Happy End II

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So schön: schwarz natürlich, aus Seide, mit elegant geschwungener Schellackkrempe und hohem Kopf – ein Zylinder! Schön wie Frackschöße und Stockschirm! Gerne hätte ich selbst einen getragen als junges Ding, doch wurde ich bei keinem Trödler in meiner Größe fündig; und neu? Aussichtslos.
Was also lag näher, als einen guterhaltenen Chapeau Claque zu erstehen und ihn dem Liebsten zu verehren? Der lieh sich einen Frack dazu, legte einen weißen Seidenschal um den Hals und ging mit mir aufs Fest.
Mit Hut und Schuhen war er nun zweizwanzig lang; biegsam und schnell und mit blitzenden Augen. Er überstrahlte den Saal, schwarz und weiß. Alle drehten sich um nach ihm, viele tanzten mit ihm; als aber das Fest vorbei war, da kam er für den Rest der Nacht, was Frack und was Zylinder!, heim mit mir.
P.S.: Was ich anhatte an diesem Abend? Das hier.
 
 
Das war mein ganz persönliches A–Z im Gefolge des „Projekts Kleider machen Leute“, wo sich jede Menge witziger, warmer, frecher, herzzerreißender Texte quer durch den Kleiderschrank gesammelt haben. Herzlichen Dank an den Herrn Wortmischer, dessen Geduld ich strapaziert habe; mir war es ein Vergnügen! Und Chapeau vor diesem Organisationstalent!
 

Happy End I

Kleider machen Leute – Endspurt! Mit Y!
 
Einmal mußte ich in die Sportabteilung. Ich brauchte eine bequeme Hose, vulgo Turnhose. Sie sollte keine Bündchen unten haben (wie die gefürchtete Schoggingbuxe) und keinen Steg, sie sollte möglichst plastikfrei, dazu ohne Glitzer, Aufdruck und Stickerei sein, am liebsten einfarbig, bequem in allen Lagen, gut sitzend ohne Gebembels vorm Schritt, keine verwickelten Verschlüsse, lang genug, daß sie die Knöchel auch ohne Socken wärme, problemlos waschbar; gutes Aussehen wäre selbstredend kein Hindernis. Ich war fest überzeugt, daß ich nichts bekommen würde, als ich der Verkäuferin erklärte, was ich wollte.
Die strahlte mich an: Da hab ich genau das Richtige für Sie. Nehmen Sie doch einfach eine von unseren Yogahosen!
Und, was soll ich sagen, sie hatte recht.
 
 
 

Man weiß nie, wozu's gut ist.

Kleider machen Leute: auch für Problembuchstaben.
 
Wanderschuhe? Selbstverständlich gibt es auch was über Wanderschuhe. Und dann endlich etwas über X-Bein-Einlagen:
In noch zartem Alter verbrachte man mich in die nächste ernstzunehmende Stadt, wo meine Mutter ein Sanitätshaus und Orthopädiefachhandelsgeschäft untadeligen Rufs kannte: Es war nämlich, als es eines Tages dem Planschbecken entstieg, der Verdacht gekeimt, das Kind, also ich, könne X-Beine kriegen.
So stand ich in einer Orthopädiewerkstatt und schaute die Holzbeine an, die an der Wand aufgereiht lehnten. Die längsten gingen mir bis zur Brust. Auch Arme gab es, und Hände in Handschuhen, mit locker gekrümmten Fingern. Es roch nach Leder und Leukoplast, das Licht war sehr weiß, wie die Kittel derer, die hier arbeiteten. Der Boden glänzte mit Trampelpfaden auf dem Linoleum. Weiter oben wurde über Knick, Senk und Spreiz verhandelt; und, jaja, wohl besser Einlagen, denn man weiß es nicht. Also X-Bein-Einlagen.
Dann kam Herr Okupski, auch er im weißen Kittel. Herr Okupski trug einen mönchischen Haarkranz und eine Brille, die seine Augen gigantisch vergrößerte. Bevor ich Angst bekommen konnte, ließ er mich in blaue Tinte treten, über Papier laufen, in Kisten steigen und packte schließlich meine Füße in Gips; der wurde beim Trocknen warm, ehe Herr Okupski ihn mit einer ungeschlachten Schere aufschnitt. (Die Gipsmodelle standen jahrelang in meinem Bücherregal.) Ich habe keine Ahnung, wie lang das alles dauerte, aber ich fühlte mich bestens unterhalten.
Die Einlagen holten wir zwei Wochen später ab; sie waren mit glattem braunem Leder überzogen und unnachgiebig. Ich trug sie einen Winter lang in den Stiefeln, im nächsten paßten sie nicht mehr. X-Beine bekam ich keine. Ich lege Wert darauf zu glauben, daß ich das Herrn Okupski zu verdanken habe.
 
 
Nachgetragen, weil’s paßt: Zu Jules van der Leys Die Läden meiner Kindheit.
 

Untendrunter sind wir alle nackt

Kleider machen Leute – statt Kleidungsstück mit U: unbekleidet.
 
Als Jugendliche habe ich einen Aktzeichenkurs gemacht. Eine ganze Woche hatten wir ein und dasselbe Modell, A., eine Frau mit schwerem Körper, ebensolchem Haar und Sommersprossen; mal hielt sie (was ich bewunderte) zwei Stunden still für uns, mal bewegte sie sich in Zeitlupe, mal zeichneten wir sie in Aktion. Das ist so lange her, daß ich kaum mehr etwas davon weiß, aber an eine Sache erinnere ich mich gut: wie ich Schultern, Brüste, Hals zeichnete, Verkürzungen analysierte, Knie und Hintern genauer denn je betrachtete, um sie auf großformatige Papiere zu bannen – und wie das plötzlich aufhörte.
Auf einmal sah ich da nicht mehr Rücken, Arme, nackten Bauch einer Frau, ich verlieh keine Adjektive mehr: nicht sommersprossig, nicht uneben, nicht straff oder überbordend, sondern ich sah Bewegung, Linie, Lichtfall, ich sah einen Körper, der alle Körper hätte sein können, und das war, dieser Körper war unendlich schön.
Ich muß einen Laut von mir gegeben haben, denn alle drehten sich um nach mir, auch A. Sie lächelte kurz, ehe sie wieder ihre Pose einnahm. Vielleicht wußte sie, was sie mir in diesem Moment geschenkt hatte.
 
Verkleidet hingegen geht es hier zu.
 
 
 

T-Shirts, bedruckt

Kleider machen Leute – Beschwerdestelle.
 
Es ist nicht so dauerhaft wie tätowierter Text, doch auf T-Shirts tragen Leute ganz schönen Quatsch spazieren. Einerseits selbst ausgesuchten und formulierten Blöd-, Un- oder Hintersinn, aber eben auch das, was halt so draufstand auf den Hemdchen im Dreierpack. Da werden irgendwelche Golf-, Polo- und Segelclubzugehörigkeiten behauptet oder Wörter wie Sonnenschein, lieblich oder gute Zeiten randomisiert zu Mustern zusammengebraten – ist ja egal, liest sowieso keiner, und ist obendrein Englisch.
Stimmt nicht! Beispiel: Meine Mitschülerin hatte ein T-Shirt, auf dem stand What’s do? Chap! I saw a flying saucer! Sie saß damit ein paar Schulstunden lang in meinem Blickfeld, zu einer Zeit, da wir noch nicht einmal Englisch hatten. Und ich weiß das immer noch! Wieder Gedächtniskapazität für nichts und wieder nichts verbraten.
Ich frage mich, wozu ich, wozu die Menschheit in der Lage wäre, wenn man uns das Hirn nicht derart vollmüllte – wir werden es wohl nie erfahren. Liebe Kleiderdesigner, laßt das doch bitte einfach bleiben.
 
 
 

Zur späteren Verwendung

Kleider machen Leute: Q wie Quilt.
 
Die Textilkünstlerinnen stellten aus, Gestelle und Vitrinen voller verfremdeter, zerstörter, umgedeuteter Dinge aus Stoff; ganze Geschichten, mit Nadel und Faden erzählt. Ein Stück fiel schon von weitem auf: Hinter Glas leuchtete ein Quilt in allen Regenbogenfarben, ebenmäßig und harmonisch; viel, viel Arbeit mußte der gekostet haben. Darunter hing ein Schild: Die Krawatten meines verstorbenen Mannes.
Ein älteres Ehepaar blieb vor der Vitrine stehen, er offensichtlich weniger interessiert als sie; aber er zuckte doch zusammen, als sie mit leuchtenden Augen sagte: Ist das inspirierend! Guck mal, du hast doch auch so viele …
 
Mit R: gegen Regen die richtige Kleidung
 
 
 

Pantoffeln

Kleider machen Leute. Für jeden was dabei.
 
Als Kind trug ich sommers steife Holzpantinen mit einem lockeren Riemen. Damit war ich glücklich: die nahmen ein Bad im Bach nicht übel, man hatte sie schnell ausgezogen, und barfuß ist jeder Sommer besser; für Kinder auf jeden Fall.
Später hatte ich die üblichen Pantoffeln, die man halt so hatte; und dann lernte ich Puschen kennen. Die waren ungefähr das Gegenteil der luftig-genügsamen Holzvariante: man trug sie nur drinnen, und sie hatten Synthetiksohlen, Synthetikobermaterial, sogar Synthetikfutter; das alles war schnell ausgelatscht, dann aber erschreckend lange haltbar und nahm Gerüche auf wie der sprichwörtliche Schwamm. Fand ich furchtbar; und doch: auch diese Puschen wurden heiß und innig geliebt.
Tja. Eulen und Nachtigallen, und über Geschmack läßt sich nicht streiten, und wo die Liebe hinfällt, herrje. Da kann man wohl nichts machen.
 
 
 

Olles Gelump

Kleider machen Leuteoffensichtlich Geflicktes vs. ordentliche Kleidung.
 
Je älter ich werde, desto lieber habe ich Geflicktes. Es scheint mir ein Zeichen höchster Wertschätzung, ein Kleidungsstück am Ende seiner Lebensdauer mit etwas Arbeit und viel Liebe für eine Weile weiter in Betrieb zu halten. Ich mag das, zu sehen: da hat jemand gern, was er oder sie trägt. Da war etwas wert, repariert zu werden.
Manche pflegen die Praxis des offensichtlichen Flickens – mit andersfarbigen Garnen, mit fremden Stoffen oder sogar mit Schmuck. Das hat für mich Logik – nicht nur das Kleidungsstück wird in seiner Funktion bewahrt, sondern auch seine Geschichte. Das läuft allerdings bei den meisten Menschen nicht unter „ordentliche Kleidung“.
Sehr befremdet mich daher, daß man vorgeschädigte Kleidungsstücke kaufen kann, manchmal auch gleich vor-geflickt, unter üblen Bedingungen hergestellt und für ordentliches Geld. Als maße man sich etwas an, als würde man ein fremdes Leben, eine künstliche Geschichte von der Stange erwerben. Fake. Vielleicht wird Kleidung nicht mehr lange genug getragen für echte Gebrauchsspuren? Was für ein Irrwitz.
 
 
 

Böser Nicki

Kleider machen Leute – die Plüschigen, das sind die Bösen.
 
Im Kindergarten trug ich Nicki. Das ist dieser samtig-weiche Kuschelstoff, gestreifte Rollkragenpullis aus Nicki hatte damals jeder. Ich heulte, wenn ich den Nicki anziehen oder ausziehen mußte. Der tut weh, klagte ich, und meine Mutter meinte, so ein Quatsch, hör auf mit dem Theater.
Es stimmte allerdings. Die Rollkragen dieser Pullis waren enganliegend. So enganliegend, daß mein Kinderkopf kaum durchpaßte. Man zog und zerrte an mir, das Ding ziepte an den Haaren, quetschte Nase und Augen, daß ich weiße Kreise sah, dann machte es ritsch!, und die Ohren brannten wie Feuer. Ich fühlte mich malträtiert und protestierte.
Einmal war es wieder so weit, der Nicki mußte aus, Tränen und Geschrei, und plötzlich hieß es: wieso hat denn das Kind da Blut am Hals? Da hatte mir der Nicki die Ohrläppchen endlich einmal so angerissen, daß man auch richtig was sah. Es brauchte eine Weile, um zu heilen, und die Pflaster hielten schlecht, aber den Nicki war ich los.
Lebewesen dieses Namens begegnete ich noch Jahre später mit finsteren Blicken.