Weil es mal wieder sein muß, und weil Frühling ist, wie zumindest der Kalender sagt.

Als ich aus dem Zug springe, schneit es; die Schaffnerin schaut mitleidvoll auf meine Wanderschuhe. Grau kauert das Städtchen am Ufer; seine Mauern hallen feucht von meinen Schritten. Ein Himmel wie Milch, die Sonne ein blanker Pfennig darin; Hügel stehen hinter Nebelschleiern. Dieser Frühling trägt die Farben des Herbstes — Vorjahreslaub unter kahlen Bäumen, Steine und Moos. Nur die Vögel konzertieren, als gäbe es schon Blau und Grün und Gelb.
Also Hände in die Taschen; Aufstieg macht warm! Und über den schneebestäubten Äckern schwebt das Lied der Lerche. So geht es gut auch ohne Sonnenschein.
Schritt für Schritt entfalten sich Wunder: Stock und Stein, Moose und Flechten und schneegesprenkelte Ausblicke; Landschaften wechseln, und es wechselt der Bewuchs. Hier schmiegt sich der Himmel an den Horizont, zum Greifen nah; dort wird er von Weißdorn und Schlehen aufgehalten, dann wieder lagert er auf Buchenwipfeln. Schafe schauen wie Schafe. An einem strohbleichen Hang dichte Polster von Veilchen; das Mißtrauen: so veilchenblau kann doch gar nichts sein auf dieser Welt?
Gemächlich nähern sich die Burgen, drehen sich und spreizen sich und verschwinden schließlich hinter dem nächsten Hügel. Dazwischen Obst- und Weinterrassen, hängende Gärten: jede Flanke lächelt mit Schiefermauern, schön selbst da noch, wo sie schon zerfallen. Die Dörfer, kalt und zugig, machen mir Beine. Ich wickle mich fester in meine Jacke und wärme mich an der nächsten Höhe.
Aussichtspunkte zaubern mich weg vom Weg; die ohne Zaun und Bank mehr als die mit. Der Proviant schmeckt hier besser als irgendwo sonst, und ich kann den Raubvögeln im Flug über die Schulter schauen. Und einmal, ein paar berauschende Augenblicke lang, gewinnt die Sonne an Kraft und läßt den Rhein in der Ferne leuchten wie grünes Glas.
Da kann ich nicht anders, als mich rücklings vom Fels umarmen lassen und dem Himmel ins Ohr flüstern, wie schön, wie unfaßbar schön das alles ist, dieses Licht, der Bach tief im Tal und der klagende Schrei des Bussards, dem ich hier seinen Platz streitig mache —

Später dann vergeht der Tag im Dämmer, und mein Weg endet am Bahnhof. Hier wird er wieder beginnen, verspreche ich ihm und mir. Anders wär’s ja nicht auszuhalten.
Das nennt man wohl lyrische Prosa. Aber ein paar Grad wärmer wären nicht verkehrt, oder?
Ja, man würde gern dem ganzen Land eine gigantische Wollmütze aufsetzen …
Aber das wird, das wird! Heute ist es schon viel besser.
Diese schönen Schilderungen machen mir Ihren Weg so greifbar, als wäre ich selbst dabei gewesen.
Na, vielleicht lassen Sie sich ja mal verlocken –? Den Rhein mögen Sie doch, und es ist wirklich schön da. (Wie sagt der Lateiner: in excelsis gloria.) Und ein Kompaß ist auch nicht nötig; ein Höhenmesser wäre allerdings interessant …
Höhenmesser: der Genauigkeit wegen dann aber in Fuß.
Aber will man das so genau wissen? Wie hoch, wie weit, wie schön? Wie Sie sehr genau wissen, wenn ich mich recht erinnere, macht die Erinnerung am Ende doch sowieso, was sie will. .)
gestern nacht nur erstmal bilder geguckt und schon gelikt. nun
mit dir durchs land gewandert und über stock und stein bei lerchenlied der kälte getrotzt. ich kenn niemanden der solch großartige wanderungen schreibt.
ich mag deinen schreibstil total!
das versprechen an dich und den bahnhof nehme ich wörtlich.
Ach, danke! Dochdoch, da gibt es schon wunderbare Wandergeschichten … Ich habe auf dem Weg oft an Irgendlinks Kanzeln denken müssen und gedacht, wie schön, diese Bilder muß ich ja nicht mehr machen. .)
das nennt sich interdisziplinär gedacht 🙂
Es hallt noch nach, dass Du (oder war es die Wildgans?) mir Deine (oder ihre?) Blogrolle ans Herz gelegt hat. Sie zu durchforsten nach Schätzen für die große Blogtour. Danke für den Blogtipp.
Der „lyrischen Prosa“ schließe ich mich an.
Habe direkt mal nach der Blogrolle der Wildgans geschaut. Dolle Sachen, da! Danke.
So etwas habe ich noch nie gelesen. Besser Wanderschuhe als high heels bei diesem Wegesgrunde.
Haha! Das wäre ein Thema für das nächste Wander-Selbsterfahrungs-Buch: Zwölf Zentimeter näher am Himmel: Der Rheinsteig auf High Heels. (Also, ich werde es nicht schreiben, aber vielleicht mag ja wer …)
„Ein Himmel wie Milch, die Sonne ein blanker Pfennig darin;“: ein Bild, das jetzt nicht mehr aus dem Kopf will …
Oh! Danke. Daß das Wortbildern gelingen kann wie Tuschezeichnungen, freut mich sehr.
Ich weiß nicht warum, aber es lässt sich nicht einfach sagen: Gefällt. Daher auf diesem Weg: gefällt, und zwar sehr!
Danke! (Klicken kann ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr, und sehen kann ich die Likes auch nicht — Technik, die begeistert.)
Das ist eine wunderschöne Wanderungsbeschreibung, bin ganz hingerissen! Und sie zeigt, wie man sich von der Natur einfangen und verzaubern lassen kann, wenn man offen ist und sich auf sie einlässt, egal bei welchem Wetter.
Merci! Beim Wandern gibt es kein Wetter. Es gibt nur längere oder kürzere Pausen. .)