Hermann Röchling, 1872 – 1955

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Blick über die Hochöfen

Die Völklinger Hütte ist eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Deutschlands. Das imposante Eisenwerk, 1986 stillgelegt, ermöglicht einen Einblick in industrielle Abläufe, die man sich als Laie allenfalls verschwommen vorstellen kann; es vermittelt eine Ahnung von rund hundert Jahren deutscher Industriegeschichte. Und von der Zwiespältigkeit des Fortschritts: Über zehntausend Menschen bot die Hütte Arbeit, 34 Tonnen Staub und Dreck legten sich tagtäglich aus ihren Schloten über die kleine Stadt. Man geht anders, als man gekommen ist, und betrachtet jeden Edelstahltopf mit neuen Augen.

Absolut besuchenswert.

Wir waren wieder dort und haben eine Führung mitgemacht. Der Führer hat selbst jahrzehntelang auf der Hütte gearbeitet. Er erzählte nicht nur über Bau und Funktionsweise einer Eisenhütte, sondern auch über das Leben dort: von den Maurern, die die Hochöfen ausbessern mußten — von innen, in Asbestkleidung und mit Sauerstoffmasken; nach maximal eineinhalb Minuten holte man sie wieder heraus. Von den Maschinisten in der Gebläsehalle, die Tag für Tag bei 50 bis 60°, im Ölnebel und beim Höllenlärm von zehn hausgroßen Eisenkolossen arbeiteten. Von den dreizehn Hüttenarbeitern, die am 16. Januar 1928 bei einer Hochofenexplosion verglühten — in ihre Särge legte man das Gewicht ihrer Körper in Roheisen, denn es gab ja nichts mehr zum Begraben …

So weit, so eindrucksvoll.

Und dann, am Ende der Führung, kam der Mann noch einmal auf ein Thema zu sprechen, das ihm besonders am Herzen zu liegen schien: Hermann Röchling. Der Firmenpatriarch, unter dessen Herrschaft die Völklinger Hütte zu ihrer ersten Blüte fand, zeichnete für zahlreiche technische Innovationen verantwortlich und etablierte ein System von Sozialleistungen für seine Arbeiter. Dieser Mann war nach dem Zweiten Weltkrieg vor ein Kriegsgericht gestellt und zu sieben Jahren Haft verurteilt worden; auf Betreiben politischer Funktionäre wurde er 1951 begnadigt, jedoch sein Vermögen eingezogen, und er durfte das Saarland nicht mehr betreten. Im Jahre 1955 starb er im baden-württembergischen Exil, ohne sein Werk noch einmal gesehen zu haben — und aus den Worten unseres Führers sprach ehrliche Entrüstung darüber, daß irgendein »großer Zampano« dies dem alten Herrn verwehrt hatte.

»Hermann Röchling« — da klingelte etwas.

Zuhause habe ich nachgelesen. Hermann Röchling war der siebte Sohn des Firmengründers Carl Röchling und hatte dessen Nachfolge im Alter von 35 Jahren angetreten. Im Jahre 1918, zum Ende des Ersten Weltkrieges, wurde der studierte Ingenieur zum »Königlich-preußischen Kommerzienrat« ernannt. Was auch immer genau das heißen mag — in Zeiten des Krieges sind Männer gefragt, die Stahl liefern können. Röchling und seine Werke waren kriegswichtig. Röchling revanchierte sich mit unbedingter Treue zu Deutschland — das Saargebiet sollte »heim ins Reich«, dafür setzte er sich politisch ein.

Unter seinen zahlreichen Ämtern ist »Wehrwirtschaftsführer« (ab 1935) nur eines, das darauf hinweist, daß Röchling bei den Herrschenden mehr als wohlgelitten war. Andere Quellen sind deutlicher: Röchling war früh schon NSDAP-Mitglied, enger Vertrauter Hitlers, und er engagierte sich bereits 1936 für eine kriegerische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Seine Karriere im Dritten Reich war exemplarisch.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Völklingens zivile Bevölkerung wurde aus der Gefahrenzone an der Grenze evakuiert. Die Eisen- und Stahlgewinnung jedoch wurde nur Wochen später wieder aufgenommen — der Einsatz von insgesamt etwa 14000 Zwangsarbeitern machte es möglich. Völklingen und andere Eisen- und Stahlwerke hatten Priorität, schließlich wurden hier Waffen entwickelt und hergestellt.

Im März 1945 kamen die Amerikaner — Hermann Röchling tauchte unter, wurde jedoch Ende 1946 gefangengenommen und 1948 vor ein französisches Militärgericht gestellt. Für industrielle Ausbeutung der besetzten Gebiete, Erhöhung des Kriegspotentials des Deutschen Reichs und Mitwirkung bei der Verschleppung von Menschen zur Zwangsarbeit (Quelle Meyers Lexikon leider versiegt) wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision — die Strafe wurde auf zehn Jahre erhöht.

Einer rührenden Geschichte zufolge boten 111 Hütten-Veteranen an, die Strafe an Röchlings Statt nacheinander abzusitzen; der Betriebsrat setzte sich massiv für den Stahlbaron ein, und schließlich erwirkte man im Verein mit dem CDU-Wirtschaftsminister, daß Röchling freigelassen wurde, zu den bekannten Bedingungen.

Fotos zeigen einen gepflegten alten Herrn, fast kahl, mit raspelkurzem weißem Haar und Nickelbrille; das Gesicht mit der groben Nase wirkt entschlossen, der Blick ist ernst und durchdringend. Tiefe Narben auf der rechten Wange lassen an eine schlagende Verbindung denken. Andere Aufnahmen zeigen ihn strahlend, umgeben von seinen Arbeitern und Kindern mit leuchtenden Augen.

Bis heute scheint die Verehrung Völklingens für Röchling keine Grenzen zu kennen — er hatte der Stadt Lohn und Brot gegeben, hatte in Schulen, Krankenhäuser, Wohnungsbau und Stadtentwicklung investiert. Ihm war der relative Reichtum, die goldene Zeit im zwanzigsten Jahrhundert zu verdanken. Gleich 1956 benannte man die von ihm subventionierte Arbeitersiedlung »Bouser Höhe« in »Hermann-Röchling-Höhe« um.

So steht das Bild des wohlwollenden Patriarchen und sozial denkenden Industriebarons neben dem des Nazis, eines Mannes, den der Krieg reich machte und für den der Zweck alle Mittel heiligte. Diese beiden Bilder lassen sich in den Köpfen nur schwer in Einklang bringen — und unser Hüttenführer ist nur einer von vielen, die mit Empörung an das Unrecht denken, das »ihrem« Röchling widerfahren ist.

Außer Frage steht: H. Röchling hat sich persönlich bereichert, unter Ausnutzung verschleppter, versklavter Menschen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber mindestens einige Hundert Männer und Frauen sind bei der Arbeit und im Arbeitserziehungslager umgekommen. Eine offizielle Entschuldigung bei den Opfern und Hinterbliebenen gab es anscheinend nicht.

Jaha, aber das haben damals doch alle so gemacht. Es war eben ökonomisch klug. Und dann sind da noch das Schwimmbad, der Sportverein, die Pensionärsheime, die Ausbildungsplätze, die Röchling in Völklingen geschaffen hat …

Jaha. Aber das haben damals alle so gemacht. Es gehörte zu den Pflichten des Großindustriellen, sich um seine Arbeiter zu kümmern, wenn er sich nicht mit Gewerkschaften, Streiks und linkspolitischen Umtrieben herumschlagen wollte. Es war eben ökonomisch klug.

Wie viele Schwimmbäder sind nötig, um ein Menschenleben zu bezahlen?

Hermann Röchling ist Geschichte. Aber daß heute noch, im Jahr 2008, dieser Mann als Wohltäter geschildert wird, das will mir nicht in den Kopf. Wir wissen es doch besser!

Im Jahr 2000 brachte die ARD einen Beitrag zum Thema. Ich vermute, in Völklingen wurde er, wenn überhaupt, mit Kopfschütteln gesehen.

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