Leere Läden, die Fenster verstaubt: Zu vermieten. Provisionsfrei.
Hier war mal ein hübsches, helles Café, da gibt es jetzt Versicherungen. Die Bäckerei hatte erst die Backstube und nun auch den Laden geschlossen. Der Käseladen, der Weinhändler konnten sich nicht halten. Ein Rechtsanwalt hat das liebevoll restaurierte Geschäft der Goldschmiedin blickdicht umbauen lassen. Friseure, Friseure, Friseure und Handy-Reparaturen. Kein Metzger mehr; nichts für den täglichen Bedarf.
Im letzten Lebensmittelladen …
Schlagwort: Angebot & Nachfrage
Harte Zeiten
Saarbrücken ist keine schöne Stadt, Saarbrücken ist eine Lieblingsstadt. Sie erfreut mein Herz, schafft es, mich immer wieder zu überraschen und immer wieder schrecklich aufzuregen. Und was ich bloß an ihr finde — das kann ich wirklich nicht in einem Satz beantworten.
Ihre überkandidelten Bauprojekte, ihre Großstadtambitionen auf der einen Seite werden auf der anderen aufgewogen durch wilde Kulturblüten, durch Ideenreichtum und ein gekonntes Kokettieren mit dem Verfall. Dem Klein-Klein, dem Filz und der gewinnorientierten Engstirnigkeit stehen gewachsene (teils recht anarchische) Strukturen und Inseln guter Traditionen gegenüber und, naturellement, die potentielle Weite, die so ein Grenzland immer verspricht.
Ich hätte jedem gesagt: Weine nicht, wenn du in Saarbrücken leben mußt — am Anfang ist es häßlich, vergammelt und verbaut, aber es wird dir ans Herz wachsen. Es ist überschaubar, ein bißchen schräg, es hat Herz, es ist tatsächlich schon französisch, und einzelne Menschen und ihre Projekte machen hier einen Unterschied. In Saarbrücken bist du nicht unsichtbar.
Aber in letzter Zeit mache ich mir Sorgen. Die Stadt ist nicht reich, hier fallen sogar die Mieten; in der frisch zubetonierten Innenstadt sieht man Ladenleerstände (verstärkt seit Eröffnung der ECE-Europa-Galerie). Und nun erfaßt es merklich die Seitengassen: viele interessante Geschäftchen und ein paar prägende Große mußten schließen, die kleinen Läden, etwa im Nauwieser Viertel, haben zu kämpfen — keine Luxusumschlagplätze, sondern Geschäfte mit Lebensmitteln und Alltagsgegenständen.
Ich weiß nicht, was da passiert. Brot und Käse, Obst und ein warmes Mittagessen braucht doch jeder? Wo kaufen die Menschen denn ein, wenn nicht in den kleinen Läden in ihrer Nachbarschaft? Als Innenstadtbewohnerin kann ich mir nicht vorstellen, rauszufahren, um womöglich billiger einzukaufen — wo wäre da die Ersparnis? –, aber anscheinend wird es getan. Welches Einkaufszentrum ist einem inhabergeführten Laden überlegen, der auch mal außer der Reihe was bestellt und wo man notfalls anschreiben lassen kann?
Die ersten Lücken in einer ziemlich einzigartigen Viertellandschaft sind da. Vielleicht werden sie von Schuhgeschäften und Friseuren gefüllt oder von Internetcafés; das wird aber kein Wandel zum Guten. Eine Stadt verliert an Lebensqualität, und keiner tut was.
Nachtrag Februar 2012: Im Online-Spiegel hat der Autor Manuel Andrack einen Artikel über seine Wahlheimat veröffentlicht; Schwerpunkt ist das Nauwieser Viertel, das als wohl einziges in Saarbrücken »Kult«- und Gentrifizierungspotential hat.
Mit seinem Merian-Artikel schickt er Touristen in das kleine Viertel; das ist löblich und scheint schon ein wenig von dem Lokalstolz zu zeugen, den viele, auch zugezogene, Saarländer entwickeln. Aber selbst Touristen, die Geld im Viertel lassen, werden es nicht retten. Nicht, wenn die Bewohner nicht mehr im Gemüseladen einkaufen, andere Bioläden aufsuchen, Bücher lieber woanders bestellen.
Preis und Leistung
»Die [Briefumschläge, Teller, T-Shirts, Biotomaten, Regale, Importweine, …] kriegst du im [Discounter, Industriegebiet, Internet, Mediadings, …] genauso gut und für [vier, zwanzig, siebzig, neunzig Cent] weniger. Wieso gehst du zu dem teuren kleinen Krauter in der Fußgängerzone, wo man meistens erst mal fünf Minuten warten muß und auch noch ständig von Azubis bedient wird?«
Einfache Antwort: Weil ich will, daß es ihn gibt.
Theoretisches und Praktisches zu Angebot, Nachfrage und einer »Ethik des Konsums« finden sich unter www.manomama.de.
Soviel dazu.