Tarte Tatin

Die besten Äpfel kommen, wie man weiß, vom Niederrhein. Und die beste aller Apfelsorten ist, da bin ich mir einig, die Ananasrenette. Von denen habe ich ein Halbdutzend bekommen, von der Gärtnerin selbst überreicht. Trocken war es dieses Jahr und lange ungewiß, ob sie überhaupt was werden würden. Sind sie – sie sind klein und dunkelgelb, duften intensiv nach Ananas und schmecken besser als alles, was ich in diesem Jahr sonst so hatte.

Dieses Gold ist echt.

Um sie einfach so zu verschlingen, sind sie zu kostbar; also wird daraus eine Tarte Tatin. Dazu müssen sie hauchfein geschält – die Schalen und Gehäuse esse ich komplett, so ist es kein Verlust – und dünn geschnitten werden; dann kommen sie mit Zucker und Butter in die Pfanne und werden goldgelb karamelisiert. Die Pfanne kalt werden lassen – das ist wichtig, denn jetzt kommt der Mürbeteig als dünne Scheibe auf die Apfelschicht, und dann geht das Ganze in den Backofen. Wäre die Pfanne noch heiß, würden die Äpfel verbrennen; hätte sie einen Kunststoffgriff, wäre der jetzt weg.

Am Ende wird die Tarte gestürzt und mit einem Schlag Sauerrahm pro Stück verzehrt. Die Ananasrenetten kommen voll zur Geltung: weder mehlig noch matschig, mit genau der richtigen Säure und eben dem Geschmack, den nur diese Sorte hat.

Dank der Schenkerin – es war ein Fest!

Bergluft

Gewissermaßen sammle ich Seilbahnen. Der kindliche Teil meines Gemüts sorgt dafür, daß ich, wenn ich eine Seilbahn sehe, irgendwann auch drinsitze. Seilbahnen sind mir sympathisch; sie sind ein harmloses Vergnügen, machen keinen Lärm und kommen dem Fliegen recht nahe. (Notfalls nehme ich auch Zahnradbahnen, Dampfzüge oder Kettenkarussells.)

Statt Bergsteigen.

Nun also: die Seilbahn in Boppard, lange schon vom Boden aus bewundert. Nix mit Kabine, das hier ist ein Sessellift, und zwar seit 1954, als Boppard fand, man könne auch alpin. Erfrischend untechnisch kriegt man ein Papp-Abreißticket, steht freihändig an und wird dann von einem der freundlichen Mitarbeiter auf einen farbigen Punkt am Boden gelotst. Dann schiebt sich hinterrücks ein Holzsitz unter den Hintern, man bekommt noch einen Sicherheitsriegel vorgelegt, und solcherart aufgesammelt, wird man mit Schwung aus der Talstation befördert. Die Reise dauert eine erfreulich lange Weile und ist so geruhsam, so still und ohne was drumrum, wie man sich das nur wünschen kann.

Über einem gezackten Felsrücken schwebt man 232 Meter in die Höhe. Linkerhand faltet sich der Hunsrück in die Ferne, rechts mäandert der Rhein; gegenüber sieht man Filsen liegen, einen der Weinorte, die sich zu Zeiten der Reblaus auf Kirschanbau spezialisiert haben (auch einen Besuch wert). Weil es noch früh ist im Jahr, sehe ich kaum Grün, an sonnigen Stellen Veilchen und Schlüsselblumen und Singvögel im nackten Gezweig. Unten windet sich ein Felsenpfad, darauf klettern Ausflügler wie die Ameisen.

Die Bergstation ist liebevoll-österlich geschmückt; hier wird man sorgsam von den Mitarbeitern aus dem Sessel befreit und aus der Schußlinie geleitet. Ein Stückchen noch in den Wald hinein, und man hat die Wahl zwischen zwei Ausflugsgaststätten. Ich nehme die mit Aussicht auf „die größte Rheinschleife der Welt“, und da hält die Werbung tatsächlich genau, was sie verspricht. Einen Kaffee später muß ich auch schon wieder runter – der letzte Sessel geht um fünf.

 

Für Freunde des Ausflugs-wie-früher: Sesselbahn Boppard