Brückenzauber

Die zwei gehen Hand in Hand, er raucht unterm Kapuzenpulli, sie pustet die Haare aus dem Gesicht; ich höre sie lachen. Wie alt mögen sie sein? Alle paar Schritte halten sie und stecken die Köpfe zusammen, beugen sich nieder zum Gitter des Handlaufs, zu einem der unzähligen kalten Quader, die andere hier hoch überm Strom befestigt haben.
Hier; sie richtet den Finger auf eine Stelle. Hier hängen die Schlösser noch nicht in Trauben; man kann zwischen ihnen hindurch aufs Wasser sehen. Er löst sich von ihr, wirft die Kippe in den Fluß und nestelt in seiner Jackentasche. Entzücken klingt in ihrer Stimme, als er das Schloß in die Höhe hält, schrill protestiert sie, als er einen Fuß zwischen die Gitter zwängt und sich nach oben stemmt, sich nach einer Strebe über allen anderen streckt. Ich glaube zu hören, wie es stählern klickt. Die Brücke bebt leise, als er wieder auf zwei Füßen landet.
Sie umhalst ihn, und dann saugen sie sich lange aneinander fest. Schließlich hebt sie die Faust, schwingt sie mit einem Hüpfer nach vorn und oben; in der Sonne müßte das winzige Stück Metall, das im Bogen dem Wasser zustürzt, glitzern, aber der Himmel ist bedeckt. Stumm schluckt der Fluß das Schlüsselchen.
Oben, auf der Brücke, machen sich die beiden auf den Weg zurück, die Arme um einander geschlungen. Und während er sich eine Zigarette ansteckt, während ich ihre Stimme zwitschern und gurren höre, während sie sich beschwingt entfernen nach vollbrachter Tat, nach getaner Arbeit, denke ich: möge dieser Schlüssel vergehen, möge die Stadtreinigung mit dem Seitenschneider kommen und euch von diesem Schloß befreien, bevor auch nur eins von euch sich dran erinnern muß mit Bitterkeit.
 
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