Gestern früh beobachtete ich im Zug, wie auf der Rheinstrecke in jeder Stadt Männer zustiegen, jung bis höchstens mittelalt. Gruppen, Rudel, Horden von ihnen, mit krachneuen Lederhosen und grellkarierten Hemden unter den Jacken, mit Strickstrümpfen und lärmender Laune in sämtlichen Dialektfarben, die man am Rhein so spricht.
Sie alle machten sich auf gen Süden — langes Wochenende, da geht’s auf die Wiesn!
Mobilmachung. Ein Glück, daß sie einigermaßen friedlich ist.
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Schlagwort: Geschichtchen
Lektüren
Ich sitze im Bus und lese in meinem Unterwegsbuch. Hinter mir ein Pärchen, Anfang 20, sehr verliebt; die beiden haben die Köpfe über einem Smartphonebildschirm zusammengesteckt und sind ins Gespräch vertieft.
Er: »Das zweite versteh ich nicht.«
Sie: »Eifert nicht? Ich verstehe das so, daß sie sich nicht aufregt … hat keinen Eifer oder so, also entweder ist sie da oder nicht.«
»Ah, ja, das kann sein …«
»Weiter: treibt nicht Mutwillen …
Eins zu Null für die Evolution
Ein vielleicht Fünfjähriger, im Dinosaurierkostüm mit Pappmaché-Zähnen, rennt auf der Straße hinter einem Fremden her: »Raaaaah!« — Der Mann brüllt zurück: »Hau bloß ab!«
»Raaaah! Ich fresse dich!«
»Kannst du gar nicht!«
»Dohoch! Ich bin ein T-Rex!«
»Genau! Du bist ausgestorben!«
»Oh. Mist …«
Älter werden
Gestern kam mir in der Stadt ein vielleicht vier-, fünfjähriges Mädchen an der Hand seiner Eltern entgegen. Vater und Mutter redeten auf das Kind ein und tauschten Blicke, während das Mädchen versuchte, sich loszureißen: »Doch! Der war echt! Das war ein echter Mann, der da saß! Der friert! Der friert doch!«
Da waren sie auch schon vorbei.
Der Bettler, ein paar Meter weiter um die Ecke, hatte nichts mitbekommen von dem Herzen, das für ihn übergesprudelt war.
Beitrag zum Projekt *.txt (14: Gewissen). Kürzer ging’s nicht.
Im Bus
Zwei junge Frauen unterhalten sich.
»Also es Vanessa, das hat seinen Freund aber auch ganz schön unterm Schlappen.«
»Wieso?«
»Also immer, wenn die zusammen mit dem Auto kommen, fährt es Vanessa …«
»Hä? Das versteh ich jetzt nicht.«
»Also wenn es ein Typ und ein Mädel sind, muß doch wohl der Typ fahren!«
»Findest du?« — Denkpause. — »Und wenn der vielleicht gar keinen Führerschein hat?«
»Jaaa, vielleicht … aber trotzdem –!«
Mal ehrlich
Als ich heute der Metzgerin im Bioladen sagte, daß sie mir zwar Schwein und Rind in die Tüte gelegt, aber nur Rind abgezogen hätte, war sie baff. So ehrlich, meinte sie, seien aber nicht viele.
Ich habe nachgedacht. Ich würde mich nicht als außergewöhnlich ehrlich einstufen. Aber einen Bioladen betuppen, das fiele mir im Traum nicht ein. Wäre für mich unterste Schublade. Die gleiche Kategorie wie Säuglingen den Schnuller klauen oder blinden Bettlern den Hut ausräumen.
Oder bin ich da übermäßig skrupulös?
Gänsehaut
Ich stand im Supermarkt an der Kasse, da hörte ich, wie hinter mir jemand sang, leise, erst beim dritten Mal Hinlauschen wahrnehmbar. Die Worte waren fremd, Hindi vielleicht; ein Hymnus an die Sonne oder eine Einkaufsliste, weich und fließend wie die Melodie. Und die Stimme: eine Gänsehautstimme. Weder alt noch jung, nicht ganz männlich und nicht ganz weiblich, nur warm und sanft, gemacht für wirksame Beschwörungen.
Ich ließ mich hypnotisieren, träumte mir Gestalten und Gesichter zu dieser Stimme, Landschaften, Schicksale, Begegnungen, wollte nur noch ein bißchen stehenbleiben … Die Schlange vor mir wurde viel zu schnell kürzer. Als ich mit dem Bezahlen dran war, drehte ich mich um.
Ich entdeckte einen Mann um die Dreißig mit verfilztem Haar. Er starrte geradeaus und schwankte leicht vor und zurück; sein kreischroter Pullover war durch die Löcher im Mantel erkennbar, während er ein paar Bierflaschen an sich drückte. Kein Zweifel, er war mein Sänger.
Das war die zweite Gänsehaut an diesem Tag.
Der Käse des Bösen
Im Käseladen. Die Käsefrau schneidet mir ein ordentliches Stück vom Üblichen ab. Batz, landet der Käse auf der Waage; die Leuchtziffern beruhigen sich: „Macht sechs Euro sechsundsechzig!“
Ich schlucke. Krame im Portemonnaie, in den Manteltaschen, in den Hosentaschen. „Das ist ja schrecklich — da muß ich anschreiben lassen. Ich habe nur noch fünf Euro fünfundfünfzig.“
Den Euro elf hab ich ihr dann später vorbeigetragen.
Loriot lebt
Samstags im Käseladen. Die Schlange ist schon beträchtlich, als ein älterer Herr an die Reihe kommt. Beige Jacke, vernünftiges Schuhwerk, Typ pensionierter Studienrat.
Er erklärt, er habe am Abend Gäste, und da wolle man sich zum Wein etwas Schönes gönnen. Voller Elan verlangt er ein Stückchen hiervon, ein Stückchen von diesem, von jenem und dem dort drüben — nein, dem anderen — und ein Viertel davon. (Die Warteschlange scharrt mit den Füßen.) Achja, den da hätte er fast vergessen, den esse sein Schwager so gern. Der dort sei aber wohl nur für den Export gedacht, den wolle er nicht. Das Original habe er bei seinen jährlichen Schweiz-Aufenthalten genossen, aber so etwas bekomme man nicht überall. (Irgendjemand verschluckt sich und hustet. Der Gesichtsausdruck der Käsefrau wird immer sparsamer.) Dafür aber noch zwei Scheiben von dem da, aber bitte nicht so ein löchriges Stück (einer aus dem hinteren Teil der Schlange geht), und ein kleines Stückchen — nicht so viel! — von dem dort, zum Probieren. — „War es das jetzt?“ — „Jaja, das sollte genügen.“ — „Macht dann … <Betrag deutlich unter zwanzig Euro>.“
„Oh, haha, na, das ist ja nicht ganz billig. Aber bei Käse“, wendet er sich an das zahlreiche und eisern schweigende Publikum, „bei Käse kenne ich keine Grenzen.“
Emanzipation
Ich habe früher gern für Gleichbehandlung der Geschlechter gestritten. Von daher hätte ich eine Soldatin in Uniform gar nicht besonders anstarren müssen. Die aber, die sich im Zug neben mich setzte, war ein … Prachtexemplar. Darf man das sagen?
Sie hatte die kastanienbraunen Haare kunstvoll hochgesteckt (soweit ich das unter dem Barett beurteilen konnte); ihre farbenfrohe Brille konkurrierte mit perfektem Makeup. Als erstes holte sie die Gala aus dem Rucksack, legte sie auf ein Tarnhosenknie und blätterte andächtig im Modeteil. Ich dachte darüber nach, ob man mit manikürten Dezimeterkrallen (mit eingelassenen Glitzersteinchen) Gewehre putzen kann. Nachdem ich gesehen habe, wie sie auf ihrem Klapphandy SMS tippte, glaube ich: man kann.
Über der ganzen Erscheinung schwebte eine Wolke schweren, süßen Duftes, die sie vollends surreal machte. Später erzählte sie fröhlich, sie habe sich für acht Jahre verpflichtet, Panzerartillerie.
Ich dachte: Schwester, ich hätte zwar Zivildienst gemacht. Aber die Bundeswehr ist anscheinend nicht mehr, was sie mal war. Und das ist doch auch schön.