Postkarte aus Bamberg

Von Bamberg wußte ich bislang nur, daß es im Bundesland Bayern liegt. Dom. Symphoniker. Reiter. Hörnla. Irgendwas mit Rauchbier. Und die Hexenprozesse. Daß Bambergs gesamte Innenstadt Weltkulturerbe ist, wußte ich nicht – Grund genug, nach Ladenschluß schnell mal durchzuhuschen.

Aus Bamberg kann man nicht anders als Postkarten schreiben.

Auf sieben Hügeln, wie das alte Rom, an Regnitz und Main-Donau-Kanal schart sich das Städtchen um seine Kirchen. Man sieht ihm sein Alter an, aber wenig Spuren der jüngsten Zeit: Gassen und Plätze ohne Handyläden, Ein-Euro-Shops und Spielkasinos; Geschäfte des täglichen Bedarfs sind, wofern nicht weltkulturerbekompatibel, in Hinterhöfen versteckt.

Es gibt eine Universität und ein Priesterseminar. Das Tagesblatt berichtet über Sandaufschüttung an der Regnitz, Lärmbelästigung und Wildpinkelei sowie über den Dom, zu dessen tausendjährigem Weihfest Bischöfe aus aller Welt anreisen. Und im Gewirr der Gassen steht E.T.A., bepackt mit seinem Kater Murr, vorm Theater seines Namens.

Aufgeräumt ist es hier, doch nicht komplett zu Tode restauriert; bei der Fülle bröselnder Bausubstanz kämen alle Stukkateure Frankens nicht hinterher. Ein bißchen Mittelalter, etwas Gotik, viel Barock, darüber der Duft von Flieder und Spiräen: hier hat die Romantik Wohnstatt bezogen. Auf dem Katzkopfpflaster klingen selbst japanische Kleinwagen wie Einspänner.

Muß wohl nochmal hin und genauer schauen. Vielleicht ja im Winter.

Wilder Wein

Wenn die Sonne täglich tiefer in die Gassen faßt und täglich länger über den Kalkputz der Mauern streicht, hält es den Wein nicht mehr in seinen Knospen. Grün vor Grau schiebt er sich aus den knappen Hüllen, streckt sich Finger für Finger und fängt das Licht: selbst hier, mitten in der Stadt, glänzen seine Blätter wie lackiert; für eine Weile jedenfalls.

Netze

In der Dämmerung zwischen Häusern und Fluß jubeln sich hundert Amseln die Kehlen wund; die Straßenbäume knospen dazu und machen, was sie können aus dem städtischen Frühling. Alles atmet, alles lebt, lacht, strebt unter einem Himmel, der endlich wieder offen steht.

Für die Märzfliegen aber, die noch nicht viel wissen vom Leben, sind sorgfältig geknüpfte, zarte Silbernetze gespannt, in Liebe und Gleichmut bewacht von den Spinnerinnen; geduldig geben sie im ersten Grün der Randstreifen ihre Lektionen.