Jetzt ist es gut drei Wochen her, daß den überraschten Qype-Nutzern ihre Plattform im neuen Gewand präsentiert wurde. Ich habe lange damit gewartet, mein Urteil zu notieren; zu viel ist immer noch im Umbau, über zu viel ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Allmählich lassen sich aber die echten Neuerungen von den Bugs unterscheiden.
Das ist das eine: eine offensichtlich unerprobte Version (da können sich die Betreiber noch so laut auf „ausführliche Testläufe“ berufen) hinzustellen und dann erst („unter Hochdruck“) die übelsten Fehler zu beheben. Unprofessionell. Ergebnis: verärgerte Nutzer, für die plötzlich einfachste Sachen nicht mehr funktionieren, gestreßte Programmierer, die nicht sachlichen Bug-Reports, sondern Stürmen der Entrüstung gegenüberstehen.
Das andere ist die Art, wie der Neustart geschehen ist. Die verblüfften Qyper wurden plötzlich (donnerstags! Vor dem Wochenende!) von den neuen Farben angestrahlt. Die Ankündigung waren vage gewesen, einiges konnte man in Pressemitteilungen anderswo lesen. Nutzerwünsche wurden so offensichtlich nicht berücksichtigt, daß sich alle, die mit Engagement Verbesserungsvorschläge gemacht haben, grundlegend veräppelt fühlen. Auf die (verständlich) heftigen Reaktionen wurde nicht, vertröstend oder beleidigt reagiert. Scharen von Qypern hopsen winkend und rufend in die Höhe, fühlen sich aber nicht gesehen. Das werden sie dem Hauptquartier nicht so schnell verzeihen.
Qype, das war: eigene Kontakte und neue Gesichter, alte Reviere und neues Land besuchen. Artikel schreiben, lesen und kommentieren. Mt anderen darüber (oder über anderes) diskutieren, hier und da eine gute Empfehlung mitnehmen. Leute kennenlernen, das vor allem. Und zwar auf eine Art, wie ich sie eigentlich nur hier gefunden habe: durch Empfehlungen, durch Schreibstil, durch Scherz und Streit. Das war klasse.
Und jetzt?
Die vielbeschworene „Usability“ des Portals hat abgenommen. Deutlich. Suchmöglichkeiten sind eingeschränkt, lokale Zuordnungen himmelschreiend verkehrt; es ist nur ärgerlich. Gut, daran wird gearbeitet, aber das kann dauern. Das Surfen auf Qype macht jedenfalls kaum noch Spaß.
Auch die angemeldeten Nutzer müssen viele kleine Einschränkungen in Kauf nehmen — zur Genüge angemerkt, beklagt und diskutiert in den einschlägigen Qype-Gruppen.
Es ist beispielsweise komplizierter und zeitaufwendiger geworden, in den Gruppen auf dem neuesten Stand zu bleiben — auf Neuigkeiten etwa wird nicht mehr hingewiesen. Vielleicht soll so etwas den Fokus von Qype weg von der Community hin zu den Beiträgen (und nichts als den Beiträgen) lenken –? Das schmeckt mir nicht; es hat so etwas von pädagogischer Maßnahme: Schön bei dem bleiben, was den Marktwert steigert. — Mein Qype aber ist die Community.
Schlimmer als das: Das Textfeld zum Eintragen der Beiträge ist nur noch halb so breit wie vorher. Faß dich gefälligst kurz! Schließlich sollen die Texte auch auf iPhone-Bildschirmchen passen! — Die schönen, nicht immer sachlichen, auch mal weitschweifigen Artikel sind offensichtlich nicht mehr erwünscht — dabei waren sie es oft, die mir am meisten Spaß gemacht haben.
Wenn ich dann die neue Oberfläche in ihren gesichtslosen Knallfarben anschaue, die Verlosungsaktionen von fragwürdigem Effekt und schließlich das neue Foto auf dem Qype-Blog, dann habe ich vollends das Gefühl, daß man mir hier die Tür aufhält. Ich bin — wie die meisten der präsenteren Qyper — den „goldenen Zwanzigern“ lange entwachsen. Ich rechne mich nicht zur „Generation Fun“, und glatte Marketingnasen grausen mich mindestens so wie Business-Denglisch. Nö, hier passe ich nicht mehr.
Klar, ich könnte mich an die Äußerlichkeiten gewöhnen, die sicher noch befeilt und verbessert werden — wenn, ja, wenn die netten Leute, die interessanten Köpfe blieben. Es werden aber immer mehr, die nach Jahren in der Community ihre Beiträge löschen, die Zelte abbrechen und eine neue Heimat suchen. Das alles geht zulasten des ollen Qype, dessen Marktwert vielleicht steigt, dessen Niveau aber sinkt.
Noch hoffe ich, daß das Qype-Management die Warnzeichen sieht und entsprechend handelt. Wenn nicht, werde ich mich dort auch zurückziehen und zuschauen, wie aus einer richtig netten Sache ein x-beliebiges Bewertungsportal wird.
Wir sehen uns dann in der Neuen Heymat.
Kommt alle! Schreibt! Kommentiert! Habt Spaß!