Bad Säckingen ist ein propres Städtchen am oberen Rhein. Am anderen Ufer und am Ende einer überdachten hölzernen Brücke liegt die Schweiz. Außerhalb der Geraniensaison gibt sich der Bohlenbau duster und zugig; man freut sich, auf der einen oder der anderen Seite Kopfsteinpflaster unter die Sohlen zu bekommen.
Ziemlich mittig überm Wasser habe ich den achten Eierbecher abgestellt, ein hübsches, welliges Kerlchen aus Glaspaste. Mit einem Gruß hundert Kilometer flußauf- und schweizwärts an Lenz.
(Gerne wüßte ich, ob der Eierbecher jetzt in der Schweiz oder in Deutschland wohnt oder, was auch etwas hätte, direkt unten am Grund des Flusses?)
Ein Eierbecher, der siebte, blieb denn auch gleich dort — er fühlte sich sehr zu dem Kinderspielelefanten auf diesem Weidenstumpf hingezogen, vielleicht auch zum schaumweißen Hintergrund aus Wiesenkresse oder generell zu Ferientagen im Freien.
Die erste warme Zeit des Jahres verlangt nach einem Tag am Meer, und wenn schon nicht Meer, dann zumindest am Wasser und im Querformat, weil man ja jetzt schon Stunden in den Wiesen liegen könnte, ohne sich ein kaltes Kreuz zu holen. Schöner als ein Tag im Liegen aber ist ein Tag im Laufen, und noch viel schöner ist ein Wandertag dann, wenn man eigentlich Besseres zu tun hätte. (Nichts Besseres natürlich, nur vernünftiger, nützlicher womöglich.)
Also zogen zwei, statt Nützliches zu tun, an den mittleren Rhein, genauer gesagt in die Rheinauen auf der Höhe von Ingelheim. Es wurde ein denkwürdig schöner Tag am Meer.
Kunsthandwerker sind fahrendes Volk; wo ein Markt ist, da ziehen sie hin und zeigen ihre Waren. Lenkt man den Blick etwas weg von den ausgestellten Schönheiten und schaut sich das Drumherum und Untendrunter an, so sieht man’s: leichte Standkonstruktionen, Klapptische mit schwungvollen Tüchern, das alles effektvoll illuminiert von Steckleuchten — meist nicht mehr als eine Kofferraumfüllung, im Fluge auf- und wieder abgebaut.
In Darmstadt findet einmal jährlich die KunstObject statt, eine kleine, renommierte Schau ausgesuchter Kunsthandwerker. Ein Saal der Orangerie verwandelt sich nach dem Aufbau der Stände in ein Schmuck- und Schatzkästchen mit lauter schönen, originellen und erstaunlichen Dingen: Kleidung, Schmuck, Skulpturen, praktische Schönheiten und wunderbarer Unsinn — man könnte zum Sammler werden an diesen beiden Tagen.
Verlockend, unter vielen anderen: die Riesen- und die Taschenkaleidoskope von M. & U. Karl, nicht nur hypnotisch, sondern auch noch gut anzufassen; Kombinationen aus Papier und Filz in herrlichen Farben von Wiebke Steinwedel; Kim Ehrentrauts außergewöhnlicher Schmuck aus Silber, farbigen Perlchen und alten Fotos in Email; die unbegreiflich zarten Klöppelkreationen von Stefanie Kölbel; tatsächlich ein richtiger Schuhmacher mit robusten wie schönen Schuhkreationen, natürlich maßgefertigt — genug zu schauen für eine, ach was, für zwei Wochen. Und wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich hier schwer bepackt von dannen ziehen.
Eierbecher Nummer Sechs wirkt zwischen all der fedrigen Eleganz zwar ein bißchen wie die ältliche Verwandtschaft vom Lande, hat es aber immerhin in eine Schmuckvitrine geschafft.
Jetzt steht er in Schorndorf an der Rems, wo schwäbischer Erfindergeist zuhause ist, Fachwerk und Kopfsteinpflaster um die Wette glänzen und der Himmel irgendwie größer als anderswo erscheint. Für den Eierbecher samt seinem Goldrand habe ich einen wunderhübschen Platz gefunden, an einem außergewöhnlichen Ort in dieser Stadt: in einer Schmuddelecke. Mit Kunst im Durchgang.
Der vierte Eierbecher, einer von denen, die nur auf dicken Tischtüchern nicht wackeln, steht jetzt in der Forsterstraße in Mainz. Ich widme ihn geschränkte äcker und herrscholl.
Den vermutlich ältesten mit der eigenartigen Trichterform habe ich geschenkt bekommen, weil er doch ein paar Macken hatte. Jetzt reckt er sich in der Blumenrabatte vor meinem allerliebsten Haushaltswarengeschäft. (Diesen Sonntag übrigens geöffnet.) Er macht sich hübsch zwischen Primeln, Narzissen und Schlüsselblumen; ich stelle mir vor, daß sich seine unversehrten, nagelneuen Kollegen hinter der Schaufensterscheibe drängeln, um ihn zu sehen… Vielleicht darf er bis zur Sommerbepflanzung bleiben?
Der erste ist der bunteste meiner Weißen: mit blauem Band, ganz frühlingsgerecht, samt goldenen Mustern darauf. Heute sehr früh habe ich ihn zuletzt gesehen, wie er im Morgenlicht auf dem Bahnhsteig in Hannover-Kleefeld stand, gleich an der Notrufsäule. Ich hoffe, er hat eine gute Reise.
Weißes Porzellan, das war für mich, aufgewachsen zwischen Mustern, die sich wie flegelhafte Mitbewohner aufführten, stets ein Inbegriff der Festlichkeit. Schlicht natürlich; höchstens noch ein Goldrand dran. Vielleicht war ich deshalb so anfällig für Eierbecher.
Eierbecher, so lernte ich, gebe es flächendeckend erst seit der vorletzten Jahrhundertwende; waren sie davor aus Metallen und Einzelstücke, wurden sie nun passend zum Tischgeschirr in Porzellan hergestellt: man vervollständigte sich. Da sie so klein waren und oft mit großem Ausschuß produziert wurden, sei auf den Hundertjährigen nur selten eine Herstellermarke zu finden.
Und nun kamen die Gestrandeten, allermeistens Einzelstücke, manche mit kleinen Fehlern, Macken oder Goldrand, aber alle weiß, und sammelten sich bei mir. Ich habe sie bepflanzt, als Vasen verwendet, mit Kerzen besteckt zu Kandelabern zusammengestellt und in ihnen den Digestif gereicht. Wir hatten es gut miteinander.
Und nun werde ich sie freilassen, alle sechzehn Stück.
Vor dem großen Ausflug
(Falls wer möchte: Mail mit Adresse an mich; ich verschicke gern auch welche.)