Das Auto hinter mir fährt dicht auf, drängelt an der roten Ampel, obwohl die Straßen leer sind zu dieser nachtschlafenden Zeit. Na, denke ich, der hat’s aber wichtig. Dann überholt mich der Wagen mit aufbrüllendem Motor; Idiot. Als ich aber sehe, wohin er ohne zu blinken abbiegt, schlägt mein Ärger um. Es ist das Gelände der Uniklinik; diese Einfahrt führt zu den Pavillons der Intensivstation mit ihren ewig heruntergelassenen Jalousien, und Parken ist hier streng verboten.
Ich wünsche dem Drängler von ganzem, heißem Herzen, daß er schnell genug ist.
Schlagwort: endlich
Weitermachen
Das Telefonat aufschieben, bis der Tag hinreichend sonnig ist und die Vögel laut genug singen, denn schlimmer hätte es ja, machen wir uns nichts vor, kaum kommen können; sie dann so gefaßt vorfinden, es gibt kein Wort dafür als: tapfer; natürlich traurig, aber den Blick nach vorn, die Jahre noch nehmen, hätte sonst ja keiner was von, weitermachen, was sonst, und wie’s denn zuhause ginge, doch hoffentlich gut; am Ende versprechen, sich selbst am meisten, bald vorbeizuschauen; und dann, in Sonnenschein und Vogelgezwitscher, heulen müssen wie ein Schloßhund.
Und dann
Und dann ist noch ein Jahr vergangen. Das Rad aus Tagen und Nächten, das immer den gleichen Kreis beschreibt, hat wieder eine Drehung vollendet, ohne daß jemand etwas getan hätte dafür. Ich schon ganz gewiß nicht.
Ich sichte Bilder. Die mit Dir, die, auf denen Du hättest sein und die, die von Dir nicht einmal wissen können. Es werden mehr, jedes Jahr. Manche gleichen sich.
Eine Flamme, eine Blume, ein Glas auf Dich. Ich hätte Dir so viel zu erzählen.
Der Asylzivi
Mit dem Abi in der Tasche hielt es H. nicht mehr daheim: zum Zivildienst zog er weg. In einer kleinen Stadt fernab aller Grenzen arbeitete er für eine Organisation, die sich um Flüchtlinge kümmerte. In diesem Zehntausend-Einwohner-Städtchen lebten ein paar dutzend Menschen aus den Krisengebieten der Erde, hierherverteilt durch Amtsentscheidungen; alle mit ungewisser Zukunft.
Ich war nun die Freundin vom Asylzivi. Wann immer mein Studium mich ließ, wohnte ich bei ihm unterm Dach eines Verwaltungsbaus. Manchmal ging ich mit ihm zur Arbeit.
H. hatte viel zu tun …
Ein Schlüssel
Nach Ankunft in JFK, Paßkontrolle (Non-Residents — next, please!) und Zoll (nothing to declare) in den Bus zur New York City Metro.
An Howard Beach das Meer nicht sehen; mit dem A Train …
Zeitverschiebung
Wenn sie aufstand, hatte er noch ein paar Stunden Nacht vor sich. Wollte sie ihn nach der Arbeit anrufen, dehnte sich ihr Abend; oft mußte sie dann die lange Nummer mit den langen Billiger-Telefonieren-Vorwahlen drei-, viermal wählen vor lauter Müdigkeit.
Der erste Tag eines jeden Besuchs war für die Katz; schlimmer als Wachbleiben nur, sich kurz hinzulegen. (Eiserne Jetlag-Regel: …
Finstere Geschichten
Der Wanderweg führt an einem dörflichen Totenacker vorbei: Bodendecker um Granitsteine mit einer Handvoll Namen, gut lesbar über die hüfthohe Hecke hinweg.
Außerhalb der Umfriedung, in dem schmalen, abschüssigen Streifen Gras, der eingezwängt ist zwischen Hecke und Weg, liegt eine schwarze Grabplatte. Die Namen zweier Eheleute stehen darauf, der des Mannes schon verblichen, sein Todesjahr 1952; die Frau starb 1986.
Die Vorstellung: wie sie mehr als dreißig Jahre dieses Grab hinter der Hecke besucht haben muß.
*
Im Haus der Großmutter tickten Uhren uns Kinder in den Schlaf. Jedes Jahr kamen wir zu Besuch, und jedes Jahr gaben dieselben Zahnräder und Läutwerke den Hintergrund für unsere Träume. Uhren über Uhren, seit Jahrzehnten in diesen Zimmern — wir fragten die Großmutter danach.
Euer Großvater, sagte sie, hatte hier seine Uhrmacherwerkstatt. Die Leute haben ihre Uhren hergebracht, damit er sie in Ordnung bringt.
Und dann?
Dann haben sie sie heile wieder abgeholt.
Sind die Uhren hier denn nicht heile?
Nu, die sind alle repariert!
Dann will die einfach keiner mehr haben?
Viel später erst begriff ich, daß die Uhren, die seit dem Krieg in der großelterlichen Wohnung immerzu abliefen und wieder aufgezogen wurden, Verschollenen gehört hatten. Gefallenen. Deportierten.
*
Als der Liebste schon eine lange Weile krank war, ließ er sich ein Buch schicken, das war gepriesen worden: ein »wichtiges«, ein »starkes Werk«, ein »Buch für diese Zeit«.
Dann lag es gelesen neben seinem Bett, und er sagte still und mit zwei steilen Falten auf der Stirn: Zeitverschwendung, das sei es gewesen.
Da hatte er noch vier Monate zu leben.
Ach, daß ich ihn nicht bewahren konnte vor diesem Buch.
Ein Kuchen für H.
Wo er auch war auf der Welt: Immer, wenn er seinen Geburtstag feierte, mußte es diesen Kuchen geben; selbst da, wo eingemachte Aprikosen unbekannt und gemahlene Mandeln nicht zu haben sind. Er paßte eine christliche Zeit ab und rief bei seiner Großmutter, Oberhaupt der zahlreichen Familie, an: Oma, wie ging noch mal der Aprikosenkuchen?
Und verläßlich diktierte sie ihm das Rezept, aus dem Kopf, in Pfund und Gramm und »so lange, bis der Teig vom Löffel fällt«. Das Rezept, wie alle guten Familientraditionen, läßt viele Möglichkeiten offen: Man kann auch Pfirsiche nehmen. Statt Mandeln gehen Haselnüsse; sogar Kokosflocken. Je nach Ofen, je nach Backform länger oder kürzer oder heißer. Es wird doch immer derselbe Kuchen.
Dieses Jahr habe ich angerufen.

Aprikosen-Mandel-Kuchen
An einen, der fehlt
Du fehlst mir nun schon fast so lang, wie ich Dich kannte, und man sollte meinen, das sei genug, sich zu gewöhnen; die Zeit schreitet ja voran. Doch Jahr für Jahr stellen sich die Tage wieder hinten an mit ihren Namen und ihren Ziffern. Es gibt Daten in der Reihe, die schlimmer sind als andere.
Dieses eine Jahr voller erster Tage ohne Dich. Dein Geburtstag, und kein Anschluß unter Deiner Nummer; die Urlaubskarte, die ich Dir schickte und die wohl ein anderer fortgeworfen hat. Der Tag, an dem ich den Schlüssel zu Deiner Wohnung hätte zurückgeben müssen. Und wie ich älter wurde als Du.
Natürlich, das Leben schließt sich um die Leere. Aber sie bleibt mitten darin, und an solchen Tagen klingt es hohl.
Jahrestage
Und dann gibt es Tage, die jedes Jahr wieder eine Kerze erfordern, das ist das Mindeste; und man denkt: Wehe, du hörst auf, mir zu fehlen; mehr hab ich schließlich nicht von dir. Und: Verdammt, da ist ein Geburtstag frei geworden, warum nimmt den nicht endlich jemand?

Und dann, dann passiert genau das.
Lebe gut und zufrieden, Kleiner!
