Postkarte: Tag am Meer

Die erste warme Zeit des Jahres verlangt nach einem Tag am Meer, und wenn schon nicht Meer, dann zumindest am Wasser und im Querformat, weil man ja jetzt schon Stunden in den Wiesen liegen könnte, ohne sich ein kaltes Kreuz zu holen. Schöner als ein Tag im Liegen aber ist ein Tag im Laufen, und noch viel schöner ist ein Wandertag dann, wenn man eigentlich Besseres zu tun hätte. (Nichts Besseres natürlich, nur vernünftiger, nützlicher womöglich.)

Also zogen zwei, statt Nützliches zu tun, an den mittleren Rhein, genauer gesagt in die Rheinauen auf der Höhe von Ingelheim. Es wurde ein denkwürdig schöner Tag am Meer.

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Wiese.

Text ohne Bilder

Klick: Der Stockenterich mit seinem schönen Hals droben auf der Mauerkrone im Innenhof; schon zum Sonnenbad zurechtgelegt, prüft er noch einmal die Richtung meines Fensters, ein gelber Augenpunkt auf Grün. Nicht im Bild: Spreizen und Strecken und eine Pirouette vor dem Niederlassen. Auch nicht der Fluß, einen halben Kilometer entfernt.

Klick: Die Gruppe Männer vor dem portugiesischen Lokal, schwarze Schöpfe und knallige Polohemden; mittendrin ein Junge, vielleicht fünf und tränennaß, umklammert den Pfahl des Einbahnstraßenschildes. Die Männer wenden sich ihm zu, lächeln; einer streckt die Hand aus, um ihm den Kopf zu tätscheln, und nickt mir dabei zu. Nicht im Bild: das »Maaaaama, Maaaaaama!« des Kleinen.

Klick: Der Blick Richtung Hafen von einer Atemwolke verschleiert, ein roter Schirm unterm blassen finnischen Himmel, davor ein Schild: MANSIKAT, frische Erdbeeren. Die Marktfrau verkriecht sich tiefer in Schal und Wollmütze; keine Kundschaft, nur ein paar Zentraleuropäer mit Fotoapparaten und in sicherlich zu leichter Kleidung. (Dieses Bild habe nicht ich nicht gemacht.)

Ausflugslokale

Wo sie sind, ist sonst nichts, und so bleiben sie sich treu — sie können es sich leisten. Sie entstehen, wenn Sehenswürdigkeiten und Geschäftssinn zusammenkommen: die mobile Bratwurstbude neben der schönen Aussicht und auch der geflieste Vollprofibewirtungsbetrieb mit Spielgelegenheit (Eltern haften für ihre Kinder). Manche erreicht der staubige Wanderer, sein Glück kaum fassend, nach stundenlangem Fußmarsch durch die Natur; andere locken mit asphaltiertem Riesenparkplatz die Sonntagsfahrer an.

Alle versprechen sie Schatten, Eis am Stiel, allgemeine Erquickung. Die kommt verschieden daher: In manchen Lokalen sitzen Einweg-Gäste auf wabbeligen Plastiksesseln und vertilgen Heißheiß-Würstchen mit Mayonnaise aus dem Eimer, Trockenkuchen gibt’s mit Sprühsahne. In anderen wird mit Liebe gekocht, Feldarbeiterportionen mit Salatgarnitur und hinterher ein Filterkaffee, und man hofft, vielleicht erkennen sie mich hier ja wieder, im nächsten Jahr oder im überübernächsten.

Der Besuch von Ausflugslokalen wird leicht eine Reise in die Vergangenheit, zehn bis zwanzig Jahre mindestens. In ihnen erhalten sich Raumausstattung, Speisekarten, Umgangston weit über ihre natürliche Dauer hinaus. Dazu vielleicht, vielleicht auch nicht, der Härtetest: Musik.

Die meisten sieht man einmal und nie wieder. Ausflugslokale kann man lieben oder hassen, eine Wahl hat man nicht; man füllt den Magen, leert die Blase und nimmt hinterher eine mehr oder minder gute Geschichte mit.

Feuerschiff im Hamburger Hafen; bei Regen.Schild, irgendwo auf der ToiletteLokal-Huhn in Westfalen. Noch denkt es, man könne Kameras essen.Gaststätte in Rheinland-Pfalz; vor dem Regen. Aus dem Museum für Ausflugslokale, Rheinland-Pfalz.