der Leys Die Läden meiner Kindheit.
 

Untendrunter sind wir alle nackt

Kleider machen Leute – statt Kleidungsstück mit U: unbekleidet.
 
Als Jugendliche habe ich einen Aktzeichenkurs gemacht. Eine ganze Woche hatten wir ein und dasselbe Modell, A., eine Frau mit schwerem Körper, ebensolchem Haar und Sommersprossen; mal hielt sie (was ich bewunderte) zwei Stunden still für uns, mal bewegte sie sich in Zeitlupe, mal zeichneten wir sie in Aktion. Das ist so lange her, daß ich kaum mehr etwas davon weiß, aber an eine Sache erinnere ich mich gut: wie ich Schultern, Brüste, Hals zeichnete, Verkürzungen analysierte, Knie und Hintern genauer denn je betrachtete, um sie auf großformatige Papiere zu bannen – und wie das plötzlich aufhörte.
Auf einmal sah ich da nicht mehr Rücken, Arme, nackten Bauch einer Frau, ich verlieh keine Adjektive mehr: nicht sommersprossig, nicht uneben, nicht straff oder überbordend, sondern ich sah Bewegung, Linie, Lichtfall, ich sah einen Körper, der alle Körper hätte sein können, und das war, dieser Körper war unendlich schön.
Ich muß einen Laut von mir gegeben haben, denn alle drehten sich um nach mir, auch A. Sie lächelte kurz, ehe sie wieder ihre Pose einnahm. Vielleicht wußte sie, was sie mir in diesem Moment geschenkt hatte.
 
Verkleidet hingegen geht es hier zu.
 
 
 

T-Shirts, bedruckt

Kleider machen Leute – Beschwerdestelle.
 
Es ist nicht so dauerhaft wie tätowierter Text, doch auf T-Shirts tragen Leute ganz schönen Quatsch spazieren. Einerseits selbst ausgesuchten und formulierten Blöd-, Un- oder Hintersinn, aber eben auch das, was halt so draufstand auf den Hemdchen im Dreierpack. Da werden irgendwelche Golf-, Polo- und Segelclubzugehörigkeiten behauptet oder Wörter wie Sonnenschein, lieblich oder gute Zeiten randomisiert zu Mustern zusammengebraten – ist ja egal, liest sowieso keiner, und ist obendrein Englisch.
Stimmt nicht! Beispiel: Meine Mitschülerin hatte ein T-Shirt, auf dem stand What’s do? Chap! I saw a flying saucer! Sie saß damit ein paar Schulstunden lang in meinem Blickfeld, zu einer Zeit, da wir noch nicht einmal Englisch hatten. Und ich weiß das immer noch! Wieder Gedächtniskapazität für nichts und wieder nichts verbraten.
Ich frage mich, wozu ich, wozu die Menschheit in der Lage wäre, wenn man uns das Hirn nicht derart vollmüllte – wir werden es wohl nie erfahren. Liebe Kleiderdesigner, laßt das doch bitte einfach bleiben.
 
 
 

Zur späteren Verwendung

Kleider machen Leute: Q wie Quilt.
 
Die Textilkünstlerinnen stellten aus, Gestelle und Vitrinen voller verfremdeter, zerstörter, umgedeuteter Dinge aus Stoff; ganze Geschichten, mit Nadel und Faden erzählt. Ein Stück fiel schon von weitem auf: Hinter Glas leuchtete ein Quilt in allen Regenbogenfarben, ebenmäßig und harmonisch; viel, viel Arbeit mußte der gekostet haben. Darunter hing ein Schild: Die Krawatten meines verstorbenen Mannes.
Ein älteres Ehepaar blieb vor der Vitrine stehen, er offensichtlich weniger interessiert als sie; aber er zuckte doch zusammen, als sie mit leuchtenden Augen sagte: Ist das inspirierend! Guck mal, du hast doch auch so viele …
 
Mit R: gegen Regen die richtige Kleidung