Blühende Landschaften

Qype-Beitrag zu Deutsch-Französischer Garten, Im Deutschmühltal, 66117 Saarbrücken; Bewertung: **** (von 5)

Mit der 126 bis zum Deutschmühlental (Haltestelle DFG): Wenn man jetzt lange genug geradeaus läuft, kommt man erst zum Friedhof und dann nach Frankreich. Gleich links geht es aber durch den Beton-und-Verbundpflaster-Eingang in den Deutsch-Französischen Garten hinein. Betonblumenkübel, pilzförmige Straßenlampen, ein artig gefaßter Teich mit Tretbootverleih, um den ein Rundweg führt und eine Kleinbahnlinie; hier und da Pavillons und Ruhebänke. Bäume stehen gesittet an knallfarbigen Blumenbeeten, und der Blick schweift in überschaubare Weite.

Der erste Gedanke: Hier war ich schon mal. Aber war nicht alles viel größer? Diese Laternenmasten, diese Geländer waren in den Siebzigern schon alt, als ihr Anstrich in rostigen Blasen abblätterte, unwiderstehlich für Kinderfinger. Eine kleine Seilbahn gibt es, eine Wasserorgel, ein Panorama — alles im letzten Jahrzehnt liebevoll wieder hergerichtet, Kulisse für eine Zeitreise.

Zwischen 1870 und 1945 lagen Deutschland und Frankreich hier immer wieder im Krieg; ein Soldatenfriedhof und Bunkeranlagen an der Hügelflanke zeugen davon. Als Friedenszeichen ließen die beiden Regierungen das Gelände gemeinsam gestalten, für die deutsch-französische Gartenschau 1960, mit Tulpenfeldern, Geranien, Fleißigen Lieschen und Minigolf für brave Kinder.

Man kann sie sich vorstellen, die sonntäglich herausgeputzten Familien beim Spaziergang, großrädrige Kinderwagen, Mädchen mit Schürzen und Jungs, die Scheitel mit Wasser gebändigt. Ein bißchen mehr Phantasie, und zwischen den blühenden Büschen verschwinden Captain Kirk und Mr. Spock, Tricorder in der Hand.

Tafelsilber, verscherbelt

Qype-Beitrag zur Saarbrücker Bergwerksdirektion, Trierer Straße 1, 66111 Saarbrücken; Bewertung: * (von 5)

An strahlenden Sonnentagen hat die helle Fassade der ehemaligen Königlich-preußischen Bergwerksdirektion etwas Herrschaftliches; man denkt sich Palmen in Blumenkübeln dazu und wünscht sich einen Sonnenschirm.

1880 war der historistische Bau (geplant vom Berliner Architekten und Schinkel-Schüler Martin Gropius) fertiggestellt, von dem aus die Geschicke des saarländischen Bergbaus dann über 120 Jahre lang gelenkt wurden. Der repräsentative Eingang liegt auf der Ecke Trierer-/Reichsstraße; darüber steht, flankiert von Bergmannsstatuen: Glück auf!

Bemerkenswert ist das Treppenhaus hinter diesem Eingang, das in seiner Art wohl einzigartig ist: Eine frei schwingende, floral verzierte gußeiserne Treppe und ein farbiger Mosaikfußboden aus Mettlacher Porzellan. Wahrhaft fürstlicher Prunk für die Verwaltung.

Im Jahr 2005 wurde die denkmalgeschützte Bergwerksdirektion an den Hamburger Investor ECE verkauft, der eine Erweiterung des benachbarten (und ziemlich toten) Einkaufscenters Saargalerie plante. Die weitreichenden Umbauvorhaben waren bereits 2003 (!) vom städtischen Denkmalamt abgenickt worden. (Dessen Leiter wurde 2005 Leiter des Landesdenkmalamtes und konnte sich so die etwas voreiligen Zusagen nachträglich selbst genehmigen.)

Ergebnis: Das Gebäude wird komplett entkernt und an die höher gelegene Saargalerie angeschlossen. Der Mosaikfußboden wird entfernt, die Treppe irgendwie stehengelassen. 25.000 qm Verkaufsfläche sollen entstehen. Bergleute, Denkmalschützer und Architekten aus ganz Deutschland protestierten — offenbar erfolglos. Baubeginn ist 2008.

Ob die Erweiterung der Saargalerie, die seit fünfzehn Jahren kränkelt, zum großen Boom verhelfen wird? Und wenn ja: Eröffnen dann in allen Kaufhäusern der Innenstadt Handyläden und 1-Euro-Shops?

Mittlerweile stehen Kolonnen von Umzugswagen vor der Bergwerksdirektion — kein Platz mehr für mentale Palmen und Sonnenschirme. Und wer das Treppenhaus noch sehen will, sollte sich beeilen.

Nachtrag Januar 2009

Sie haben es wahrgemacht: Vor dem Europabahnhof erstreckt sich eine Großbaustelle, und über die Zäune hinweg sieht man die Reste des Backsteinbaus, dessen massive Mauern von hinten weggerissen wurden. Saarbrücken ist um eine Sehenswürdigkeit ärmer.

Der Fertigstellungstermin der neuen Saargalerie ist bereits ein halbes Jahr nach hinten verlegt worden — mal sehen, was uns die Konjunkturkrise noch beschert. Vielleicht eine Dauerbauruine, die sich dann in ein paar Jahren wieder selbst begrünt –?

Nachtrag 2014

Ein Zeit-Artikel zur Problematik der Malls.

Vom Nutzen der Pferde

Qype-Beitrag zu Pferdemetzgerei Guido Bobenrieth GmbH, Bergstraße 39, 66115 Saarbrücken, Bewertung: ***** (von 5)

Früher hatte ein Pferd ein langes Arbeitsleben als Zug-, Reit- und Lasttier. Und am Ende wurde es gegessen. Heute sind Pferde Streicheltiere und Pferdemetzger eine Seltenheit.

Dicht an Frankreich, im Saarbrücker Stadtteil Burbach, gibt es einen: Guido Bobenrieth, der Pferde nicht nur züchtet, sondern auch schlachtet, ihr Fleisch verarbeitet und verkauft.

In der ehemaligen Tankstelle in der Bergstraße — auf dem Dach leuchtet das Bobenriethsche Wappen, zwei steigende Pferde auf rotem Grund — bekommt man Fleisch, Wurst und Schinken vom Pferd. Manchmal hängt ein Schild im Fenster: »Heute Fohlen!« Dann sind die Filets besonders zart.

Man könnte Bobenrieth für herzlos halten, weil an der weißgekachelten Wand des spartanischen Verkaufsraumes Pferdeposter hängen. Und ein Zeitungsartikel: »Diese Hände haben schon 3000 Pferde geschlachtet« steht da in dicken Lettern. Dabei ist er einfach nur sachlich; seine Kunden sollen wissen, was sie auf den Tisch bekommen.

Man kann merken, ob der Metzger gut ist und den Tieren ein streßarmes Ende bereitet. Streß macht das Fleisch blaß und wäßrig. Bobenrieths Pferdefleisch ist dunkel und fettarm — und es ist günstig. (Kein Wunder bei den Skrupeln, die so viele Fleischesser beim Wort Pferd plagen.) Was ist mit den Würstchen, sind die nur aus Pferd? — Nein, da ist »dodi Wutz« mit drin. Sonst wären sie zu mager.

Einmal pro Woche ist Herr Bobenrieth auf dem Markt in St. Johann und verkauft dort seine Frikadellen, Braten, Rouladen und Filets. Wer spezielle Wünsche hat (wie etwa den hervorragenden Pferdeschinken mit der Pfefferkruste), sollte tunlichst vorher bei ihm anrufen.

Wie Pferdefleisch schmeckt? Gut, sehr gut, würde ich sagen. Wenn man das Glück hat, einen guten Pferdemetzger zu kennen.

»Sie bringen den Kopf, wir haben die Haare«

Qype-Beitrag zu Haarhaus Hansed, Cecilienstraße 13, 66111 Saarbrücken, www.haarhaus-hansed.de; Bewertung: **** (von 5)

Haarhaus Hansed ist kein Friseur, sondern ein Fachgeschäft für Haarersatz. Ich gebe zu, drin war ich nie. Die Hemmschwelle ist zu hoch: Erstens habe ich selber Haare, und zweitens bleibe ich immer am Schaufenster hängen.

Die Perücken-Auslage ist eines der beliebtesten Fotomotive im Nauwieser Viertel. Man kennt ja Apotheken, die mit Knochenmännern für Medikamente und Sanitätshäuser, die mit gelben Regentropfen für Erwachsenenwindeln werben — aber Hansed übertrifft sie alle.

Hier führen Schaufensterpuppen der letzten 50 Jahre — bzw. ihre Köpfe — ein zweites Leben. Manche sind schon etwas schadhaft und tragen deshalb Pflaster oder Sonnenbrillen, und was sich unter der roten Clownsnase verbirgt, möchte ich gar nicht wissen. Was sie aber allesamt tragen, sind Haare. Haare in allen Farben und Längen. Gute Toupets und schlechte (mit einem Vermerk: »Rote Karte für Kunsthaartoupets«). Und als beim Perückenmachen, so stelle ich mir das vor, die Schädel voll — oder alle — waren, ging’s weiter mit den freien Flächen im Gesicht: Vollbärte und Schnauzbärte in allen Variationen, gerne auch bei den Damen, mal richtig herum, mal in Richtung Nase sich sträubend. Ja, der Rausch des Haarherstellens machte selbst vor des Menschen bestem Freund nicht halt — davon zeugt ein Wackeldackel mit blonder Löwenmähne.

Zwischen den Köpfen sind Vorher-Nachher-Fotos, Zeitungsausschnitte und selbstbeschriftete Schilder liebevoll arrangiert. Die Texte spiegeln den Humor des Besitzers Eduard P. Hans und sein Selbstbewußtsein als Anbieter von Zweithaar.

Wegen dieses einmaligen Schaufensters weiß ich um »Cyberhairhaare«, deren »’Lebensdauer‘ 2-mal länger, wie andere Toupethaare« ist. Ich weiß, daß man hier Toupets bekommt, die auch bei dauernder sportlicher Anstrengung noch perfekt sitzen. Immer wieder zieht mich die erleuchtete Auslage an, und dann schaue ich, staune und habe Hansed lieb.

Nicht daß mich hier jemand falsch versteht: Wenn ich eine Perücke bräuchte, würde ich zu Hansed gehen. Sofort. Ich habe bislang nur Gutes gehört, und das Geschäft gibt es schon seit 35 Jahren — hier stimmen Handwerk und Beratung, da bin ich sicher.

Aber mein größtes Anliegen ist, daß nie, nie, nie jemand auf den Gedanken kommt, dieses Schaufenster aufzuräumen.

Ein Park für die Bürger der Stadt

Qype-Beitrag zu Bürgerpark, Saarbrücken; Bewertung: **** (von 5)

Saarbrücken für Fortgeschrittene: Wer nicht gerade einen Hund hat oder Skater ist, kennt den Bürgerpark vermutlich nicht.

Auf dem alten Hafengelände, gleich unter der Westspangenbrücke an der Saar, befindet sich diese ungewöhnliche Anlage. Mit der landläufigen Vorstellung von „Bürgerlichkeit“ hat sie wenig zu tun; hier gibt es keine Rasenflächen, Rhododendronhecken und geharkten Wege.

Das Hafenbecken des zerstörten Kohlehafens, das man mit dem Schutt der vom Krieg schwer mitgenommenen Stadt aufgefüllt hatte, war jahrzehntelang ungenutztes Land. Als Ende der 70er hier die Westspange zur Entlastung der Innenstadt gebaut wurde, sollte die Brache in das Stadtbild integriert und in ein Naherholungsgebiet verwandelt werden.

Die Landschaftsarchitekten Latz und Partner (heute sind sie international renommiert) übernahmen Planung und Ausführung. Zwischen 1986 und 1989 wurden hier auf neun Hektar Land Wege angelegt, Schuttberge umgeräumt, Mauern gebaut, Bäume gepflanzt, Boden bereitet.

Jetzt, knapp 20 Jahre später, ist die Anlage zugewachsen, so wie es geplant war. Wege und schmale Pfade führen durch hügeliges Gelände; Bäume und Büsche sorgen dafür, daß man nie das Ganze überblickt und den Eindruck einer riesigen Fläche erhält. Gegen das vereinte Dröhnen der Westspangenbrücke und der Stadtautobahn gibt es Schutzmauern und stille Nischen.

Ein zentraler Bau ist das Rondell mit seinem Brunnen und der kleinen Bühne in der Mitte; von der Galerie herunter kann man auf farbenprächtige Sommerblumen schauen oder im Frühling den blühenden Kirschbaum bewundern. Laubengänge, Plätze, angelegte Ruinen verbergen sich an vielen Stellen auf dem Gelände. Die große Wasserfläche an der Saar, das Entenparadies, wird von einem Steg überspannt, der durch ein Backsteinportal mit Wasserspiel führt.

Auf Schritt und Tritt begegnet man Vergangenheit: Hier ist ein alter Türsturz in eine Mauer eingebaut, dieser Weg ist mit den Back- und Bruchsteinen großer Stadthäuser befestigt, dort schläft ein Kopfsteinpflasterplatz im Schatten alter Kastanien. Alles Gemauerte, Befestigte liegt hier im Kampf (oder in inniger Umarmung) mit dem wuchernden Grün. Kräuter, Blumen, Büsche und Gras werden höchstens unsichtbar reglementiert; im Frühling blüht alles herrlich und wild und durcheinander.

Seinen magischen Moment hatte der Park für mich, als ich ihn eines flirrenden Sommertags entdeckte. Ich folgte dem mit Thymian überwachsenen Pfad auf einen Hügel, und da lag auf einem runden Stein, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, ein altes Buch, aufgeschlagen…

Aber auch wenn man auf den größeren Wegen bleibt, ist der Park wunderbar. In Richtung Saar, bei der Wasserfläche, liegt die Skateranlage; die großzügigen Flächen in Richtung Congresshalle sind zum Boulespiel geeignet. Am Radweg an der Saar entlang stehen Bänke im Schatten; rostige Großkunstwerke erinnern an die Verladeanlagen des alten Kohlehafens. Im Abendlicht sieht nicht nur das alles, sondern auch die Stadt dahinter einfach schön aus.

Getrübt wird die Freude durch Müll, Hundehaufen und die allgegenwärtigen Zerstörungen in der Anlage. An kühlen, unfreundlichen Tagen sieht die schöne Einsamkeit ein bißchen nach Vernachlässigung aus. Viel zu selten sind die Konzerte im Rondell, und der kleine Kiosk ist eigentlich immer geschlossen.

Ich wünsche es dem Park sehr, daß ihn seine Bürger lieben und achten und mit freundlichem Leben füllen. Aber die Stadtväter selbst gingen ja mit schlechtem Beispiel voran — Ende der 90er ließen sie den Bürgerpark erst einmal verkleinern. Zugunsten eines Parkhauses.