Große und kleine Schlachten

Qype-Beitrag zum Völkerschlachtdenkmal, Prager Straße, 04299 Leipzig; Bewertung: *** (von 5)

Das Völkerschlachtdenkmal und ich, ich und das Völkerschlachtdenkmal… Einmal im Jahr mußte ich hin.

Die DDR hatte noch ein paar Jährchen vor sich, ich fast einen halben Meter Wachstum. Die Luft der Stadt roch nach Kohlekraftwerk, und dazu paßte das Schwarzgrau des Steins. In meiner Vorstellung war es das Denkmal, von dem der Geruch ausging und sich über ganz Leipzig legte, bis in die Wohnstuben hinein.

Nach dem Entenfüttern strebten meine Tante und ich strammen Schrittes über die Wiesen dem Monument zu, ich im blauen Anorak, meine Tante mit Schirm und Mantel.

Wie eine plumpe Schachfigur hockt das Ding auf dem flachen Grund; schnell wird es groß und größer. Hinter dem frostigen Wasserbecken gibt es einen Eingang, der nicht einlädt. Rein mußte man trotzdem. Auch wenn es drinnen nicht viel wärmer war.

Stein auf Stein, zu groß für richtige Erinnerungen; höchstens waren die geschlossenen Augen der gigantischen grauen Krieger für Alpträume gut. Einmal hatte sich ein russischer Chor im Rund versammelt, um den minutenlangen Nachhall des Inneren für ein Konzert zu nutzen. Nun, es hat gehallt, und ich hatte hinterher Fieber.

De Völgorschlochd. Die hat man mir oft erläutert, und ich habe sie immer wieder gründlich vergessen. Nur diese eine dumme Anekdote blieb hängen, die von dem amerikanischen Touristen: Dem fällt zu allen volkseigenen Leipziger Sehenswürdigkeiten nur ein, tjaha, in Amerika gibt es das aber besser, größerer, schnellerweiterhöher. Als er nun mit seinem Stadtführer am Völkerschlachtdenkmal vorbeikommt, fragt er völlig hingerissen: That’s marvellous! Was ist das? Woraufhin der Guide die Achseln zuckt: Keine Ahnung, stand gestern noch nüsch da.

Neben diesem Witz ruht das Völkerschlachtdenkmal in meinem Gedächtnis, in der Abteilung für Nutzloses. Wer weiß, vielleicht schleppe ich ja dermaleinst meine Nichte dorthin. Falls sie mich ärgern sollte.

Schöne Aussichten

Qype-Beitrag zum Lutherischen Kirchhof, 35037 Marburg; Bewertung: ***** (von 5)

Marburg macht es Reisenden nicht leicht: Das Schloß hockt ganz oben auf seinem Berg, und die Altstadt schmiegt sich an die steilen Hänge drumherum — wer was davon sehen will, muß Treppen steigen und viel krummes Kopfsteinpflaster treten. Belohnt wird die Mühe mit märchenhaften Perspektiven und Futter fürs Fotoalbum.

mr-daecher1Auf halber Höhe des Schloßberges liegt die Lutherische Pfarrkirche und davor der Lutherische Kirchhof, mit einer breiten Mauer abgeschlossen. Was früher letzte Ruhestätte für Pfarrkinder der Marienkirche war, ist heute ein begehrter Parkplatz im Oberstadtbereich und bietet dem Wanderer Möglichkeit zur nicht gar so endgültigen Rast.

Die gotische Pfarrkirche aus dem 11. Jahrhundert wirkt unerwartet groß in Marburgs sonstiger Enge. Hier gibt es samstagabends um halb Sieben die “Stunde der Orgel”, ein kostenloses Orgelkonzert mit oft überraschendem Programm. (Um Spende wird gebeten.)

Mein Lieblingsplatz befindet sich jedoch draußen, vor der Kirche, unter den kräftigen Lindenbäumen. Hier laden Bänke zum Ausruhen ein, aber erst wenn man sich auf die Friedhofsmauer setzt (oder sich meinethalben daran festhält — direkt hinter der Mauer geht’s steil sechs, acht Meter in die Tiefe), hat man den Ausblick über die halbe Stadt.

Das Tal erstreckt sich bis zu den begrenzenden Lahnbergen. Die jüngeren und jüngsten Stadtteile Marburgs beginnen gleich am Fuße des Schloßbergs; bis ins 18. Jahrhundert war Marburg noch nicht viel mehr. Seither sind die Gründerzeitviertel dazugekommen, die Plattenbauten des Richtsbergs, die Marburger Einkaufs-Center mit ihren Parkhäusern und die Stadtautobahn, deren Rauschen bis hier dringt.

Mein Liebstes sind die Dächer der Oberstadt — vielfach durchbrochen von Giebeln, Erkern und Türmchen, sind sie kunstvoll in Ziegeln und Schiefer gedeckt und zeichnen mit dem Fachwerk abstrakte Bilder.

Zu jeder Tages- und Jahreszeit hat der Blick seinen Reiz, bei Sonne, Regen oder Schnee, aber am schönsten finde ich hier die Sommer, wenn spät und zögernd der Tag sich davonmacht und in der Dämmerung immer mehr Fenster aufleuchten. Dann kann man bestens mit einer Kerze und einer Flasche Wein auf der Mauer sitzen und den Abend feiern.

Klar, der Blick vom Schloß oben, von der efeubewachsenen Schloßmauer, ist spektakulärer, weiter und weiter weg von der Welt — aber ich habe meine halbe Höhe schätzen und lieben gelernt. Und: Es gibt einen Lieblingsplatz im Lieblingsplatz, aber den verrate ich nicht — den kennen nur Oberstadtbewohner, Schwindelfreie, die Vögel und die Stadtverwaltung.

Alte Liebe

Qype-Beitrag zu Friedhof am Barfüßertor, Barfüßerstraße, 35037 Marburg; Bewertung: ****(von 5)

Hier ruht in Gott Carl Lametsch, geboren den 11ten April 1813, gestorben den 24ten December 1837. Lange hat er nicht gelebt. Sein Grab liegt nun bald zwei Jahrhunderte am Hang des Marburger Schloßberges, auf dem Alten Friedhof an der Barfüßerstraße, und immer noch bleiben Menschen davor stehen, lesen die Inschrift und denken: Ach Gott, vierundzwanzig…

Der Friedhof, im 16. Jahrhundert vor den damaligen Toren der Stadt angelegt, nahm über 300 Jahre lang ihre Toten auf. Ein kleiner grüner Fleck am Berghang ist er heute, von einer hohen Mauer umfriedet, mit einem geteerten Rundweg und zwei Bänken zum Ausruhen.

Kühl und angenehm ist es hier an heißen Tagen. In den Büschen an der Mauer nisten Singvögel. Zweimal im Jahr wird gemäht. Zwischen den hohen alten Bäumen stehen vereinzelte Grabsteine, die Inschriften vom Regen ausgewaschen, altes Deutsch und Lateinisch gleichermaßen. Barocke Lebensbeschreibungen gibt es da und klassizistische geborstene Säulen, kunstvolle Steinmetzarbeiten und schlichte schwarze Gußeisenkreuze.

Eines davon wurde für Carl Lametsch aufgestellt, von seinen liebenden Eltern. Von einem Mädchen, einer Frau gar ist nicht die Rede … Er hatte ja nicht viel Zeit.

Ich denke über ihn nach, wenn ich an seinem Grab vorübergehe auf dem Weg in die Oberstadt, und über mich und die Dinge, die nie sein werden. Und dann muß ich lächeln, wenn ich die Blumen sehe, die manchmal hier liegen.