Panorama

Wo Wein gedeiht, da trödelt der Sommer am längsten: die Sonne fängt sich an den Hängen und taut den Rauhreif der Nacht zu Perlen auf den letzten Blüten, während hoch oben Kranichketten ziehen. Fernhin nach des Südens Wärme.
Herbstlichte Eichenwälder lassen die Sonnenstrahlen durch; Hemd und keine Jacke ist genug. Buntes Laub und Nebel und der Rhein unten im Tal — ich schaue und schaue.
So viel zu sehen: Pfützen auf dem Weg, auf deren Grund Blätter modern wie unter klarem Glas; blaue Käfer, unverdrossen Bein vor Bein setzend wie schimmernde Automaten; extravagant frisierte Pilze; Gedenkkreuze für Eheleuth, die schon dreihundert Jahre unter der Erde sind. Und das Ganze, das Große: der Fluß in weitem Bogen, Wolkengebirge, die sich in stürzenden Felshängen fortsetzen, und die Sonne, die im Untergehen Farbe über alles gießt.
Ich weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen — immerzu beschwere ich mich, daß sich das Ergangene nicht abbilden läßt, und nun kann ich keine Bilder machen. Meine Kamera geht wieder anderer Wege als ich.
So muß ich — darf ich, was ich sehe, hinter den Augen speichern, mich anfüllen mit Bildern. Sattsehen: geht das?
Vermutlich ähnlich wenig wie: sattgehen.

0 Gedanken zu „Panorama

    1. Danke. .) Leider sind meine Speicherkapazitäten, hm, andere als die meiner Kamera; ich kann keine acht Gigabyte Bilder verlustfrei mit nach Hause nehmen. Als Geschichten geht’s dann wieder.

    1. Ha! Beschlossen habe ich meinen Tag in einem gutbürgerlichen Gasthaus mit einem Teller zart gebratener Leber; nur beim Wein mußte ich passen, ich wollte das Lokal ja schließlich wach verlassen …

  1. Je nach Persönlichkeit: sattsehen kaum, übersehen häufig um nicht zu sagen oft.
    Bei mir ist das Sehen eine Passion, kein Wunder auch dies.
    Mit Deinen Rheinblicken regt Du mein Heimweh an…. (nur vier Wochen noch)
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  2. ich finde es wunderbar, wenn das Gesehene sich in Worte fasst und dadurch die Landschaften im Inneren erblühen- dies ist dir hier wunderbar gelungen und ehrlich … ich vermisse kein Bild!
    ein Meister dieses spazierensehens und -schreibens ist für mich die diesjährige Entdeckung: Hanns Josef Ortheil …
    sattsehen … nein, das habe ich auch noch nie geschafft
    herzlichst Ulli

    1. Ich fange allerdings langsam an, meine Kamera zu vermissen. Es gibt dann doch noch so einiges, was ich gerne als Bild hätte.
      Abschaffel — da schleiche ich auch geraume Weile drum herum. Ist schon auf der Liste.

  3. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es verlernt habe, diese kleinen, aber eigentlich perfekten Momente für mich zu speichern. Oft habe ich eine Knipse dabei, auf der ich ein Bild speichere. Dafür bleibt der wunderbare Eindruck des Momentes nur als Pixelansammlung bestehen, nicht aber im Gedächtnis, welches als „tragbare Festplatte“ immer dabei ist.

    1. Zweischneidig. Wenn ich etwas bildlich eingefangen habe, gehe ich vielleicht auch leichter weiter? Meinem Gedächtnis traue ich nicht besonders; da war so ein Bildermacher schon eine gute Sache. (Außerdem mag ich Bilder.)
      Andererseits hast Du recht — im Gedächtnis werden die Bilder sogar schöner und eindrucksvoller.

      1. Sehe ich genauso. Fotos unterliegen einem chemischen Alterungsprozess, das Gedächtnis wird organisch löchrig. Hat zwar was, macht es aber auch unzuverlässiger.
        Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    2. Klar, Foto und Gedächtnis ergänzen sich, ich beobachte aber mit der „Knips mit dem EiDings“-Mentalität, dass man auf diese Weise sein Gedächtnis „outsorced“ und sich viel schwerer an die Momente erinnert, die eben nicht im Gehirn ordentlich abgelegt sind. Stimmt natürlich, dass sowohl Foto und auch Gehirn dem Alterungsprozess unterliegen.

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