Kleider machen Leute – offensichtlich Geflicktes vs. ordentliche Kleidung.
Je älter ich werde, desto lieber habe ich Geflicktes. Es scheint mir ein Zeichen höchster Wertschätzung, ein Kleidungsstück am Ende seiner Lebensdauer mit etwas Arbeit und viel Liebe für eine Weile weiter in Betrieb zu halten. Ich mag das, zu sehen: da hat jemand gern, was er oder sie trägt. Da war etwas wert, repariert zu werden.
Manche pflegen die Praxis des offensichtlichen Flickens – mit andersfarbigen Garnen, mit fremden Stoffen oder sogar mit Schmuck. Das hat für mich Logik – nicht nur das Kleidungsstück wird in seiner Funktion bewahrt, sondern auch seine Geschichte. Das läuft allerdings bei den meisten Menschen nicht unter „ordentliche Kleidung“.
Sehr befremdet mich daher, daß man vorgeschädigte Kleidungsstücke kaufen kann, manchmal auch gleich vor-geflickt, unter üblen Bedingungen hergestellt und für ordentliches Geld. Als maße man sich etwas an, als würde man ein fremdes Leben, eine künstliche Geschichte von der Stange erwerben. Fake. Vielleicht wird Kleidung nicht mehr lange genug getragen für echte Gebrauchsspuren? Was für ein Irrwitz.
Hm – geflickte und ordentliche Kleidung sind ja kein Gegensatz. Von einer meiner Urgroßmutter ist folgender Spruch überliefert: Ein hässlicher Flicken ist besser als ein hübsches Loch.
Ansonsten fiel mir noch dieses Stück über ein Kleidungsstück mit Geschichte ein: https://youtu.be/9DgzI-8tECU
Genau das ist es: die Urgroßmütter fanden das völlig normal, daß man Kleidung flickt. Ich habe mit meinem gestopften Hemd hochgezogene Brauen geerntet: hätteste da nichts Orntliches …?
Pepas Hemd ist klasse, danke.
Ich habe inzwischen keine Hemmungen mehr, Geflicktes zu tragen (da ich ja auf lange Sicht auf den Status einer komischen Alten oder einer unwürdigen Greisin hinarbeite).
Das scheint mir ein vernünftiges Vorhaben.
Fake. So habe ich es auch immer empfunden. Ich hatte nur den Begriff nicht dafür. Danke.
(Besonders schlimm bei Schuhen. Künstliche Schneeränder und so.)
Was? So etwas gibt es?
Habe ich letztes Jahr? vor zweien? in einem Laden gesehen. Führte sofort zu Witzen über den Klimawandel, und dann über Leute, die nicht ins Freie kommen.
Das ganze Dilemma mit den künstlichen Lebensgeschichten von der Stange hat ja schon vor Jahrzehnten mit den Stone-Washed-Jeans angefangen, die mir schon immer suspekt waren. Obwohl fast alle meiner Schulfreunde damals auf Pre-Washed und Stone-Washed abfuhren wie einst Michael Schumacher auf dem Nürburgring. Ich glaube, Ali und ich waren die einzigen, die damals strikt die harten, dunkel gefärbten Jeans und Jacken kauften, mit denen man beim ersten Waschen gleich ein oder zwei (Batik-)T-Shirts im passenden Ton einfärben konnte. Wir waren eben immer schon ein bisschen anders drauf.
Aber was wollte ich eigentlich sagen? – Stopfen find ich auch gut. Meinetwegen sogar mit Kontrastwollfäden.
Und herzlichen Dank für Dein sagenhaftes Durchhaltevermögen und diese schöne Erinnerung für das Kleiderschrank-Projekt \o/
Ist schwer, so einem Projekt zu widerstehen –! Außerdem – was besseres konnte mir mit meiner Erkältung nicht passieren. (Ha, dunkle Jeans! Die waren bei uns damals quasi verboten.)
Alles, was zu flicken ist, überlasse ich gerne dem Herrn des Hauses, der kann das, mit feinsten Fädchen und mit grobem Garn und viel Geduld. Wenn es mal schnell gehen soll, nähe ich Knöpfe auf Löcher, die gerne in Waschmaschinen entstehen, warum auch immer. Ein hübscher Knopf an unerwarteter Stelle wertet das Kleidungsstück sogar auf, wie ich finde. Immerhin erntet man gelegentlich einen irritierten Blick.
Oh, das ist schön! Von Afra Evenaar (die man auch selten sieht …) weiß ich das hübsche Wort Mottenknopf dafür; das gefällt mir sehr.
Den „Mottenknopf“ übernehme ich sofort.
Geflickt ist ganz und gar nicht ehrenrührig, da gibt es keinen Anlass, die Nase zu rümpfen. Besonders die Lieblingsstücke erleiden gelegentlich Böses und bedürfen des Ausgebessertwerdens.
Und jedes Bearbeiten macht sie nur wertvoller. .)