Weihnachtsmarkt!

Die Nächte werden länger, die Temperaturen fallen, im Lande läuft wenig rund, dafür jede Menge schief — beste Voraussetzungen für ein bißchen Realitätsflucht. Dem Wirklichkeitsgeplagten bieten Städte und Gemeinden zum Jahresende Instant-Idyllen mit Alkoholausschank und Musik wie Zuckerpampe: Weihnachtsmärkte.

Ich bin allgemein keine Freundin von Rauschgoldplastikkram, Süßer-die-Glocken und glühweinbeschwipsten Menschenmassen. Aber es gibt einen Weihnachtsmarkt, den ich mag, nämlich den im Darmstädter Stadtteil Bessungen: Eine Handvoll Buden auf dem Dorfplatz bei der Kirche; hausgemachter Punsch, hausgemachtes Essen, hübsche Dinge von Kunsthandwerkern. Und, wichtig, keine flächendeckende Weihnachtsbeschallung.

Wenn Goldschmiedinnen Plätzchen backen ...

Die Budenbetreiber sind aus der Gegend, auch das Publikum ist eher lokal, die Stimmung friedlich, selbst wenn’s nicht schneit. Also, wenn schon Weihnachtsmarkt, dann dieser — da klappt es auch, ein, zwei Stündchen lang, mit der Realitätsflucht.

Der Bessunger Weihnachtsmarkt im Netz
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Kunst, Handwerk und Eierbecher 6

Kunsthandwerker sind fahrendes Volk; wo ein Markt ist, da ziehen sie hin und zeigen ihre Waren. Lenkt man den Blick etwas weg von den ausgestellten Schönheiten und schaut sich das Drumherum und Untendrunter an, so sieht man’s: leichte Standkonstruktionen, Klapptische mit schwungvollen Tüchern, das alles effektvoll illuminiert von Steckleuchten — meist nicht mehr als eine Kofferraumfüllung, im Fluge auf- und wieder abgebaut.

In Darmstadt findet einmal jährlich die KunstObject statt, eine kleine, renommierte Schau ausgesuchter Kunsthandwerker. Ein Saal der Orangerie verwandelt sich nach dem Aufbau der Stände in ein Schmuck- und Schatzkästchen mit lauter schönen, originellen und erstaunlichen Dingen: Kleidung, Schmuck, Skulpturen, praktische Schönheiten und wunderbarer Unsinn — man könnte zum Sammler werden an diesen beiden Tagen.

Verlockend, unter vielen anderen: die Riesen- und die Taschenkaleidoskope von M. & U. Karl, nicht nur hypnotisch, sondern auch noch gut anzufassen; Kombinationen aus Papier und Filz in herrlichen Farben von Wiebke Steinwedel; Kim Ehrentrauts außergewöhnlicher Schmuck aus Silber, farbigen Perlchen und alten Fotos in Email; die unbegreiflich zarten Klöppelkreationen von Stefanie Kölbel; tatsächlich ein richtiger Schuhmacher mit robusten wie schönen Schuhkreationen, natürlich maßgefertigt — genug zu schauen für eine, ach was, für zwei Wochen. Und wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich hier schwer bepackt von dannen ziehen.

Eierbecher Nummer Sechs wirkt zwischen all der fedrigen Eleganz zwar ein bißchen wie die ältliche Verwandtschaft vom Lande, hat es aber immerhin in eine Schmuckvitrine geschafft.

Stich um Stich

Kirchenruine Kloster Arnsburg
Basaltmauern tragen den Himmel.

Es ist eine kleine Ausstellung an einem großartigen Ort: Das Kloster Arnsburg liegt im Waldland der Wetterau, nahe Lich bei Gießen. Die Anlage wurde 1174 von Ebersbacher Zisterziensermönchen begründet; nach der Auflösung des Klosters 1803 verfiel sie, und in einem wunderbaren Zustand zwischen Gotik, Barock und Ruine ist sie heute für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das Dormitorium beherbergt die Ausstellung »Textile Erinnerungen«. Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen aus der Umgebung zeigen hier ihre Arbeiten aus Stoff, in denen persönliche und Familiengeschichte, Innenwelten und Mythologisches verwoben sind. Auf aufgenähten Zetteln stehen die zugehörigen Geschichten und Gedanken, und so wird jedes Stück zu einer Erzählung, die an Tiefe gewinnt, je genauer man hinschaut. Von der Hochachtung gegenüber dem handwerklichen Können, das in den Werken wie auch im »Rohmaterial« steckt, ganz zu schweigen.

Ein großer Teil der Werke sind Quilts aus alten Wäschestücken, die über Jahrzehnte in den Familien gehortet wurden. Kunstvolle Stickereien, winzige Knöpfchen, Verschlußhaken und natürlich Monogramme früherer Besitzer sind wiederkehrende Motive. Bräutliches Weiß steht Trauerschwarz gegenüber; vielen Stoffen sieht man an, daß sie wieder und wieder geflickt, umgearbeitet und weiterverwendet wurden, ehe sie als Rohmaterial in die Hände der Künstlerinnen kamen.

Viele Arbeiten bleiben in Erinnerung: ein Quilt von Schülerinnen aus den 50er Jahren, der »brave Mädchen und böse Jungen« zeigt; auf zehn Bildern tragen die Mädchen Schürzen und verrichten Hausarbeiten, während die Jungen Äpfel klauen und Erwachsene ärgern. »Das Hemd meiner Großmutter« stammt von einer Künstlerin, deren Name mir entfallen ist (kann jemand helfen?); sie hat das feine, weiße Leinenhemd auf einen Teppich aus trockenen Teebeuteln gesteppt und mit Nahtlinien wie aus Schnittmusterheften überzogen. Heike Kurzius-Schick machte den Quilt »Meine 1000 Erinnerungen« aus den Krawatten ihres verstorbenen Ehemannes. Dann sind da die kraftvollen, hintergründigen Arbeiten der Märchenerzählerin Monika Mosburger, die auch aus einem reichen Fundus alter Stoffe und Gerätschaften schöpft. Ihre schwarze »Artemis« etwa besteht aus Trachtenröcken, deren gechintztes Leinen glänzt wie Metall; zahlreiche Schulterpolster sind auf den Stoff geheftet.

Diese Ausstellung ist ein Sammelbecken für Geschichten. Nicht nur das Wissen der Künstlerinnen und die Begebenheiten, die hinter den Arbeiten stehen, sondern auch alles, was die Besucherin mit sich durch den Raum trägt, was sich an dem ein oder anderen Werk verhakt und zum Vorschein kommt.

Oh, und schön — schön ist sie natürlich!

Monika Mosburger, 2010: Bettwäsche, Blaudruck

Ausstellung »Textile Erinnerungen«

26. Juni bis 11. Juli 2010

Mo bis Fr: 14–18:00

Sa, So: 10–18:00

Eintritt für die Klosteranlage: € 2,–

Samstags und sonntags jeweils um 15:00 Vorträge, Gespräche etc.

30 bunte Tassen — vierzehn

Das war mal ein schönes Geschenk! Diese Becher werden von einer Berliner Töpferin, deren Name mir entfallen ist, gemacht. Sie sind innen glasiert, schön dünnwandig und liegen gut in der Hand. Die Markierung ist ein fünfzackiger Stern und ein S.

Für mich sind die beiden ideale Gefäße für Malzkaffee; schade nur, daß ich den meist allein trinken muß.

Malzkaffee gefällig?
Malzkaffee gefällig?