Kirche im Dorf

Zur Beerdigung kommt der halbe Ort, mindestens, und noch einmal so viele von weiter weg. Die Kirche ist schwarz vor Menschen und voller weißer Blumen, die Gesichter sind ernst. Hier und da werden Taschentücher verteilt.

Der Posaunenchor spielt im Wechsel mit der Orgel, und alle singen mit oder versuchen es doch. Der Pfarrer spricht laut und schön und weiß tröstliche Worte; man ist sich nachher einig, das hat er gut gesagt.

Ein Zug von Wintermänteln zur Grabstelle. Glockengeläut, Psalm 23, Staub zu Staub. Dann stehen alle in der Winterluft und werfen ihre Handvoll Erde in die Grube; Händeschütteln und Umarmen, Tränen und Freude: so sieht man sich wieder!

Nachher im Gemeindehaus ist der Kaffee dünn, der Kuchen trocken, das Gespräch gedämpft, doch das ändert sich. Allmählich wird die Gesellschaft lauter, man wirft Sätze über Tischzeilen hinweg, hier und da steckt Gelächter an. Es wird warm.

Zum Schluß kriegen alle noch ein Paket Kuchen und gehen heim, während der kleine Bagger hinter der Kirche die Grabstelle zumacht. Ein Glück hat es nicht gefroren! Es wird dunkel. Das Lachen sitzt locker in der Kehle: wir haben’s hinter uns, es ist geschafft. Und es war ein schönes Begräbnis.

Dabei kommt jetzt ja alles erst: der nächste Morgen und alle anderen danach; das Fehlen; die Träume; die Korrekturen von Numerus und Tempus und Kalender; lernen, wie ein Jahr geht. Und die Lektion: so ist das jetzt, und dieses Jetzt wird bleiben.

 

 

 

0 Kommentare zu „Kirche im Dorf

      1. Ich kenne es auch anders, von früher, das geht. Man kann einem anderen Menschen sehr viel Schmerz abnehmen oder ihn erleichtern. Man kann sehr für einen anderen Menschen da sein , wenn man das wirklich will.

  1. Im Alltag kann ein solcher Abschied Lücken hinterlassen, Verlust bedeuten, aber auch tröstliche neue Erfahrungen. Als meine Mutter starb, ist sie von ihrer Wohnung in mein Herz umgezogen, und damit hatte ich nicht gerechnet. Aber nach über einem Jahr spüre ich sie dort immer noch. 🙂

  2. Eine kleine Geschichte dazu, wenn Sie mögen. In Griechenland gibt es die Sitte, jedem bei einer Beerdigung Anwesenden ein kleines Tütchen mit gebrannten Mandeln mitzugeben, als kleinen süßen Trost sozusagen (es ist eine bestimmte Süßigkeit, die, soweit ich weiß, nie anders als zu Beerdigungen gegessen wird). Nun erzählte mir einmal eine Griechin, als Studentin seien sie und ihre Freunde derart abgebrannt gewesen; hätten dabei aber einen solchen Heißhunger auf Süßigkeiten gehabt: daß sie eines Tages sich nicht anders zu helfen wußten, als auf eine Beerdigung zu gehen, damit sie in den Genuß der gebrannten Mandeln kämen. Und da seien sie nun inmitten all der Abschiednehmenden, traurigen, schniefenden Menschen gestanden, und es sei so furchtbar traurig gewesen, daß sie alle Rotz und Wasser geheult und die Mandeln danach bitter nötig gehabt hätten. Nie wieder, hätten sie sich geschworen, würden sie das freiwillig wiederholen, und sei der Hunger noch so groß. Trauer steckt an; Lachen auch; und das ist vielleicht der größte Trost.

  3. Ich denke jetzt gerade an meinen toten Bruder, der im Januar vor 12 Jahren von uns ging.
    Diesen Januar war es das erste Mal, daß ich seinen Todestag vergaß.
    Es ist weit weg jetzt schon, aber immer noch schmerzlich.

    1. Die zeitliche Entfernung ist da, scheint’s, ganz und gar egal. Ich finde das sogar ein wenig tröstlich — der Schmerz ist das einzige, was nicht blasser wird; die Erinnerungen schon.

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