Kleider machen Leute – don’t try this at home.
Falls Sie etwa die Federboa suchen sollten, zu der geht es hier entlang. Ich möchte heute lieber vom Garderobenbügel erzählen. Mittlerweile ist Gras über die Sache gewachsen, deswegen kann ich das ruhig.
Mit Frau Amsel war ich im Theater, in so einem Studioding, hübsch über den Dächern der Stadt, da nimmt man Treppensteigen gern in Kauf. Foyer und Bar waren gleich vor dem kleinen Saal, und da war auch die Garderobe. Die bestand aus nichts als einer Kleiderstange voller Bügel; wer wollte, der konnte.
Und an dieser Kleiderstange hing, unter lauter unauffälligen Geschwistern, er. Der Garderobenbügel. Frau Amsel, die meine Hobbies kennt, hängte gleich ihre Jacke darauf. Was aber nun? Stehlen, an einem Ort, den wir sicher wieder besuchen wollen würden? Ein Theater, und sei es auch nur seine Garderobe, schädigen?
Ich beschloß: fragen kostet nichts, stehlen kann man notfalls immer noch, und wandte mich an den Kartenabreißer. Wer für die Garderobe zuständig sei? Oh, sie könnten keine Garantien übernehmen, jeder Besucher sei gehalten, selbst auf seine … Neinnein, wie man zum Beispiel an so einen Bügel käme? Da wäre so ein interessanter … Der junge Mann stutzte. Ein Bügel? Also, er sei da leidenschaftslos. Wenn wir es nicht allzu auffällig machten – er habe nichts gesehen.
Frau Amsel nahm nach der Vorstellung ihre Jacke über den Arm. Den Bügel darin, den habe ich jetzt. Hier ist er.

Ich danke herzlich allen Beteiligten.
Kategorie: Erzähltes
Das Eigenkleid
Kleider machen Leute: zur Information.
Vor gut hundert Jahren waren Frauen in Europa dabei, immer energischer ihre Rechte durchzusetzen. Ein äußeres Zeichen dafür wurde die Kleidung: das Korsett, bisher Zeichen von Status, Anstand und Weiblichkeit, hatte allmählich ausgedient. Aus Amerika waren neue Ideale von Gesundheit und Zweckmäßgkeit in die Alte Welt gedrungen und hatten, vereint mit den schon länger wirkenden Kräften der Lebensreform, dafür gesorgt, daß Schnürmieder und Krinoline in Frage gestellt wurden. Das letzte Wort hatte, wie so häufig, der Krieg; der verlangte, daß Frauen alltagstauglich und manövrierfähig waren, und so geriet alles Einengende, Unpraktische schließlich ganz aus der Mode.
Eine Vorreiterin der neuen, praktischen Kleidung war Anna Muthesius (1870 bis 1961), Frau des Werkbundgründers Hermann. 1903 veröffentlichte sie ihr Buch Das Eigenkleid der Frau. Darin ermutigt sie Frauen, sich nicht dem Diktat der wechselnden Mode zu unterwerfen, sondern selbst zu entscheiden, was sie tatgtäglich tragen wollen. Ihre Entwürfe zeigen, wie man den Anforderungen des Alltags gerecht werden kann: hoch angesetzte Taillen für maximale Bewegungsfreiheit, schmale Ärmel, die nicht bei der Arbeit stören, kaum Schleifen, Bänder, Rüschen und sonstiger Zierat.
Dem Anspruch an Schönheit wird Muthesius durch geradezu künstlerische Gestaltung gerecht. Die Stoffe sollen leicht verfügbar und stets von bester Qualität sein, pflegeleicht und auf Langlebigkeit ausgelegt. Die Verarbeitung ist entsprechend aufwendig; die Wahl von Farben, Mustern, Zierelementen gehorcht nicht der aktuellen Mode, sondern einzig dem, was der Trägerin am besten gefällt. Diese Kleidung machte unabhängig – selbst entworfen, selbst hergestellt und sehr haltbar, sollte sie ihrer Trägerin nicht zuletzt die Ausgaben für jährlich wechselnde Kollektionen sparen.
Bilder zeigen Anna Muthesius in einem Kleid mit großzügigen Jugendstil-Applikationen – eigen, ja. Schön finde ich sie ebenso, die dunkelhaarige Frau mit der stolzen Haltung. Ihre Idee ist interessant – wie auch, warum sie sich nicht durchgesetzt hat.
Drunter & drüber
Kleider machen Leute, jetzt mit Kleinanzeige.
Ich habe einen Koffer weiße Wäsche geerbt, Aussteuer von vor vielleicht hundert Jahren aus einer befreundeten Familie. Zarte Baumwollhängerchen mit geometrischen Musterkanten, gesteppte Jäckchen mit Rüschen überall, bauschige Unterhosen mit knöpfbarer Klappe; sogar eine Nachthaube ist dabei.
Ich schaue mir die Sachen gerne an, die Stickereien, die weißen Stoffe, luftig für den Sommer, wärmend für den Winter. Von Hand hergestellt, verziert und mit Monogramm versehen, waren das richtige Wertsachen. Viel zu schön, um zu verstauben; eigentlich sogar zu schön, um drunter getragen zu werden.
L., die neulich zu Besuch war und die solche Dinge mag, meinte: dann trag’s doch drüber! Und in der Tat, manchmal lohnt es sich, das Unterste zuoberst zu kehren. Die Besitzerin der Wäsche hätte sich vor hundert Jahren keinesfalls so unter Leuten gezeigt; ich hingegen bekomme gesagt: oh, was für eine schöne Bluse, hast du die neu?
Nicht so super
Ein Text für Kleider machen Leute, diesmal zum Buchstaben C.
Ich war noch recht klein, da besaß ich für den Winter einen Kapuzenumhang aus grauem Wollstoff, bretthart und eng; wenn ich irgendetwas machen wollte, mußte ich dazu die Arme durch zwei Schlitze stecken (wobei immer, immer die Pulloverärmel hochrutschten) oder besser gleich das ganze Ding ausziehen. Meine Mutter fand es sehr schick, sie hatte so eins in beige, und sie nannte es auch nicht einfach Jacke – ich war in der Phase, in der man sich alle Wörter geschrieben vorstellen muß, also schrieb ich in Gedanken: Keeb.
Eine ganze Zeit war Keeb für mich ein Wort. Häng dein Keeb ordentlich auf. Es regnet, zieh die Kapuze vom Keeb über. Wo hast du schon wieder dein Keeb gelassen? Das Keeb ist für mich mit diesem widerspenstigen Lodenstoff verbunden, mit der Orientierungslosigkeit unter Kapuzen, die Sicht und Hören nur nach vorne zulassen, mit kalten Armen und mit Geschimpftkriegen.
Später erfuhr ich, daß das wohl ein Cape gewesen war, zumindest eine Art davon. Ein Cape! Glamour, Romantik, Superhelden! Das hat das Konzept für mich aber auch nicht mehr gerettet.
Die Bundfaltenhose
Zu Kleider machen Leute — einfach unwiderstehlich.
Als Kind hatte ich eine Hose, die bauschte sich im Sitzen immer so doof im Schoß. Ich lernte: das ist eine Bundfaltenhose, weshalb es jedes Mal hieß, wenn es um die Kleidung für den kommenden Morgen ging: aber nicht die Bundfaltenhose!
Kürzlich wollte der Mann einen Anzug. Im Laden brachte der Verkäufer einen und reichte ihn in die Kabine. Nadelstreifengeraschel; dann trat der Mann hinter dem Vorhang hervor und guckte an sich runter. Stellte sich x-beinig. Rutschte vorm Spiegel so ein bißchen seitwärts hin und her. Sagte: Hm, komisch. Ich aber wußte gleich, womit wir es hier zu tun hatten: Eine Bundfaltenhose! Wie sieht das erst im Sitzen aus!
Der Verkäufer zog die Augenbraue hoch. Das andere Modell hat auch eine Bundfalte, sagte er zum Mann.
Dann möchte ich bitte ein Modell ohne Bundfalte.
Tut mir leid, wir haben im Moment nur Modelle mit Bundfalte.
Wieso, zum Uhu, das denn?
Das trägt man heute so.
Es wurde dann also kein Anzug; der Mann wollte nicht aussehen, als trüge er einen Schwimmring in der Buxe. Schon gar nicht aus modischen Gründen. Mal sehen, wie lang es dauert, bis die Bundfalte wieder da ist, wo sie hingehört: in der Versenkung.
Nachtrag: Herr Ferrer von untrans.eu hat eine wunderbare Illustration zum Thema erstellt. Ich sage nur: Flecken! Fliegen! Problemzonen in mehreren Sprachen!
Ich hatte mal ein Abendkleid.
Beim Herrn Wortmischer: So was Hübsches, so viele schöne Geschichten, und ich finde es erst jetzt!

Eigentlich ist es schon vollständig, aber da sich noch keiner um das Abendkleid gekümmert hat, mach ich das eben rasch.
Meine Mutter hatte es sich selbst genäht: astrein 60er, schulterfrei und fußlang, vorne Schlitz, hinten Schlitz, aus fieberrotem Samt. Mir paßte es perfekt, nur: was damit machen? So mit siebzehn? Zumal ich gar nicht tanzte?
Ich wechselte die Lebensumstände und die Städte, und immer hing im Schrank das rote Kleid. Manchmal zog ich es einfach so an; doch, paßte perfekt. Die Mitbewohnerinnen staunten.
Irgendwann fehlte einer, A., ein spektakuläres Gewand. Klar, ich lieh ihr mein Kleid. Sie war deutlich kleiner als ich, das glich sie mit hohen Absätzen aus; dann besorgte sie sich noch Handschuhe bis zu den Ohren, und abends gingen wir auf das Fest.
A. und ich nahmen bald getrennte Wege, aber für ihr Kleid bekamen wir beide Komplimente. Spät am Abend sah ich sie, wie sie mit hochrotem Kopf in Richtung Bad stürzte. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, daß sie Salatsoße verschüttet und sich von oben bis unten bekleckert hatte.
Mit einem „Sorry!“ bekam ich das Kleid von A. zurück. Die Flecken hatte sie halbwegs herausbekommen, doch der Samt, ein nachtragendes Gewebe, der war hin.
Ich behielt das Kleid noch eine Weile im Schrank, nur: keine Reinigung half, und Stoff für eine neue Vorderseite war nicht mehr zu bekommen; irgendwann muß ich es doch weggetan haben, sicher schweren Herzens. Andererseits brauchte ich es doch wirklich nicht, und heute kann ich staunenden Zuhörern erzählen: wißt ihr, ich hatte mal ein Abendkleid, oh ja, fußlang aus Samt, in Fieberrot. Echt wahr.
Weit weg
Seit seine Frau gestorben ist, nach kurzer schwerer Krankheit, ist ihm die Zeit zu weit geworden wie ein ausgeleierter Pullover, oder er ist geschrumpft, daß er sich drin verheddert, manchmal.
Manchmal sitzt er morgens, nichts im Blick, und schaut er auf die Uhr, ist schon vier, wird sie ihn gleich rufen zum Kaffee; doch wie es dunkel ist, sitzt er da immer noch. Manchmal klingelt ein Telefon im Haus, soll sie mal drangehen, sie hatte das Telefon lieber als er, immer schon. Kommen Leute und reden — nicht sie, sie täte das nicht, nicht so — von Terminen oder Unterschriften oder Medizin, aber muß er nur die Augen schließen: davon geht das alles restlos vorbei, ganz ohne ihn. Macht ihr nur, macht nur.
Viele Tage sind Nacht, wenn er aus dem Fenster schaut. In der Nacht ist der Garten schön.
Wie soll’s schon gehen, jedem, wie er’s verdient, und: Unkraut, nicht wahr; er flüchtet sich in Worte, in die kein Kummer je gepaßt hat. Seinem Sohn, der ihn wöchentlich besucht, scheint er gefaßt, ja, heiter.
Nur das Stückchen noch. Ist nicht mehr weit. Sagt sie; und sie muß es wissen.
Beitrag zum Projekt *.txt (16: Distanz).
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Tanz
Ist hier noch frei?
Klar, wieso nicht?
Du wartest sicher auf jemanden …?
Meine Beste hat mich versetzt; aber das hält mich nicht ab, rauszugehen. Und du?
So ähnlich. Eine Freundin wollte vielleicht noch kommen.
Ah, dann haben wir wohl beide Glück gehabt.
Wenn du so lächelst, muß ich dir das glauben.
Na, jetzt lächelst du endlich auch. Vorhin sahst du so ernst aus.
Ist eine ernste Sache, jemandem wie dir näherzukommen …
Oho, da sind wir uns also schon nähergekommen?
Hoppla, das war ein Freudscher. Da war der Wunsch —
Das war ein Witz. Komm, gehen wir. Wenn wir uns schon näherkommen, will ich dich wenigstens in Ruhe kennenlernen.
Noch ein Witz?
Voller Ernst.
***
Wann bist du zurück?
Warte nicht auf mich, kann später werden.
Wer sagt, daß ich auf dich warte!
Ich meine ja nur. Vielleicht schaffe ich die letzte Bahn nicht, ich hab Bekannte da, mach dir keine Sorgen.
Sorgen –! Ich sehe dich nur noch zwischen Tür und Angel, wohnst du wirklich hier?
Jetzt fang doch nicht schon wieder an.
Du weichst mir aus …
Wir reden drüber, ja? Ich muß los. Warte nicht auf mich. Wird sicher spät.
***
Ist hier noch frei?
Ja, sicher. Bitteschön.
…
Beitrag zum Projekt *.txt (15: Tanz).
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Diese Leute
Diese Leute denken nicht von zwölf bis Mittag, aber die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was, sitzen da auf ihrem Platz in der Welt und denken, oder nein, denken nicht, müssen die nicht, wissen, daß das so ist und bleibt und von Ewigkeit zu Ewigkeit und so weiter, sitzen im gemachten Nest aus Meinungen und Maßstäben, alles schön klar: so ist’s richtig, so ist’s falsch, richtig: Sonderangebote, Auto waschen, Rasen mit Petunienrand, falsch: Schwule, Asylrecht, Loch in der Hecke, sitzen zu Gericht über den Rest der Welt, die Nachbarn, die Familie, die Politiker, die Ausländer, die da oben und die Assos, sitzen zu Gericht, wissen alles besser: die müssen doch nur, da sollte mal einer drein-, schlagen, überhaupt: Schläge, immer probates Mittel, haben noch nie geschadet, und da sitzen sie dann, kleinkreditwürdig, sparfuchsig, selbstgerecht, diese Leute, die da sitzen und keinem gönnen, keinen gelten lassen, diese Leute, die nur sehen, was sie sehen wollen, und gleich dabei mit dem Urteil, diese Leute habe ich ja noch nie verstanden.
Beitrag zum Projekt *.txt (13: verstehen).
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Selbstbildnis im Wasserspiegel eines Putzeimers
Da, ein Auge, da der Mund; der Schaum dazwischen,
der noch die Nase und die Stirn verdeckt,
steht knisternd, seifenbläschengleich. Ich gehe wischen,
weil’s sein muß; weil man ja nicht gerne ganz verdreckt.
Das klare Wasser mit dem hellen Schaum darüber
wird, je öfter ich den Lappen in es tauch‘,
erst gräulich, grau dann, matter, trüb und trüber,
und mein Gesicht in seinem Spiegel wird es auch.
Die Tage gehen, und es bleibt der Schmutz. Die Lieder,
die ich beim Putzen sang, zerstäuben wie die Zeit;
ich sang sie nur, um mich zu motivieren.
Im Wassereimer steht mein Bild in Schlieren.
Die Frische ist dahin. Ach, die Vergänglichkeit:
der Schaum zerfiel. Und morgen alles, alles wieder.
Beitrag zum Projekt *.txt (11: Schwermut) und zugleich ein Haushaltssonett.
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