Themen verfehlen

11. Findest Du solche Art der Befragung lästig?

Schrecklich; in erster Linie die gefühlte Pflicht, zu antworten. Fragen habe ich eigentlich ganz gerne, habe sogar zwei eigene Blogkategorien dafür, und ich habe schon die schönsten Antworten von meiner klugen Kommentarspalte bekommen. Also: inkonsequent, aber entschlossen.

10. In welches Jahrhundert würdest Du Dich gerne besuchsweise mal begeben?

Hm, käme drauf an, ob ich unsichtbar wäre. Wohl in ein späteres. Ich wollte doch gern wissen, was aus dem, was wir hier anrichten, mal wird.

9. Probierst Du gerne technische Neuerungen aus?

Nicht um jeden Preis; ausprobieren tu ich vieles, um dann zu dem Schluß zu kommen, naja, geht so, oder: kann mir gestohlen bleiben.

8. Kannst Du Dir vorstellen, aufs Internet zu verzichten?

Erst mal: nein; ohne Internet führte ich ein völlig anderes Leben. Andererseits wäre das vielleicht auch interessant. Daß ich es kann, ist mir allerdings wichtig; deswegen bin ich sehr für Geschäfte in Spazierweite, Lexika und Freunde im richtigen Leben.

7. Kochst Du manchmal nach Rezepten von Bloggern?

Wenn Backen als Kochen gilt, dann ja.

6. Greifst Du gelegentlich Anregungen von Bloggern auf?

Dauernd! Buchtips, Reise- und Ausflugsziele, Ausstellungen und vor allem weiterführende Lektüre im Netz. Das ist dasselbe System, das auch im echten Leben funktioniert; wenn ich die Leute kenne, die mir was empfehlen, dann kann ich ungefähr einschätzen, wie mir ihre Tips gefallen werden. Oder auch Themen; es gibt immer wieder Blogaktionen zum Mitmachen oder einfach nur Artikel, die eine Antwort erfordern oder einen Anstoß geben. Das mag ich sehr, und es ist wohl letztlich das, was mir an dieser ganzen Bloggerei am besten gefällt: man schreibt nicht so vor sich hin, sondern hat und ist Echo.

5. Schreibst Du bei schlechtem Wetter mehr Blogbeiträge?

… schlechtes Wetter?

4. Ist für Dich ein Text oder ein Foto aussagestärker?

Bilder sind gute Aufmacher, natürlich, und sagen manchmal mehr als tausend Worte und so, aber hängen bleiben bei mir Formulierungen. Ich bin wohl eher Wortmensch.

3. Liest Du lange Texte am Bildschirm oder ausgedruckt?

Zur Arbeit: am Bildschirm; zum Vergnügen am liebsten Papier, gebundenes. Wobei mir das Lesen am Schirm wenig ausmacht; aber es hat halt immer die Assoziation von „kein Vergnügen“.

1. Was ist Deine liebste Jahreszeit?

Jede. Ich bin froh und glücklich, daß wir welche haben, und ich möchte die Wechsel nicht missen. In den letzten Jahren habe ich eine Vorliebe für nackte Bäume entwickelt, das schon ist für mich ein Grund, den Winter zu mögen. Aber auch sich entfaltenden hellen Blättern, dem Schatten, den die belaubten Bäume im Sommer bieten, den Herbstfarben und vor allem -gerüchen kann ich einiges abgewinnen.

2. Sind Dir die Abend- oder die Morgenstunden lieber?

Die Antwort ist klar: die Frühe. Ich habe das sehr gerne, wach sein vor allen anderen, zusehen, wie die Stadt wach wird. Da ist die Luft noch unverbraucht, der Tag wie ein verpacktes Geschenk, und man muß nur am Bändel ziehen …

Und zum Themaverfehlen: Das Stöckchen stecke ich hier in den Sand, vielleicht wird was draus. Ich nominiere keinen, ich stelle keine zusätzlichen Fragen; aber es gibt da eine hübsche Sache, die ich auch mal gemacht habe: Beantworte 20 Fragen über dich. Einfach selber ausdenken. Viel Vergnügen.

Aprilpromenade

Überm Tal spielen die Wolken Kriegen, dicke weiße Wale in den Tiefen der Luft, und schleifen ihre Schatten über die Ufer: Hügel wie schlafende Drachen, moosig bewaldet. In allem ein Hauch von Grün, überzuckert mit Knospen, und an der Promenade steht die Magnolie still in weißen Flammen.
Darunter brüllen sich zwei an, ein Mann und eine Dreijährige. Drohendes „Ich sag’s dir zum letzten Mal …“ auf seiner, „Maaaaamaaaaa!“-Gekreisch auf ihrer Seite. „Du bist ein blöder Papa“, heult das Kind, und als er sich zum Gehen wendet: „Nicht, nicht alleine lassen!“
Wir Passanten und Flaneure schauen höchstens verstohlen auf die Szene. Soll man hier nicht –?, aber darf man sich einmischen? Laut genug sind sie ja; diese Hilflosigkeit des Mannes, die vielleicht gleich in Wut umschlagen wird, und das Kind so untröstlich … Doch was würde es helfen?
Während ich noch den Wolken nachstarre, trifft mich ein Tropfen, und noch einer, und ein Regenschauer, gemischt mit Hagel, geht über der Promenade nieder. Schirme sprießen. Das Geschrei hört auf.
Später, Vater und Tochter sind längst fort, ist der Himmel genau über mir geteilt, eine graue, eine strahlend sonnige Hälfte; hoch oben blitzt ein Flugzeug auf, ein winziger glühender Splitter im Blau. Gleich wird er in der Wolkenwand verlöschen.

Schlaflied

Maikäfer flieg

dein Vater ist im Krieg

dein Mutter ist in Pommerland

Pommerland ist abgebrannt

Maikäfer flieg

Ich bin wahrscheinlich das letzte Kind dieser Republik, das allen Ernstes mit »Maikäfer flieg« in den Schlaf gesungen wurde. Sobald ich es konnte, wollte ich mehr wissen. Was sind Maikäfer? Wie groß sind die? Kann man die wirklich essen? Was heißt: dein Vater ist im Krieg? Was hat Papa da gemacht? Muß er da wieder hin? Und wo ist Pommerland? Warum ist das abgebrannt? Wie ist Mama da weggekommen?

Ich muß die Pest gewesen sein.

Die Eltern, überfordert von der Aufgabe, Weltgeschichte kindgerecht zu verabreichen, versuchten es mit Ausweichen (zwecklos), widerwilligen Andeutungen (Gift für Kinder mit Phantasie) und schließlich mit »Schlaf, Kindchen, schlaf« auf dieselbe Melodie. Übrig blieben Alpträume von einem verkohlten Landstrich, mit schwarzen Zahnstochern anstelle von Bäumen, sowie eine tiefsitzende, panikartige Furcht vor »Krieg«. Und meine eigene, korrigierte Variante des Schlaflieds:

Maikäfer, flieg!

Der Papa war im Krieg,

die Mama kommt aus Pommerland,

da ist sie nicht mit abgebrannt.

Maikäfer, flieg!