Wir sind mehr.

Im Café hängt ein Gemälde, ein Bild des Stammhauses – fast an derselben Stelle in der Stadt, nur daß die Stadt auf dem Bild nicht mehr steht. Das Gemälde zeigt den Platz kurz nach dem Krieg, alle Häuser Ruinen, buchstäblich kein Stein auf dem anderen.

Ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren steht davor. Eine ältere Dame, die Großmutter?, versucht, die alliierten Bomben in ein paar Sätzen unterzubringen.
  Aber warum haben die das gemacht?, fragt das Kind; der Zweite Weltkrieg, das Dritte Reich, die Verfolgung von Juden und Andersdenkenden; aber warum?, der Nationalsozialismus; das Kind kann es nicht fassen. Warum?, und das ist ja wirklich eine gute Frage. Die Großmutter denkt nach.
  Die Nazis haben behauptet, sie wären mehr wert als andere Menschen, und deshalb haben sie sie verfolgt und ermordet.
  Die waren nicht mehr, die waren weniger wert!, empört sich das Kind, da antwortet die Großmutter entschieden:
  Nein. Die waren ganz genauso viel wert wie alle. Wenn man so etwas sagt, redet man genau wie ein Nazi. Alle Menschen sind gleich viel wert, und alle haben die gleichen Rechte!

Die beiden suchen sich einen Platz; das Mädchen schaut immer wieder auf das Bild, mit gerunzelter Stirn, hinter der die Fragen wachsen.

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Ich muß immer wieder an dieses Stückchen Reportage denken von der Bestatterin, die am Rand der Ausschreitungen stand und sagte, ja klar, gegen die soziale Ungleichheit im Land müßte man sich eigentlich einsetzen, aber gegen die Ausländer, da wäre es so viel einfacher.

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Bei mir gibt’s also jetzt ein Banner, mit Hashtag sogar. Aber das scheint mir sinnvoll, denn ich glaube das fest: Wir sind mehr. Mehr, die erst mal zuhören, statt draufzuhauen; die allzu einfachen Geschichten mißtrauen; mehr, die die Frage: Warum? nicht vergessen. Und nicht, daß wir alle Menschen sind.