Das Fest im Viertel

Jeden Sommer für drei Tage flüchten die Viertelbewohner, und der Rest der Stadt strömt in Scharen her: dann ist Viertelfest. Ich liebe das. Auf verschiedenen Bühnen wird Musik gespielt (von Möfahead, Ira Atari & Rampue oder Die Fahrt von Holzminden nach Oldenburg, und das ist richtig und gut so), es gibt Essen und Trinken und allerlei politische und kuriose Stände; wer von den Geschäftsleuten hier genügend gute Laune und Durchhaltevermögen hat, wirft alle Öffnungszeiten über Bord und ist dabei.

Kaffee, Wein, Tee und drei, vier, zehn Bierbuden (gern gesehen: die von Bruch) tragen die Besucher durch den Abend. Man ißt bunt und hervorragend und höchst international; simple Pommesbuden sind nicht zugelassen. Es ist mehr als nur ein Gerücht, daß man hier auch fritierte Seidenraupen bekommt.

Ich mag dieses Fest, weil es immer noch nicht so ganz stromlinienförmig ist in der Feierlandschaft der Landeshauptstadt. Es wird wüster Jazz auf dem Bürgersteig gespielt, man kann tatsächlich originelle Dinge erstehen, nicht nur von den Kindern mit ihrem halben Quadratmeter Flohmarkt in den Hauseingängen, und wenn man Glück hat, wird man an seiner Lieblingsbude exklusiv bekocht. Einziger Engpaß sind immer und immer wieder die Toilettenwagen, aber das war noch nie und wird wohl nicht mehr anders.

Glanzvolles Gerümpel: Staatsgeschenke

Jeder kennt das: Man ist eingeladen und möchte den Gastgebern eine Freude machen. Für diese Zwecke hält eine ganze Industrie Mitbringsel bereit — Blumen, edle Tropfen, jahreszeitliche Schnörkel und Stehrumchen allgemeiner Art. Meine persönliche Faustregel lautet: Was sich rückstandslos beseitigen läßt, ist ein gutes Geschenk; deswegen packe ich gern Les-, Eß- oder Trinkbares ein (träume allerdings heimlich davon, der Gastgeberin statt des obligatorischen Blumenstraußes einen schönen Feldstein zu überreichen).

Was aber, wenn der Besuch ein Staatsbesuch ist? Welche Kleinigkeit hat der Minister, die Präsidentin, der Diplomat im Gepäck? Diese Frage wird jetzt in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte umfassend beantwortet. Kurz: Eßbar ist es eigentlich nie.

Was bundesrepublikanischen Präsidenten und Kanzlern (sowie ihren Ehepartnern) in 60 Jahren von ausländischen Würdenträgern zugedacht war, das steht, liegt und hängt in den Vitrinen der Ausstellung „Staatsgeschenke“ zwischen den schwarzen Windmaschinen der Völklinger Gebläsehalle.

Ausstellung Völklinger Hütte
Vergoldetes vor Stahl: Staatsgeschenke im Saarland

(Die Exponate darf man nicht fotografieren; stattdessen kann man einen schönen Katalog erwerben.)

So als Staat will man natürlich repräsentieren. Entsprechend häuft sich der Prunk: Frankreich verschenkt Goldschmuck, die Ukraine einen gigantischen silbernen Tafelaufsatz in Form eines Fauns, Jordanien eine Abendmahlsszene, aus Perlmutt zusammengefügt (und das in 60 Jahren gleich zweimal). Die Länder zeigen sich äußerst kunstfertig: vom Baltikum stammen Bernsteinschnitzereien und Filigranarbeiten aus Silber, aus Schwarzafrika Webstoffe, Gefäße und Schmuck aus Gräsern; Design kommt aus Skandinavien, Porzellan aus China.

Andächtig pilgern die Besucher an den Vitrinen vorbei. An den Wänden sind Bilder und Schlagzeilen aus 60 Jahren deutscher Geschichte zu sehen, die die Zeichen guter diplomatischer Beziehungen passend oder kontrastierend einrahmen. Bald steigt die Stimmung. Spätestens beim Anblick der goldenen Statue eines Rennkamels (mitsamt Jockey; Geschenk aus Saudi-Arabien) wird Staunen laut. In seinem maßgeschneiderten Kasten mit vergoldeten Scharnieren ist das Tier im Galopp erstarrt; unter seinen Hufen glänzen Klebstofftropfen. Da hinten, dieser Besteckkasten — das wird wohl bunt bedrucktes Elfenbein sein –? Nein, drunter steht: „Material: Stahl, Kunststoff“. Und was in aller Welt haben sich die Repräsentanten der damaligen Sowjetunion gedacht, als sie diese handgroße Roboterstatue einpackten, zusammengelötet aus Schrauben und Elektronikbauteilen?

Oh, drei ganze Vitrinen voller Elefanten! Das ist die (künstlerisch weniger anspruchsvolle) Sammlung von Exkanzler Kohl, der offenbar ein Faible für die Dickhäuter hatte. Ein paar Schritte weiter ein Geschenk von Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten, aus den 80er Jahren: Ein halbmeterhohes Buch, auf dem Buchdeckel das in Messingblech getriebene Konterfei des Herrn Reagan höchstselbst; Titel: „Ronald Reagan — The President Of Courage“. Lediglich die Nase wirkt etwas abgenutzt.

Wer genug hat von Glanz und Gloria, kann sich irgendwo hinsetzen und den Besuchern lauschen. „Hast du gesehen? In dem CD-Kasten für Herrn Sauer waren alle CDs noch original eingeschweißt!“ — „Schau mal, da klebt ein Barcode …“ — „Die haben bestimmt extra einen Beamten, der sich Geschenke ausdenken muß.“ — Häufig fällt das Wort „eBay“. Und überhaupt: „Wem gehört das ganze Zeug eigentlich?“ — „Na, mir zum Glück nicht!“

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Die Völklinger Gebläsehalle ist einer der schönsten Ausstellungsorte im Saarland. Vor den stählernen Sauriern des alten Werkes wird jedes Gold in die richtige Perspektive gerückt — und die Ausstellung „Staatsgeschenke“ ist geeignet, auch den griesgrämigsten Besucher in gute Laune zu versetzen. Für die 12 Euro Eintritt (unermäßigt) kann, nein, sollte man sich auch das alte Stahlwerk noch anschauen; anschließend sind Kaffee und Kuchen im Café Umwalzer fällig, und so kann das ein richtig runder Tag werden — wenn man viel Zeit und gutes Schuhwerk mitbringt. Ich kann es nur empfehlen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2010.