Das Eigenkleid

Kleider machen Leute: zur Information.
 
Vor gut hundert Jahren waren Frauen in Europa dabei, immer energischer ihre Rechte durchzusetzen. Ein äußeres Zeichen dafür wurde die Kleidung: das Korsett, bisher Zeichen von Status, Anstand und Weiblichkeit, hatte allmählich ausgedient. Aus Amerika waren neue Ideale von Gesundheit und Zweckmäßgkeit in die Alte Welt gedrungen und hatten, vereint mit den schon länger wirkenden Kräften der Lebensreform, dafür gesorgt, daß Schnürmieder und Krinoline in Frage gestellt wurden. Das letzte Wort hatte, wie so häufig, der Krieg; der verlangte, daß Frauen alltagstauglich und manövrierfähig waren, und so geriet alles Einengende, Unpraktische schließlich ganz aus der Mode.
Eine Vorreiterin der neuen, praktischen Kleidung war Anna Muthesius (1870 bis 1961), Frau des Werkbundgründers Hermann. 1903 veröffentlichte sie ihr Buch Das Eigenkleid der Frau. Darin ermutigt sie Frauen, sich nicht dem Diktat der wechselnden Mode zu unterwerfen, sondern selbst zu entscheiden, was sie tatgtäglich tragen wollen. Ihre Entwürfe zeigen, wie man den Anforderungen des Alltags gerecht werden kann: hoch angesetzte Taillen für maximale Bewegungsfreiheit, schmale Ärmel, die nicht bei der Arbeit stören, kaum Schleifen, Bänder, Rüschen und sonstiger Zierat.
Dem Anspruch an Schönheit wird Muthesius durch geradezu künstlerische Gestaltung gerecht. Die Stoffe sollen leicht verfügbar und stets von bester Qualität sein, pflegeleicht und auf Langlebigkeit ausgelegt. Die Verarbeitung ist entsprechend aufwendig; die Wahl von Farben, Mustern, Zierelementen gehorcht nicht der aktuellen Mode, sondern einzig dem, was der Trägerin am besten gefällt. Diese Kleidung machte unabhängig – selbst entworfen, selbst hergestellt und sehr haltbar, sollte sie ihrer Trägerin nicht zuletzt die Ausgaben für jährlich wechselnde Kollektionen sparen.
Bilder zeigen Anna Muthesius in einem Kleid mit großzügigen Jugendstil-Applikationen – eigen, ja. Schön finde ich sie ebenso, die dunkelhaarige Frau mit der stolzen Haltung. Ihre Idee ist interessant – wie auch, warum sie sich nicht durchgesetzt hat.