In unseren Regionen sieht man wilde Tiere meist auf der Flucht: hakenschlagende Hasen, Elstern im Wellenflug, Eichhörnchen, stets auf der anderen Seite des Baumstamms. Manchmal möchte ich ihnen sagen, daß sie von mir nichts zu befürchten haben; aber sie haben ja recht, wenn sie Menschen mißtrauen und mit mir keine Ausnahme machen.
Mein Wanderweg durch den Forst gabelt sich in einer Senke, rechts des Bachlaufs geht es weiter, und während ich nach der Wegmarke ausschaue, prasselt es im Gebüsch. Ein Rehbock bricht vor mir aus seiner grünen Deckung, springt über Weg und Bach und auf der anderen Seite den Hang hoch, das weiße Hinterteil gut sichtbar wippend.
Ein paar Momente nehmen wir die gleiche Richtung, ich rechts, der Rehbock links des Bachs, ich unten auf dem Weg, er den Hang hinauf. Aber statt über den Rand der Senke zu entkommen, bleibt er auf einmal stehen, steht da zwischen Farn und Gestrüpp, ein graubraunes Tier, und schaut mich an. Fünfzehn, zwanzig Meter entfernt. Ich gehe weiter, die dunklen Augen folgen mir. Jedes Mal, wenn ich hinüberschaue, schaut der Rehbock zurück. Ich spüre seinen Blick im Nacken.
Nun ja, ein Reh. Fluchttiere, Pflanzenfresser. Zart und saftig. Vielleicht ist es neugierig. Weiß wohl, daß ich ihm nicht folgen kann. Aber woher weiß es, daß ich nicht schieße? (Können Rehe Tollwut haben?) Immerhin steht es ein paar Meter höher als ich; und der Bach dazwischen. Hätte es ein Gewehr und einen gegengreifenden Daumen, wäre es ein Mensch, der mir ans Leder wollte … Mir sträuben sich leicht die Nackenhaare. Ich wäre in jeder Hinsicht im Nachteil.
Wenig später ist das Tier verschwunden.
***
Als Kind hatte ich einen himmelhohen Kirschbaum. In einer Astgabel, die nur ich erreichen konnte, verbrachte ich lange Sommerstunden unter dem Geflirr des Blätterdachs. Die Vögel, die anfangs geflüchtet waren, wenn ich kam, störten sich bald nicht mehr an mir und gingen, außer meiner Reichweite zwar, aber sonst unbeeindruckt ihren Vogelgeschäften nach in höflicher Nachbarschaft.
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Die Rehe sind recht zutraulich geworden, manchmal kommen sie bis in meinen Garten…
Das hört man auch über Wildschweine. .))
Mein Garten grenzt ja an den Wald und ist mit einem Anhang vom Bach getrennt.
Dort schnüffeln die wilden Schweine im Winter gern rum, in den Garten trauen sie sich, im Gegensatz zu den Rehen, jedoch nicht.
Am erstauntesten war ich, als ein Rebhuhn über meine Wiese spazierte…
Schön. Waldrandlage hat was … Für solche Sichtungen muß ich erst reisen.
Es hat immer alles zwei Seiten;-)
Ein verzauberter Freund wollte Dir etwas sagen.
Das verstehe ich nur im Traum; und dann sind es Schwäne. .)
Oh, was für eine schöne Erfahrung, die du da gemacht hast und erzählst.
Ich spreche in so Momente immer leise mit den Tieren, wenn ich sie so nahe von mir erleben darf. Egal, was allenfalls Zuhörende denken mögen. Sage: Hab keine Angst. Ich will dir nichts Böses. Du bist so schön (oder so ähnlich).
Und schaue sie so lange respektvoll an, bis sie von selbst wieder gehen. Ich weiss auch nicht … in solchen Momenten erstarre ich, kann mich kaum bewegen vor Ehrfurcht oder was auch immer. Angst hatte ich noch nie. Warum auch immer.
Mein Baum war ein Baumnussbaum und war eine Art Heimat. Und irgendwann war ich noch die Einzige, die auf den Baum stieg. Meine Geschwister waren zu groß geworden. Schade, dass ich mich nicht mehr an gefiederte Nachbarn erinnere. Und schön, dass du das noch immer weißt.
Danke für diesen feinen Text!
Ich habe mir das als Kind gewünscht: die Sprache der Tiere sprechen. Aber diesmal ist mir aufgegangen, wie selbstverständlich wir Menschen annehmen, daß Rest der Natur Angst vor uns hat; und daß wir auf diese Angst angewiesen sind. Wir sind ja im Vergleich zu den meisten Tieren eher schlecht ausgestattet. (Also, bei Rehen braucht man schon eine Menge Phantasie; aber Wölfe? Luchse? Bären gar?)
So ein Baum als Heimat — das ist eine gute Erinnerung. (Kennst Du Calvinos Baron in den Bäumen? Der war mal konsequent …)
Nein, den Baumbaron kenn ich nicht. Muss ich mal recherchieren. Ja, Baumheimat … im Herz drin ist sie noch immer da.
Hat nicht jedes Kind den Traum gehabt, mit den Tieren reden zu können? Ich hab jedenfalls als Kind mit mit großem Hingabe Doktor Dolittle gelesen, ich glaube mehrfach.
Den habe ich nie gelesen (sollte ich vielleicht mal).
PS: Sollte ich ganz entschieden!
Mir kommt bei jeder Reh-Begegnung – im Winter sogar auf unserer Obstwiese – der Satz von John Berger in den Sinn „Der Blick in die Augen des Rehs schließt alles andere aus.“ Wenn das Reh den Menschen anschaut, dann mit großer Intensität, die das gleiche von ihm verlangt. Offenbar ist es Dir auch so ergangen.
Sagen wir so: wenn mich ein (fremder) Mensch mit derartiger Aufmerksamkeit bedacht hätte, es wäre mir unheimlich gewesen. Beim Reh war es ungewöhnlich, aber in Ordnung.
Ich habe auch gelernt, dass so eine Zutraulichkeit vermutlich nur den Grund haben kann, dass das Tier an Tollwut erkrankt ist … etwas ist anders geworden, das habe ich bemerkt als ich mitten in der Stadt morgens um halb neun deutlich mehr beeindruckt war von der Anwesenheit eines Fuchses auf demselben Gehweg als er es von der meinen war. Ich bin fast vom Rad gefallen, er ist völlig gelassen weiter seines Weges gezogen.
Oh, ein Fuchs in der Stadt! Ich habe Fotos gesehen, die ich für Montagen hielt, und Geschichten von Wildschweinen in Stadtparks gehört. Und dann sind hier diese unglaublich großen Rabenvogelkolonien in den städtischen Platanen.
Bei uns auf der Ulme kam manchmal ein Eichelhäherpaar vorbei. Und die Wildschweine etablieren sich als Stammgäste im Garten von Freunden am Stadtrand…
Einen Kirschbaum, auf den sich nur die mutigsten Kletterinnen (wir waren drei), wagten, gab es in meiner Straße auch. Die Jungen kletterten einmal hinauf, sahen hinunter und machten sich grüngesichtig und zitternd an den Abstieg. Wir drei Freundinnen wussten, dass wir oben nahezu unsichtbar und sicher vor Eltern und anderen Kindern waren.
Die Flucht nach oben. Nicht allen möglich. (Und immer noch verlockend, muß ich sagen; dabei bin ich lange nicht mehr ernsthaft auf Bäume gestiegen.)