
Schlagwort: Saarbrücken
Stadtmarketing

Stadtmarketing, wie man es besser bleiben lassen sollte: hinter den zerkratzten Schaufenstern eines aufgelassenen Kaufhauses mitten in der Fußgängerzone; bleiche Stoffblumen und seltsames Gerümpel unterstreichen die Tatsache, daß hier nichts Interessantes zu sehen ist.
Fundsache

Ich wüßte gern, wie die da hingekommen ist. Würde in meine Sammlung passen …
Das Fest im Viertel
Jeden Sommer für drei Tage flüchten die Viertelbewohner, und der Rest der Stadt strömt in Scharen her: dann ist Viertelfest. Ich liebe das. Auf verschiedenen Bühnen wird Musik gespielt (von Möfahead, Ira Atari & Rampue oder Die Fahrt von Holzminden nach Oldenburg, und das ist richtig und gut so), es gibt Essen und Trinken und allerlei politische und kuriose Stände; wer von den Geschäftsleuten hier genügend gute Laune und Durchhaltevermögen hat, wirft alle Öffnungszeiten über Bord und ist dabei.
Kaffee, Wein, Tee und drei, vier, zehn Bierbuden (gern gesehen: die von Bruch) tragen die Besucher durch den Abend. Man ißt bunt und hervorragend und höchst international; simple Pommesbuden sind nicht zugelassen. Es ist mehr als nur ein Gerücht, daß man hier auch fritierte Seidenraupen bekommt.
Ich mag dieses Fest, weil es immer noch nicht so ganz stromlinienförmig ist in der Feierlandschaft der Landeshauptstadt. Es wird wüster Jazz auf dem Bürgersteig gespielt, man kann tatsächlich originelle Dinge erstehen, nicht nur von den Kindern mit ihrem halben Quadratmeter Flohmarkt in den Hauseingängen, und wenn man Glück hat, wird man an seiner Lieblingsbude exklusiv bekocht. Einziger Engpaß sind immer und immer wieder die Toilettenwagen, aber das war noch nie und wird wohl nicht mehr anders.
Seitenblick
Nǐ hǎo, Palü!

Im zweiten und dritten Stock wohnen LKA und Kripo, im ersten ein Chinarestaurant. Ich wollte da schon immer mal hin und die Hundertzehn bestellen.
(Der Schulpsychologische Dienst übrigens residiert eine Straße weiter, Tür an Tür mit einem Sexshop.)
Einer weniger.
Wenn ein Geschäft den Namen »Bastelparadies« verdient hat, dann ist es Riemer. War es jedenfalls — Riemer ist insolvent. Das traditionsreiche und hervorragend sortierte Bastelgeschäft hat letzte Woche geschlossen. So eines gibt es jetzt nicht mehr vor Ort, und wo das nächste ist, weiß ich nicht.
Mich macht das traurig. Riemer ist ein Opfer der Wirtschaftskrise; die Leute sparen an ihren kleinen Vergnügungen. Natürlich wurde hier nichts Lebensnotwendiges verkauft, aber es steckte Herzblut in dem Laden und enorme Fachkompetenz.
Neun Angestellte stehen jetzt auf der Straße. Die Innenstadt verarmt weiter. Und das Praktische, Bodenständige, das Liebenswerte, für das so ein Bastelgeschäft steht — ist das etwa auch am Ende?

Bei Riemer ist schon alles ausverkauft. Die Fenster sind leer, die Reklame wird abmontiert. Nur der Internetauftritt ist war noch eine ganze Weile wie immer.
Geheime Botschaften: Zusatzstadtbewohner
Da hat Vilmoskörte wieder was Schönes angezettelt: in seinem Berliner Blog hat er die geheimen Botschaften seines Viertels gezeigt. Toll!, dachte ich. Und: Das haben wir auch! Das, ähnliches und anderes.
Schon lange beobachte ich diese kleinen Stadtbewohner. Sie treiben sich an Stromkästen, Laternenpfählen, Regenrohren und in Hauseingängen herum und lassen es allgemein an Respekt mangeln. Eigentlich sind sie recht unauffällig, aber seit ich sie im Blick habe, grüßen sie mich überall und heben meine Laune gleich um drei, vier Grade. Ich weiß nicht, wem ich sie zu verdanken habe, hoffe aber inständig, daß sie niemals dem städtischen Putzzwang zum Opfer fallen.
Einige von ihnen habe ich endlich eingefangen.
(Neu ist die Idee nicht — 2004 hat das wunderbare Stadtmagazin »Viertel vor« eine Bildreportage über sie gebracht.)
30 bunte Tassen — achtundzwanzig
Nun habe ich mich mit meiner Kamera nach draußen gewagt: Einer meiner Lieblingsläden ist das Paradies des guten Porzellans. In wirtschaftlich klammen Zeiten hat der Einzelhandel zu leiden, aber hier wird kompetent und freundlich das Ideal des Fachgeschäftes hochgehalten. Die Auswahl ist überwältigend, und es gibt immer etwas Neues, Nützliches oder besonders Schönes zu sehen.

Auf Schienen durch die Stadt
Qype-Beitrag zu Saarbahn, Saarbrücken; Bewertung: ***** (von 5)
Jeder Städter kann »seine« U-Bahn mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen. U-Bahn haben wir hier nicht — aber der Gesang der Saarbahn, das Summen, Rumpeln, Jaulen und Pfeifen, mit dem sie in die Kurve geht, läßt Saarbrücker Herzen höher schlagen. (Spätestens dann beschleunigt sich der Puls, wenn sie einen mit schriller Glocke von den Schienen scheucht.)
Als die Saarbahnschienen verlegt wurden, hieß das gefühlte fünf (also vermutlich zwei) Jahre lang Lärm, Staub, Teergestank und Stromausfälle für die Anwohner. In der Mainzer und der Kaiserstraße herrschte verkehrstechnisch Ausnahmezustand; immer mal wieder fing sich ein LKW in der Kurve der Umleitung, dann ging zehn Minuten gar nichts mehr. 1997 war die Saarbahn endlich fertig.
Heute ist sie nicht mehr wegzudenken aus der Innenstadt. Sie fährt innerhalb Saarbrückens vom Heinrichshaus bis nach Saarbrücken Ost und zurück, einmal quer durch die Stadt. Sie bildet so das Rückgrat des Öffentlichen Personnennahverkehrs, um das sich die Buslinien ranken.
Daß das Streckennetz so übersichtlich ist, liebe ich an dieser Bahn: Eigentlich gibt es nur die Linie 1, werktagsüber alle acht Minuten, sonst und nachts alle 20, von morgens halb Fünf bis nachts um Zwo. Wenn Messe ist, soll es auch eine Linie 2 geben, und sogar von Linie 3 habe ich schon gehört, aber das halte ich persönlich für Ammenmärchen. Bei Umzügen, Ausflügen und Möbelkäufen hat mir Linie 1 bislang vollauf genügt, für derzeit 2,20 pro Fahrt (Kurzstrecke 1,80).
Die Züge haben sich ganz gut gehalten, modern, barrierefrei, blau innen und mit viel Fenster. Die Haltestellen werden auf Deutsch und Französisch angezeigt und durchgesagt. Früher mal sprach die Ansagedame mit merklich westpfälzischem Zungenschlag — Nächster Halt: Johanneskirsche –, aber das hat man ihr leider ausgetrieben.
Die Tafeln an den Haltestellen geben die verbleibende Zeit bis zur nächsten Bahn in »min« an. Das sind nicht etwa Minuten, sondern flexible Saarbahnzeiteinheiten, die je nach Verkehrslage länger oder kürzer sein können. Das macht nichts, ich mag das — denn die nächste Saarbahn kommt immer, ganz bestimmt.
Am allerallerbesten gefällt mir aber, daß man in Saarbrücken einsteigen und in Frankreich wieder aussteigen kann. Vorbei an Güdingen, Bübingen, Kleinblittersdorf und Grossbliederstroff bringt sie einen für 3,70 nach Sarreguemines. Dort kann man ein wenig auf alten Treidelpfaden an der Saar entlang spazieren oder in der pittoresken Innenstadt eine tarte des pommes verzehren.
Daran denke ich immer, wenn ich das Rauschen und Kreischen der bremsenden Saarbahn höre. Schön ist das.
(Die Besserwisserin in Sachen Saarbahn ist wie immer die Wikipedia.)






