Orchester im Gehäus‘

Herrreinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie, sehen Sie, staunen Sie: den tollkühnen Schwertschlucker! die Dame ohne Unterleib! den Wassermann, halb Mensch, halb Fisch! Karussell für die Kleinen, für die Großen Tanz! — Immer dabei: die Kirmesorgel mit den neuesten Gassenhauern, und die Kinder wollen alle gern die niedlichen Puppen mit ihren Trommeln und Glöckchen anschauen, anfassen, mit nach Hause nehmen …

So kam die Musik zu den Leuten, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Mit dem Rundfunk und der Verbreitung von Plattenspielgeräten wurde es einfacher, Musik ganz nach Geschmack individuell zusammenzustellen; bald galten die schrankwandgroßen, nur gerade noch mobilen Apparate als überholt. Man tauschte sie aus gegen handlichere und vielseitigere moderne Musikanlagen. Pfeifen und Flöten, Schellen und Trommeln, ganze Orchester verstaubten, oder sie wärmten ein paar Tage lang die Stube.

In den letzten Jahrzehnten hat man wieder hervorgeholt, was hervorzuholen war, restauriert (eine fast vergessene Kunst) und gesammelt. Es gibt in Deutschland inzwischen einige Gesellschaften für mechanische Musik, zum Beispiel die Gesellschaft für Selbstspielende Musikinstrumente oder die Drehorgelfreunde in Berlin (Homepage mit hinreißenden Tips zur Pflege und Lagerung der Instrumente); und hin und wieder sieht man die altehrwürdigen Maschinen heute auch außerhalb von Museen, wenn sie auf nostalgischen Jahrmärkten ihren Dienst verrichten.

Die ersten Musikautomaten stammen aus Frankreich, aus Deutschland und später aus den Niederlanden; die Namen der Hersteller stehen meist gut sichtbar auf der Fassade: Gavioli, Limonaire, Ruth, Bruder, Perlee, van der Wouden. Die niederländischen Jahrmarktsorgeln — die Draaiorgels — haben aber auch jede noch einen eigenen Namen: de Hartenvrouw, de Arabier, de Angelina, het Blauwtje, de Rosalinda. Sie waren so beliebt, daß von vielen von ihnen sogar Schallplattenaufnahmen kursierten; dank YouTube kommen sie auch heute wieder jede für sich zu Ehren.

Heute spielen sie nicht nur alte Musik, sondern auch neue Lieder. Notenmaterial gibt es meterweise: in einem aufwendigen Verfahren werden die einzelnen Stimmen in Kartonbänder gestanzt und steuern über bewegliche Zapfen den Luftfluß in die einzelnen Pfeifen des Instruments. Wenn das (inzwischen meist motorisierte) Drehrad in Schwung gebracht wird und Luft aus den Blasebälgen durch das kunstvolle System von Pfeifen und Perkussionsinstrumenten strömt, dann tönt aus dem gigantischen, bunt verzierten Kasten unzweifelhaft Musik, die in Beine zu gehen und Herzen zu rühren vermag.

Der folgende Film aus dem Jahr 1971 (niederländisch ohne Untertitel) zeigt die letzten Amsterdamer Draaiorgel-Spieler. Sie protestieren gegen die moderne Verkehrsordnung der Stadt.

Inzwischen scheint es den verbliebenen niederländischen Draaiorgel-Spielern wieder verhältnismäßig gut zu gehen — in der Ecke für Folklore, Nostalgie und Kurioses.