Kratzer

So viele schon sind dieses Jahr gegangen, jeder Verlust verschieden. Jeder hinterläßt eine Spur, einen Kratzer; nicht entstellend, aber auch nicht zu übersehen. Es werden mehr in jedem Jahr. Die Welt wird mir stumpfer, weniger hell, der Blick geht weniger weit.

Verlieren kann man nicht üben, wie ich weiß. Die Kerze hier: die ist für dich allein.

Zu tun:

Neue Dinge lernen. (Ich: Stricken.)

Schöne Dinge finden. Den Freitagstexter beispielsweise, oder gucken, was andere so in der neuen Zeit denken und tun.

Sichten und sortieren.

Lesen, auf Papier. (Schreiben vielleicht auch.)

Ehe Sie beim Riesen bestellen, der unser Gesundheitssystem nicht mal mit Steuern unterstützt: Schauen Sie im Netz nach. Viele Geschäfte haben zwar ihre Ladenlokale geschlossen, sind aber aktiv, nehmen Bestellungen per Mail an, beraten telefonisch und liefern an die Haustür. So helfe ich meinem Buchladen, meinem Wollgeschäft, meinem Kleider- und meinem Blumenladen über die nächsten Wochen.

Etwas Sinnvolles fordern. Selbst wer nicht betroffen ist: es gibt viele, viele Menschen, für die genau das existenziell ist. Sie kennen mit Sicherheit mehr als einen.

Sich von Profis den Haarschnitt begradigen lassen.

Und, aus gegebenem Anlaß, zum Auf-den-Spiegel-Schreiben: Der Staat sind wir. Wir sind viele. Wir sind ganz verschieden, aber wir sind nicht allein.

Im Garten

Auf dem Foto kniest du lächelnd vor üppigen Blumen, und auf deinem kahlen Schädel steht „Danke“, in Zahnpaste, Farbe wollten wir nicht riskieren. Ich weiß, wie wir einen Schattenplatz für dich suchten; wie ich mich beeilte, um dich nicht anzustrengen, und doch alle Buchstaben ins Bild bekam. Das Foto sandten wir, denn zum Telefonieren warst du zu erschöpft, an Freunde. Ein paar Tage später stiegen die Libellenlarven aus dem Gartenteich und hinterließen an jedem Halm ihre leeren Hüllen; das konnte ich dir nicht mehr erzählen.

Solche Erinnerungen ballen sich wie die Kohlensäure im Wasser, überraschende Einschlüsse im Alltag, kommen hoch und halten sich ein wenig unter der Oberfläche, schimmernd, und vorbei.

 

 

 

Unbebilderte Aussichten mit Herrn G.

Ach, klage ich, nun ist sie kaputt, die Kamera. Nix mehr zu machen. Ein Gutes allerdings hat das – wir werden ein bißchen schneller vorankommen; und das ist auch nötig, denn wir haben uns was vorgenommen, Herr G. und ich. Wir wollen ja den Moselsteig, ganz. Die Landschaft bietet Abwechlung auf engem Raum und immer wieder Überraschungen. Schöner als der Rhein!, urteilt Herr G. Ich finde, es ist anders und habe außerdem ein Herz für den Rhein; daher: unentschieden.

Wir starten mit einer Busreise durch Weinberge und Neubaugebiete. Wer hier kein Auto hat, braucht viel Zeit für solche Sachen. In Leiwen beginnt unser Wanderweg. Das Dorf bereitet sich auf ein Weinfest vor; wir lassen das schnell hinter uns und betrachten von fern den hübschen Ort und die Ferienanlage ein paar hundert Meter daneben, beliebtes Ziel für Junggesellenabschiede, wie man liest.

Der Weg spannt sich wingertsweise zwischen Rebreihen den Berg hinauf. Sauber gekämmte Hänge, rechts grün, links grün; eigentlich sind die Reben das Grünste nach diesem trockenen Sommer. Oben am Waldweg steht ein Ebereschenbaum, überwuchert und dicht behangen mit dunkelblauen Trauben. Bißchen hoch, leider; aber, mutmaßt Herr G., vielleicht haben die Römer das wirklich so gemacht? Ulmen als Stützen für den Wein, wie Ovid schreibt?

Am Steilhang hat ein Gemetzel im Weinberg stattgefunden: da liegt das Grün am Boden, der Winzer hat alle überschüssigen Blätter von den Reben entfernt, händisch, damit nichts die kostbaren Trauben beschatte. Wir sehen ihn, wie er zwischen den Rebstöcken turnt und ein Blatt nach dem anderen abknipst. Wenn man darüber nachdenkt –! Das wird hoffentlich kein Wein für dreifuffzich.

Nach Mehring führt der Weg durch Wald über eine kahle Bergkuppe, von Schafen freigeweidet; der Pfad schnürt durch das bleiche Gras, von der Hitze plattgewalzt, hier und da erhebt sich dunkel gegen den Himmel ein Baum. Der strohige Grund flimmert – keine optische Täuschung: kleine Schwärme von Staren flattern auf, alle wechseln gleichzeitig die Richtung und lassen sich anderswo nieder. Wir schnaufen bergauf; dann liegt das Land vor uns, weit und rund bis an die Ränder des Himmels. Dafür –!, sagt Herr G., und ich nicke.

Da knattert es in unserem Rücken: ein Mofa überholt uns auf dem Fußpfad; den Fahrer finden wir etwas weiter, wie er von seinem Gefährt aus in die Ferne schaut. Den Helm behält er auf. Wenige Minuten später rollt er auf dem Abwärtsweg wieder an uns vorbei, mit Handzeichen grüßend. Sein Abendvergnügen, vermutet Herr G.; und jetzt fährt er wieder heim zu Fernsehen und Feierabendbier.

Abends ist die Pension abscheulich eingerichtet und hat dafür am Morgen selbstgemachte Marmeladen zum Frühstück. Wir sind höchst zufrieden. Der zweite Teil des Weges wird immer länger, je weiter wir kommen; jedes neue Schild hat ein paar hundert Meter mehr, Trier rückt in die Ferne wie eine Fata Morgana. Trotzdem kommen wir an. Die Stadt ist voller chinesischer Reisegruppen und Karl Marx. Eine Konditorei, die Herr G. von früher kennt, ist verschwunden, aber auch andere Cafés haben guten Kuchen.

Das nächste Mal machen wir bald, nehmen wir uns vor; aber es ist gar nicht mehr so viel übrig vom Moselsteig. Vielleicht muß man ihn einfach noch mal gehen? Dann vielleicht doch mit Kamera?

Sie ist wieder da!

Ich war per Telefon dabei, als der Herr vom Fundbüro durch endlose Gänge schnaufte, ein Radio am Gürtel; wie er Schubladen öffnete, in schlechtem Licht (zuckende Neonröhre, stelle ich mir vor) Schildchen entzifferte und sie schließlich aus einem Fach zog: Kamera. Weißer Knopf am Band. Liegt aber schon lange hier … schicken wir zu. – Über die lange Geschichte bis dahin konnte er mir nichts sagen.

Nun habe ich sie von der Post geholt; einen halben Tag lang trank sie Strom. In der Hülle lagen mein Zettel („Diese Kamera gehört …“) und eine Visitenkarte meiner Freundin, auf die ich etwas notiert hatte. Warum sie angerufen wurde und nicht ich, wissen die Götter.

Dies ist das letzte Bild auf der Speicherkarte:

Hach.

Anders als beim letzten Mal hat mir das Fundbüro kein Foto hinterlassen. Aber mein Loblied gilt unvermindert: sind ihre Wege bisweilen auch verschlungen – wie gut, daß es Fundbüros gibt!

 

Reihen

So viele dieser Tage.

Du hattest einmal gesagt, Du freuest Dich darauf, älter zu werden; das würde vieles leichter machen.

Vielleicht werden wir älter mit für alle, die nicht mehr älter werden; manchmal fühlt es sich so an. Und es werden mehr, die fehlen. Ich wünsche mir und allen Lebenden Gutes und Leichtes.