Webcomics!

Vor einigen Jahren habe ich im Netz das entdeckt, was mich bislang am nachhaltigsten fasziniert: Webcomics. Sporadisch oder regelmäßig stellen meist junge, wenig bekannte Comic-Künstlerinnen und -Künstler ihre Arbeiten online. Die meisten von ihnen stammen aus dem englischen Sprachraum; unter den gut dreißig Comicautoren, die ich regelmäßig (alle auf Englisch) lese, sind eine Schwedin, eine Niederländerin und ein Chilene. Deutsche Comics, die mich gefesselt hätten, habe ich bislang nicht gefunden — na, vielleicht ändert sich das noch.

Viele sind gut, einige sind grandios. Sämtliche Stilrichtungen von den klassischen Sunday Funnies bis hin zu experimentellen Fotomontagen sind vertreten; die Themen sind breit gestreut. Manche der Comics haben einen gewissen Berühmtheitsgrad, ja sogar Kultstatus erreicht. Einige lese ich, weil mich die Entwicklung des Künstlers oder der Künstlerin interessiert, von anderen komme ich einfach nicht mehr los und warte jede Woche gespannt darauf, wie die Geschichte weitergeht. Tolle Sache.

Meine Lieblinge will ich hier in der nächsten Zeit in loser Reihe vorstellen.

Nur für eine Nacht …

Hach, ist das schön — den Tag mit verquollenen Augen und leicht matschigem Hirn verbringen, weil man in der Nacht nicht aufhören konnte zu lesen. Früher waren Michael Ende, J.R.R. Tolkien oder Otfried Preußler schuld an sowas, später dann Dorothy L. Sayers. Das Erlebnis wird jedoch mit steigendem Alter und wachsender Leseerfahrung seltener und seltener.

Jetzt hat mich endlich wieder mal einer erwischt: Von einer lieben Freundin bekam ich die ersten beiden Bände der schwedischen Thriller-Trilogie von Stieg Larsson ausgeliehen, mit dem Hinweis, sie habe sie nicht aus der Hand legen können.

Nach dem Selbsttest kann ich sagen: Band 1, Verblendung, geht nach etwas schwerfälligem Einstieg ab wie eine Rakete. Da stimmt einfach alles — interessante Charaktere, schwedisches Lokalkolorit, komplexe Handlung mit überraschenden Wendungen. Herzklopfen bis zur letzten Seite.

Schwups, war die Nacht vorbei, und von den verbleibenden drei Stunden Schlaf lag ich noch eine halbe wach.

Auch Band 2, Verdammnis, ist gut. Nicht ganz so rund wie der erste — man kennt die Figuren schon, stolpert über vier, fünf Plotlöchelchen und -löcher; aber immer noch außerordentlich packend, das Ganze. Das war dann die zweite Nacht.

Ich werde mich hüten, etwas zum Inhalt zu schreiben, und rate auch davon ab, den Klappentext vorweg zu lesen. Stieg Larsson ist aber mein Tip für lange Bahnfahrten, verregnete Wochenenden und einsame Nächte.

Noch ein Wort zur Übersetzung: Ich weiß, daß schönes Deutsch schwierig ist. Aber daß bei Schwedisch-Deutsch dieselben dusseligen Fehler passieren wie bei Englisch-Deutsch, nervt doch: ein pathetisches Häuflein verängstigter Männer. Aua. Oder: Die Einsamkeit fühlte sich immer klaustrophobischer an. Was immer dieser Satz bedeuten soll — sicher nichts Gutes, das steht fest.

Nun weiß ich auch, daß Übersetzer nicht viel Geld bekommen und sich ranhalten müssen, wenn sich das Geschäft lohnen soll. Im großen und ganzen sind die Bücher ganz gut lesbar — und, hey, für eine Nacht …

Jedenfalls freue ich mich auf Band 3. Vergebung heißt er. Aber bevor mir der ins Haus kommt, muß ich doch erst mal mein Schlafdefizit ausgleichen.

Nachtrag: Jepp. Chris hatte recht. Band 3 hält, was die ersten beiden versprochen haben.

Für Vergebung habe ich zwei Tage gebraucht (manchmal muß man die Krimilektüre leider zum Arbeiten unterbrechen). Es ist bewundernswert, wie Larsson alle Handlungsfäden und -fädchen in einen Zusammenhang verwebt. Spannend bis zum Schluß. Bloß die Deutschschlampigkeiten sind noch ein bißchen auffälliger als in den ersten Büchern.

So, das war’s. Aus Schweden dräut noch eine Verfilmung, aber mehr gibt’s dann nicht von Larsson. Er ist 2004 gestorben, und schon die drei Millennium-Bände sind postum erschienen.

Achja, gibt es eigentlich noch jemanden, der Salanders Diagnose anzweifelt?

Emanzipation

Ich habe früher gern für Gleichbehandlung der Geschlechter gestritten. Von daher hätte ich eine Soldatin in Uniform gar nicht besonders anstarren müssen. Die aber, die sich im Zug neben mich setzte, war ein … Prachtexemplar. Darf man das sagen?

Sie hatte die kastanienbraunen Haare kunstvoll hochgesteckt (soweit ich das unter dem Barett beurteilen konnte); ihre farbenfrohe Brille konkurrierte mit perfektem Makeup. Als erstes holte sie die Gala aus dem Rucksack, legte sie auf ein Tarnhosenknie und blätterte andächtig im Modeteil. Ich dachte darüber nach, ob man mit manikürten Dezimeterkrallen (mit eingelassenen Glitzersteinchen) Gewehre putzen kann. Nachdem ich gesehen habe, wie sie auf ihrem Klapphandy SMS tippte, glaube ich: man kann.

Über der ganzen Erscheinung schwebte eine Wolke schweren, süßen Duftes, die sie vollends surreal machte. Später erzählte sie fröhlich, sie habe sich für acht Jahre verpflichtet, Panzerartillerie.

Ich dachte: Schwester, ich hätte zwar Zivildienst gemacht. Aber die Bundeswehr ist anscheinend nicht mehr, was sie mal war. Und das ist doch auch schön.

Besuch bei Muttern

Irgendwann kommt das Alter, in dem die Eltern schwierig werden. Damit meine ich nicht die Pubertät, sondern die Phase, in der das Mütterchen, frisch in Rente, sich ein Cabrio kauft (hat er mir günstiger gelassen!) und eben keine Wirbelsäulengymnastik macht (och, die hält jetzt schon so lange …).

Jeder Besuch endet mit Kopfschütteln, händeringenden Appellen an den Himmel, doch etwas Vernunft fallen zu lassen, und der trotzigen Bemerkung mütterlicherseits: Du kümmer dich mal um deine Angelegenheiten.

Andere Dinge nerven anders. Mit Betreten der Wohnung scheine ich plötzlich wieder drei Jahre alt zu sein — erstaunlich, wie viele Verkleinerungsformen es für meinen Namen gibt –, darf mir kein Glas Wasser selbst holen und den Tisch nicht abräumen: Laß mal, ich mach das nachher. Wozu hat mich meine Mutter zur Selbständigkeit erzogen, wenn sie mich jetzt nicht mal meine Jacke allein aufhängen läßt? Dabei komme ich besser an den Haken als sie, ich bin fünfzehn Zentimeter größer.

Über die Frage Ißt du auch ordentlich? haben wir uns inzwischen so oft gestritten, daß sie durch eine kommentarlose warme Mahlzeit ersetzt wurde. (Wir Geschwister schauen uns dann nur noch an und verdrehen die Augen. Was soll man auch sagen — sie meint es ja gut.)

Werde ich auch mal so?

Besuch bei Muttern. Oft mache ich das nicht, meinen (und ihren) Nerven zuliebe. Verwandte, so heißt es treffend, kann man sich nicht aussuchen, mit denen muß man leben. Und zwar um so unerbittlicher, je mehr man ihnen früher einmal selbst Stirnrunzeln bis Kopfzerbrechen bereitet hat.

Andererseits gibt es auch Lichtblicke: Kurz nach dem Cabrio hat sich meine Mutter ihre erste BahnCard angeschafft, für die weiten Strecken.

Eine Sorge weniger.

Frühaufsteher

Heute ist Fest in meiner Straße, ab sechs Uhr offenbar. Um diese Uhrzeit müssen alle parkenden Autos weg sein — meines auch.

Bin ich also früh um halb sechs losgezuckelt, habe aber nichts gefunden in der Nähe. Dann eben raus aus der Innenstadt, in die Hellwigstraße, und die knapp zwei Kilometer nach Hause laufen. Erinnerungen an meine Schulzeit werden wach — an den Job als Zeitungsausträgerin …

So früh ist es noch still in der Stadt, die Luft morgenkühl und frisch. Im Gründerzeitviertel leuchten einzelne Fenster in den dunklen Fassaden. Dahinter bringen Mütter ihre Säuglinge noch einmal ins Bett, spielen Computerspieler den vorletzten Level, warten schlaflose Rentner auf den Tag. Menschen mit Kaffee und Zeitung, die eine Stunde für sich allein genießen, bevor die Familie wach und das Leben wieder laut wird.

Die Schaufenster sind schon (oder noch) erleuchtet — na, das wäre aber nicht nötig gewesen …

Ein paar Spätheimkehrer, Bierflaschen in der Hand, trennen sich mit heiseren Stimmen an der Kreuzung. Die Autos an der Ampel klingen noch ungeübt. Um diese Uhrzeit bleibt die Glocke der Turmuhr stumm: neugotisch ragt die Kirche in den Himmel, der allmählich grau wird. Die Stunde, in der auf dem Land der Tau fällt; hier anscheinend nicht.

Mein Blick nach oben begegnet einem anderen, aus einem dunklen Fenster. Ich kann nicht erkennen, ob, wer auch immer da steht und herunterschaut, zurücknickt.

In meiner Straße warten schon die Arbeiter, um für das Fest abzusperren. Sie reden in Walkie-Talkies und schauen den Discomädchen nach, die in die Seitengassen schlüpfen. Der Kehrwagen kommt. Das war’s mit der Ruhe; die Stadt gähnt und räkelt sich. Motoren springen an.

Ich gehe ins Haus und lasse die Stadt draußen ihren Geschäften nachgehen. Jetzt ist sie wacher als ich.

Anwohnerparken

Ich habe ein Auto. Lieber hätte ich keines, aber da ich außerhalb arbeite, geht es beim besten Willen nicht anders. Zur Strafe muß ich, während andere Leute ihr Gefährt im heimischen Carport abstellen, zum Parken in die Innenstadt.

Sicher gibt es Anwohnerparkplätze: vier Stück in meiner Straße, und in der nächsten noch einmal fünf. Um die konkurrieren die Anwohner mit den Einkaufsbummlern und den Leuten, die nur eben kurz was erledigen wollen. Für mich ist oft genug keiner dabei — dann muß ich auf Stadtrundfahrt. Und der Blutdruck steigt, die Laune sinkt mit jeder Runde.

Ich hätte nie geglaubt, wie sehr mich der Anblick von Autos mit fremden Kennzeichen auf meinem Parklatz!! erzürnen kann. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, ihnen beleidigte Zettel unter die Scheibenwischer zu klemmen, weil die Politessen hier ja viel zu selten durchkommen. Wer so ein dickes Auto fährt, sollte sich das Parkhaus leisten können einparken lernen! Oft genug blockiert so einer dann nämlich gleich zwei Plätze.

Nein, Zettel habe ich noch nie verteilt. Meine Methode ist perfider: Ich kann einparken. Und ich parke ein; gnadenlos. Wenn die Lücke zwei Zentimeter länger ist als mein Wagen, nehme ich sie — auch wenn’s dauert. Gelegentlich schauen Passanten mitleidig und bieten mir an, mich rauszuwinken. Nein danke, sehr nett, sage ich, aber ich will hier rein. Meine Stoßstange ist nicht lackiert, und Beulen im Nummernschild sammle ich wie Trophäen.

Manchmal habe ich Publikum und anschließend Applaus; sicher nicht von den Besitzern der Autos vor und hinter mir. Sogar ein Fotohandy habe ich einmal bemerkt. Ich hätte um das Bild bitten sollen — vorn ein Sportwagen aus dem Umland, hinten eine Bonzenkutsche aus Bayern und dazwischen, sauber eingefügt, mein Kleinwagen mit dem Anwohnerparkausweis. Um die Autonummer zu lesen, hätte man einen Zahnarztspiegel gebraucht. Doch, ich war zufrieden.

Also, liebe Gäste unserer Stadt: Wenn ihr euer Blech liebt, parkt nicht, wo die Anwohner parken. Die verstehen echt keinen Spaß. Und sind obendrein üble Parkrowdys.

Hat er heute abend wenigstens was zu erzählen.

Auf dem belebten Marktplatz strebt ein Anzugträger, vielleicht Mitte Dreißig, einem unserer Marktplatzbettler zu, Mobiltelefon in der einen, 50-Euro-Schein in der anderen Hand: Können Sie mir den mal schnell wechseln?

Der Angesprochene, völlig perplex: Äh, nein?

Der Jungdynamiker redet in sein Telefon, wedelt noch ein bißchen mit dem Geldschein und verschwindet dann wieder in der Menge.

Kamera habe ich keine gesehen. Ich glaube, das war echt.

Datenschutz

Neulich im Supermarkt.

Die Kassiererin will die Kasse in Betrieb nehmen, stutzt, überlegt und ruft schließlich mit Donnerstimme quer durch den Laden:

Ei, Yvonne, wie war nochemoh die Geheimzahl von Kasse 1?

Antwort, genauso laut:

Ei, 1–2–3–4!

Danke! — Zu uns gewandt: Macht dann siebzehnneuneneunzich, bitte.

Aus der überwältigenden Vielzahl der möglichen Kommentare konnten wir vor Lachen keinen anbringen.
Dabei war das wirklich nicht zum Lachen.