Vogelbad

Ein Augusttag in herrlichstem Hochsommerblau – ich gebe zu, alles stehen- und liegenlassen und raus, das war mein Vorschlag. Die Idee hatte aber Frau Amsel, nebenberuflich Fachfrau für Ausbüxen und wunderbaren Unfug: Baden gehen! Und zwar im Fluß!

Als ich klein war, durfte ich nicht in den Fluß (und nicht in seine zufließenden Gewässer). Giftig sei er; und er roch auch so. Zwischen den Steinen am Ufer glänzte es von toten Fischen. Später dann: Weidenschatten – ja, Wasserkontakt – nein; höchstens habe ich mal eine Flasche in der Strömung gekühlt.

Jetzt also: Abenteuer!

Blick in den Brunnen

In der Schießgartenstraße, einer der stilleren Straßen von Mainz, trifft man auf eine Arbeit des Pfälzer Bildhauers Gernot Rumpf aus den Siebziger Jahren.

Vor dem Hochhaus des Ministeriums für Kultur steht ein bronzener Baum; drei Äste schwingen sich zum Himmel, gebogen wie die Arme einer Leier. Zwischen ihren gewölbten Außenseiten geben Reihen von Bronzebrüsten Wasser, das rings um den Stamm zwischen den Bodenplatten versickert; aus dem nassen Kreis scheinen glatte Metallknospen nach oben zu drängen.

Der Baum ist behängt mit Glocken und Glöckchen in traditionellen Formen aus aller Welt, ineinander verschachtelt und mit breiten Klöppeln versehen, so daß sie den Wind einfangen und den Glockenbaum klingen lassen können.

Eine Glocke fehlt. Wer die wohl hat?

Als Symbol für Frieden und Wachstum wurde er hier aufgestellt; »Beamtenwecker« nennt man ihn in der Stadt. Der Weckton ist wahrscheinlich nötig, wenn zu Arbeitszeiten das Brunnenwasser beruhigend rauscht.

Ach ja – die Rumpf-typische Bronzemaus fehlt natürlich auch hier nicht; nach Dienstschluß ist sie trockenen Fußes erreichbar.

(Bilder vom Brunnen und anderen Werken gibt es u.a. hier.)

Ein Ring

Die Frankfurter Oper spielt dieses Jahr ihren ersten eigenen Ring.

Vier Abende, drei davon jeweils um die fünf Stunden lang, zusammen gut fünfzehn Stunden Musik — ich hätte nicht gedacht, daß es so schwer sein würde, Karten dafür zu bekommen. Es scheint eine Menge Wagnerianer zu geben.

(Vielleicht auch eine Vorliebe für Opern, bei denen das Publikum am Ende das Gefühl hat, eine kulturelle Leistung erbracht zu haben.)

Die Bühne: …

Gesucht, gefunden

Eine ganze Wand mit tausend Nägeln, und daran tausend Schlüssel, für Autos, Wohnungen, Fahrräder, Garten- und Garagentore. Dazwischen baumeln Ledermäppchen, Golfbälle, Plüschtiere mit langen Hälsen. Ringsum Schränke, auf und in denen sich Rucksäcke stapeln, Skateboards, Handtaschen und Koffer, Schirme, Mäntel, Hundeleinen.

Alles, was nicht niet- und nagelfest ist und nicht angewachsen, was man stehen, liegen und hängen lassen kann auf Parkbänken, in Geschäften, in Gedanken, findet hier Trost und Zuflucht: Komm nur her, armes Ding, hier bist du gut aufgehoben. Hier haben die unklaren Verhältnisse ein Ende; hier ist der Limbus, aus dem du errettet werden wirst von deinem dich liebenden Besitzer. Und sollte doch alles anders kommen, naja, wirst du halt versteigert. Findest einen Neuen.

Inmitten der Vermißten und Verschmähten sitzt der Mann vom Fundbüro. Er versieht jedes Fundstück mit einem Schild, das er an Paketzwirn festknotet, ein paar Ziffern auf Papier; ihr Doppel registriert er in seiner Kartei. Dann kann das Warten beginnen. Für Wertvolles und Elektronisches kommt das Happy-End oft schnell; Schal, Mütze, Handschuhe und andere ersetzliche Dinge lagern länger und dünsten den Geruch ihrer Besitzer, die sie wohl nicht wiedersehen werden, in den Raum.

Das Erstaunliche, ja, geradezu Wunderbare ist: zu jedem einzelnen Ding hier gehört ein ehrlicher Finder; auch der ist in der Kartei vermerkt. Könnte man in diese Kartei hineinschauen, sähe man lauter freundliche, gewissenhafte Leute, die Umwege machen, um einem Unbekannten etwas Gutes zu tun.

Und wenn sie glückt, die Wiedervereinigung des Dings mit dem Besitzer, dann wird ein Schwung Segen herabgewünscht auf das Haupt des Finders, auf diese fabelhafte Einrichtung der Stadt und natürlich auf den Mann vom Fundbüro, dessen Buchführung kleine Wunder möglich macht.

Postkarte (eisig) von der Aue

Flußlandschaft im Winterkleid.

Dank Frau Amsel ist’s nun wieder gut: Sonntagsausflug an den Rhein! Einmal vom Winter durchgekitzelt und ein wenig gebissen, und schon zieht das Fernweh die Krallen ein und ist wieder eine Weile brav.

Der nahe Fluß macht alles einfach, klar und schön. Er gibt die Richtung vor, die Jahreszeit das Tempo. Das Wasser trägt Blau und Opal, Milch und Gold die Ufer. Überhaupt, das Gold des Winters, das man mit dem Blick nur streifen kann, nicht fassen — in Gänseketten reicht es bis zum Himmel.

Auf Schritt und Tritt dabei: die Kälte. Sie achtet streng darauf, daß wir Schal und Mützen anlassen und nicht herumtrödeln. Für ein halbes Stündchen entwischen wir ihr in ein Anglerheim mit Kamin und Kakao, aber draußen lauert sie schon auf uns, scheucht uns weiter und schließlich wieder nach Hause in die geheizte Küche, Suppe essen.

rhein-markstein rhein-ausflugslokal rhein-weiden rhein-selzmuendung

Ufer mit Spitzenkragen.