Vor zwanzig Jahren in der Kleinstadt gab es sie auch schon, die südamerikanischen Indios, die in der Fußgängerzone trommelten und flöteten. Vorzugsweise El Condor Pasa. Dabei liefen sie gemessen stampfend hintereinander im Kreis, und alle paar Strophen sangen sie. Sie hatten lange schwarze Haare, sagten nicht viel und trugen farbenfrohe Webgewänder aus Alpakawolle, die man auch kaufen konnte.
Heute dagegen: In einer Seitenstraße fährt ein dunkler Chrysler-Kleinbus mit getönten Scheiben vor. Heraus klettert eine Handvoll Männer in Jeans, karierten Hemden und mit langen schwarzen Haaren, die sich erst einmal, Hände in den Taschen, Richtung Fußgängerzone aufmachen. Dann kommen dazu passende kleine Frauen, die den Kofferraum öffnen und schweres Gerät herauswuchten: Instrumentenkoffer, Kisten mit Kabeln und Krempel, Verstärker, Generator. Das schleppen sie dann an einen zentralen point of attraction, etwa vor die Fischbraterei, und bauen auf. Wenn die Männer eintreffen, verschmelzen sie mit dem Innenstadttrubel.
Auftritt Indios. Nahein, nicht bloß Indios mit Umhängen, sondern komplette Indianer mit Federschmuck und Lederfirlefanz. Flöten (Pan-, Rohr-), Trommeln und Percussion (Regenstäbe). Die Musik wird verstärkt, verzerrt und unterlegt mit synthetischen Beats. Hinter einer Litfaßsäule tuckert der Dieselgenerator. Und dann werden unter „Heyaya“-Gesängen die immer gleichen fünf Lieder abgespult; länger braucht es wahrscheinlich nicht, bis sich das staunende Publikum einmal komplett ausgetauscht hat. (Selbstverständlich kann man CDs kaufen …)
Ich sitze derweil an meinem Schreibtisch und versuche zu arbeiten.
Ohrenstöpsel helfen nicht, wenn man die Lieder einmal kennt. Selber Musik anmachen nützt nur bedingt; ich arbeite nicht gern bei Musik. Nicht arbeiten? Geht auch nicht; von irgendwas muß ich die Stereoanlage ja finanzieren. Mein einziger Trost: Irgendwann läuft die Parkuhr in der Seitenstraße ab …