Essen gehen mit Herrn G.

Fährt man aus Wiesbaden hinaus ins Grüne, windet sich die Straße durch scheinbar nichts als Wald. Die Bushaltestellen heißen nach allerhand Mühlen; Eishaus; Chausseehaus und (aha!) Knusperhäuschen. Häuser sind aber kaum zu sehen; um die Unterstände drängen sich Bäume.

Das hier ist der Taunus, ein Rauschewald, wie er im Märchenbuche steht. Die meisten Orte hier haben irgendwas mit Kur zu tun; es gibt Heilwasser (Haltestelle: Brodelbrunnen) und Infrastruktur (Haltestellen: Kurhaus, Bäderstraße). Man ist seit hundertfuffzig Jahren auf Tourismus eingestellt; am Straßenrand eine Werkstatt mit dem Schild „Wagenpflege“ läßt charmanterweise offen, ob der Wagen einen Motor haben muß.

In einem der kleinen Orte steigen wir aus. Wir wollen Wald, Anstiege und Aussichten und, wo möglich, eine Einkehr. Es geht zunächst durch Gärten und Felder. Die Brombeeren sind, wo die Sonne scheint, vertrocknet und wo sie nicht scheint, noch nicht reif, die Äpfel Speierlinge oder eingezäunt (an einem Baum sehen wir neben den sich rötenden Früchten: Blüten! mitsamt Bienenbesuch!), die Schlehen zwinkern prall und blau, sind aber adstringierend – kurz, nichts zu holen am Wegrand. Wir verzehren, was die Rucksäcke hergeben.

Wie war das früher? So um Seumes Zeit herum? Wasser mußte man nicht mit sich tragen, da reichte ein Bach und ein guter Geschmackssinn. Brot, Speck, viel mehr wird’s nicht gegeben haben. Wie war wohl das Essen in Gasthäusern – die Schilderungen sind da sehr verschieden; und wenn man bei Bauern anklopfte, bekam man da was auf Treu und Glauben, oder war man dann einen halben Tag als Erntehelfer verdingt? Wie weit trug das Prinzip der Gastfreundschaft? Und: was hätten wir zu geben, wenn wir uns durchschlagen müßten? Ich könnte flicken, sage ich. Und du Gedichte, zu Herrn G.

Im Rheingau werden wir fündig. Das Schild an der Landstraße ist so groß, daß man’s zu Fuß fast übersieht: Forsthaus Weißenthurm 200 Meter, und klein: Kaffee & Kuchen. Am Forsthaus schimpfen uns Gänse aus. Wir poltern in die Stube, wo wir die einzigen Gäste sind. Es duftet nach Pflaumenkuchen, aber der, sagt die Wirtin, ist noch im Ofen. Die hausgemachte Wildsülze, mit frischen Zwiebeln und Bratkartoffeln, ist aber auch hervorragend. Ich käme mir komisch vor, hier ein Tellerfoto zu machen; die Wirtin lächelt, als sie unsere blitzblanken Teller sieht.

Da gehen wir wieder hin, beschließen wir, als wir uns satt und zufrieden in Richtung Rhein aufmachen. 25 Kilometer zum Essen, mir gefällt das. Ein Tagwerk, bei dem man ganz genau weiß, wofür’s gut ist.

0 Kommentare zu „Essen gehen mit Herrn G.

    1. Auf die Frage, ob sie die Sülze selber macht, meinte die Wirtin: neinnein, die macht ihr Bruder, der ist Metzger. Und wir haben sehr hungrig geguckt, aber wir kriegten kein Vorab-Stück vom Kuchen …

  1. Der Wald sieht noch frisch aus! Interessant das mit dem Heilwasser, Brodelquelle und so.
    Hier in der Nähe gibt es ein paar stinkende Schwefelquellen, klasse, so etwas.
    Die hier geschilderten Wanderungen samt Einkehren gefallen mir!

    1. Ein Quell der Inspiration ist ein gut hundert Jahre altes Buch von einem gewissen Herrn Ritzel, der um Mainz und Wiesbaden gewandert ist, was das Zeug hält; es ist ganz spannend zu sehen, was heute davon noch geht und was nicht mehr möglich ist, weil wir jetzt autogerecht leben. Muß ich mal mehr drüber schreiben.

  2. Eine solche spontane Einkehr irgendwo ist oft am schönsten. Selbst wenn man eigentlich Kuchen wollte und Sülze bekommt. Mir ging das im Rheingau anfangs so, wenn ich nachmittags mal Appetit auf Kuchen hatte und nur Deftiges in Winzerstuben fand, woran ich mich dann aber schnell gewöhnte.

    1. Oh, das war ein glückliches Zusammentreffen; wir hatten auch schon Pech beim Einkehren, Kuchen von Wappenkoth & Riese mit billiger Sprühsahne, Sülze voller Knorpel … Dabei essen Wanderer eigentlich alles. Aber nichts macht so gute Laune wie gutes Essen auf dem Weg.

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