Einmal war ich samstags im Wald verabredet. Genauer gesagt: an einem Dorfbahnhof am Waldrand; und um da hinzukommen, mußte ich morgens rechtzeitig meinen Schlafplatz unter einem Baum räumen, fünf, sechs Kilometer über Waldwege bis zu dem Dorf wandern und dann für den Fall, daß die Bahn nicht pünktlich wäre, ein Wartebuch in der Tasche haben. Der Zug kam, die Verabredung stieg aus, und wir gingen erst mal einen Kaffee trinken. Den Termin hatten wir am Donnerstag vorher ausgemacht. Das war 2013.
Ich kenne sonst wenig Menschen ohne Mobiltelefon, aber doch ein paar Leute ohne Smartphone. Einer davon ist R., der mehr von Technik versteht als die meisten und der deshalb sagt, er wolle nichts in seiner Tasche, das smarter sei als er. Nun hatte sich der Treffpunkt zum Essen geändert, das konnte man ihm per SMS mitteilen, aber die Wegbeschreibung? R. kam pünktlich und allerbester Laune. Mit Logik war er in der mittelalterlichen Stadt nicht weit gekommen; aber er hatte einige freundliche Menschen kennengelernt, als er nach dem Weg fragte.
Geschichten wie diese könnten mir nicht passieren. Ich habe schon das schnurlose Telefonieren aufgegeben; ich verliere alles Schnurlose. Weil keine Schnur dran ist, vermute ich. Oder vielleicht auch, weil ich mich nicht angebunden fühlen mag.
Dieses Gefühl von Freiheit, wenn das Smartphone mal bewusst zuhause gelassen wird.
Wie blau machen, oder?
Jetzt kennst Du noch einen Menschen mehr ohne Klugfernsprecher. Und schnurlose würde ich auch ständig suchen, aber jetzt habe ich eine Kombi aus Basis- und Mobilteil. Ersteres steht immer auf dem Schreibtisch, Letzteres verstaubt in der Ecke. Das unkluge Handy dagegen vergesse ich meistens einzuschalten.
(Hätte ich mir denken können. .))
Oder es hat keinen Strom, keinen Empfang, oder man erkennt das Klingeln nicht …
Adalbert Stifter, und wie die alten Dorfbeschreiber so alle heißen…ach, ne, das wollte ich doch gar nicht sagen.
Auf jeden Fall ´nen schönen Gruß hierlassen –
Sonja
Danke! Bergkristall wäre mit Telefon nicht gegangen. Und auch sonst …
(Hat sich eigentlich schon mal jemand die Mühe gemacht, Werke der Weltliteratur ins Zeitalter des Mobiltelefons zu portieren? Das denke ich mir ganz unterhaltsam. Vermutlich wär’s nur bei Moby Dick egal …)
Ich finde das mein Telefon Dinge kann, von denen ich immer geträumt habe. Bin aber auch froh, dass ich es noch ohne kann -Pfadfinder halt.
Ansonsten halte ich es mit Dieter Nuhr: „Früher ging das doch auch, das mit dem Verabreden. Und wenn man dann zu spät gekommen ist und der andere war schon weg…? Dann war das Scheiße.“;-)
Andererseits, ich habe schon Leute über die neuen Verabredungen klagen hören: 20 Leute sagen halb zu, und von denen sagen 18 kurz vor knapp wieder ab.
Pfadfinder muß man bleiben! Karten lesen ist im Zweifel nützlicher als Instruktionen folgen können.
In unserem letzen Urlaub in Barcelona hatten ein Freund und ich einen kleinen Wettbewerb: Ich Baedecker und Karte – er Google. Die ersten zwei Tage, als man sich orientieren musste, lag ich vorne. Danach war er einfach schneller – auch beim kulturellen Halbwissen.
Bliebe nur zu klären, ob schneller auch besser ist. Zumal im Urlaub. .)))
(Ein Besucher gestern schilderte eine Szene aus der Stadt: ein Grüppchen Amerikaner, die laut redeten, aber nicht mit einander, sondern mit ihren elektronischen Assistenten. „OK Gugel, where do I find the next restaurant?“ Ich meine, das will man doch auch nicht. Und dann nur Restaurants finden, die Gugel kennt …)
Karten? Ja, wenn wir damals Karten gehabt hätten …!
Sie können das alles auch ohne? Ich bin beeindruckt.
An Verabredungen in 3 Wochen nur mit einer Postkarte angekündigt kann ich mich gut erinnern. Die haben immer geklappt.
Ja, nicht? Sogar einmal übers Meer, und man hat sich an einer Bushaltestelle getroffen. War 1999 noch gar nix Besonderes.
Ja, ich habe mir (auch) angewöhnt, das smarte Teil immer öfter einfach zuhause liegenzulassen… es fühlt sich wesentlich zwangloser und unverpflichteter an…
Man muß sich für gewisse Dinge vorher entscheiden. Das spart unterwegs den Streß, den man hat, wenn alle Möglichkeiten offen stehen.
Meins hat grad eine Schnur dran, während ich dich lese. Aber du hast ja irgendwie recht. Nun ja.
Ach naja, für mich habe ich recht. Für andere weniger; gibt halt Lebensweisen, die gehen nicht ohne mobile Erreichbarkeit.
Was mich allerdings stören würde, wäre, wenn etwa Bezahlen und Ausweis davon abhingen. Ist noch nicht so weit, aber die Möglichkeit besteht.
Das will ich auch nicht, brrr, was ein grusliger Gedanke!
Bezahlen und Ausweis? Ist doch alles schon drin in den Kisten. Near Field Communication (NFC) an der Supermarktkasse und wenn man sich im Internet irgendwo anmelden will, heißt es doch immer öfter: Wir schicken einen Code per SMS, den tippen Sie dann hier ein.
In Wirklichkeit besteht doch bei einer ganzen Menge Menschen ein erheblicher Teil ihrer Identität aus ihren klugen Telefonen. Das hat Herr Mess gerade schmerzlich erfahren.
Vermutlich ist das Rezept gegen Identitätsverlust: Sichern in der Cloud.
(Was alles schon machbar ist, habe ich bereits bewundert — ja, wirklich praktisch. Zum Beispiel: Keine Tickets mehr ziehen müssen, sondern bequem per Telefon durch den Nahverkehr gelotst werden, und was man verfährt, wird nachher abgebucht? Schick. Nur würde mir die Datenspur nicht gefallen, die ich so hinterlasse.)
Ich verschleiere sie geschickt, die Datenspur: Tochter 3.0 und ich buchen Smartphonetickets über den gleichen Account. So kann es vorkommen, dass mein Konto bei den Verkehrsbetrieben schon mal zeitgleich auf zwei verschiedenen Strecken unterwegs ist 😉
Noch bequemer wäre ein steuerfinanzierter freier Nahverkehr für alle.
Genau! Bedingungsloses Grundeinkommen und Nachverkehr gratis! (Aber ich befürchte, wir driften thematisch gerade ab.)
(Ja, leider: Fantasy.)
Gäbe es mehr steuerlich finanzierte Grundleistungen (garantierter Mindestwohnraum; gesetzlich festgelegter Brotpreis; Nahverkehr; Schwimmbäder; Kindergärten; Musikschule etc.), dann wäre auch das Grundeinkommen nicht mehr so dringlich.
Freilich erhöbe sich dann sofort ein Heer von Leuten, die laut krähten, daß sie nicht bereit seien, Steuern zu zahlen für Nahverkehr, weil sie sowieso Auto führen, Kindergärten überflüssig fänden, weil sie keine Kinder hätten etc. p. p. Und überhaupt, sie würden lieber Freibier haben. Und schon wäre der Solidargedanke vor lauter Eigenglücksschmieden dahin.