Nächtliche Heimkehr

Zum Jahresende, wenn unsere Erdhalbkugel nach und nach ins Dunkle kippt, werden die Nächte Lebensraum. Eine Zeit, die ich mag; der Gesichtskreis verengt sich auf den Schein einer Lampe, das Wesentliche der kleinen Dinge tritt hervor, und die vermeintlich großen liegen im Schatten.
Im Dunkeln nun heimwärts durch die Stadt, die nachts so vertraut ist wie bei Licht, nur stiller. Auch gelber, vom Licht der Straßenlampen, und am gelbsten da, wo die Ahornblätter liegen. Nachts dürfen sie fallen, den Boden bedecken, und sie dürfen liegenbleiben, wo sie, bei Lichte gesehen, sofort zusammengepustet würden.
Was also tun? Ganz leicht: Im gelben Straßenlicht die gelben Blätter durcheinanderwirbeln, die vorgefundene Unordnung umordnen zu Spuren, die keiner sieht, und dann still nach Hause gehen.

Nachtlaub.

0 Gedanken zu „Nächtliche Heimkehr

  1. Rich, finde ich auch: nachts kann man sich fast am Geruch der Bäume in der Stadt orientieren. Hier Ahorn, da Mehlbeere, dort Platane. Tagsüber: nichts als Abgas.
    AGT, haha! Die Vorstellung, wie treusorgende Bürger ihre Straßenbäume im Winter mit Blättern ausstatten, ist unwiderstehlich.
    Karu: danke.

  2. sind das perlen, die da zwischen und auf den blättern glänzen? nein, sicherlich nur wassertropfen.
    die blätter leuchten sehr schön und intensiv, nicht nur in der nacht. besonders an trüben tagen kann man sie leuchten sehen wie lichtinseln im dämmer.
    aber deine nachtaufnahme gibt ihnen noch mehr „würde“.
    dieses (laternen)licht ist ein gedenklícht.
    grüße, uwe

  3. ein wunderschöner artikel, poetisch, nachtstill-knisternd und voller gerüche. du sprichst aus, was ich manchmal, nachts draussen, auch wahrnehme. und nachts, ich gestehe es, mag ich herbst und winter ziemlich gerne. (aber nachts mag ich auch ommer und frühling gerne …)
    herzlich, soso

    1. Genau — nachts sind alle Jahreszeiten schön!
      Für mich fühlen sich Sommernächte immer etwas irregulär an — ich werde früh müde. Darum mag ich das so im Winterhalbjahr.

  4. Danke. Unsichtbare Spuren haben ihren ganz eigenen Reiz. Ich habe mal zwei alte Leute in der Stadt gesehen, die sich gegenseitig eine Stelle an der Straße zeigten und herzlich lachten. Ich habe keine Ahnung, was da war; es muß in einer Geschichte gewesen sein.

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